Dass die Modeindustrie oft mehr Schein als Sein ist, wissen sicherlich die meisten. Auch die Bloggerin Janina Sell beschäftigt sich mit dem Thema und ist nun stolze Anhängerin der Slow Fashion-Mode. Mit ihrer fröhlichen Art klärt sie ihre Follower:innen auf Instagram auf, wie jede:r einzelne etwas der Fast Fashion entgegensetzen kann. Aus diesem Grund haben wir sie zu unserer weekly heroine gekürt.

Jede Woche ernennen wir bei wmn eine junge Frau zu unserer weekly heroine, die uns besonders inspiriert und mit ihrem Schaffen ein Vorbild für uns und viele andere Frauen ist. Frauen wie Janina empowern uns, über unser Konsumverhalten nachzudenken und die Welt so zu einem besseren Ort zu machen, aber überzeuge dich gerne selbst von ihrer Heldinnenhaftigkeit!

Janina Sell: Kurz & knapp

  • Janina ist 24 Jahre alt, kann sich aber laut ihrer eigenen Aussage nicht mit dem Alter identifizieren und fühlt sich noch immer wie 21.
  • Sie begann sich schon im Alter von 15 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen und wurde mit zehn Vegetarierin. Heute lebt sie vegan.
  • Vor zwei Jahren entschied sie sich, komplett auf Fast Fashion zu verzichten und fühlte sich durch diese Entscheidung so, als würde sie noch einmal vegan werden.
  • Auf ihrem Instagram-Account klärt sie ihre fast 30.000 Follower:innen zum Thema Slow Fashion, Nachhaltigkeit und Veganismus auf.
Janina Sell
Janina Sell ist Slow Fashion-Bloggerin. Wir durften sie zu diesem Thema interviewen! Foto: Janina Sell via canva

Janina Sell im Interview: „Eine Person braucht dieses Kleidungsstück vielleicht nicht, während eine andere genau das sucht“

wmn: Du setzt dich für Slow Fashion und Nachhaltigkeit ein. Wie würdest du Slow Fashion jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?

Janina Sell: Slow Fashion ist für mich zusammengefasst einerseits Second-Hand und Vintage-Fashion – Kleidung, die schon da ist und nur ihre Nutzer:innen wechseln. Eine Person braucht dieses Kleidungsstück vielleicht nicht, während eine andere genau das sucht. Wenn man über neue Kleidung spricht, gehört natürlich auch Fair Fashion in diesen Themenbereich.

Außerdem würde ich zu einem gewissen Teil auch Handgemachtes dazuzählen. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um Fair Fashion. Allerdings zählt es zu Slow Fashion, da sich jemand zu Hause hinsetzt und die Kleidung selbst macht und diese nicht aus der maschinellen Fast Fashion-Industrie stammt.

„Leider gehört viel mehr zu Fast Fashion, als man eigentlich denkt.“

wmn: Und welcher Unterschied besteht zwischen Slow und Fast Fashion?

Janina Sell: Die Fast Fashion-Industrie ist eine sehr dreckige Industrie. Und leider gehört viel mehr zu Fast Fashion, als man eigentlich denkt. Als ich mit Freundinnen darüber gesprochen habe, wurden Luxusmarken wie Ralph Lauren genannt und die Frage, ob diese auch Fast Fashion sind. Und natürlich sind sie es, auch wenn diese Sachen teilweise teurer sind als die Kleidung von H&M oder Zara.

Fair Fashion grenzt sich da natürlich ab, indem geschaut wird, welche Materialien verwendet werden. Außerdem spielt der Herstellungsprozess eine Rolle: Wie wird hergestellt? Wird darauf geachtet, dass die verwendeten Ressourcen klein gehalten werden? Ein weiterer wichtiger Aspekt ist zudem die Behandlung der Menschen hinter der Mode. Werden sie vernünftig bezahlt? Haben sie angemessene Arbeitsbedingungen, welche oft im Fast Fashion-Bereich nicht mal mehr nachverfolgbar und in den meisten Fällen alles andere als gut sind.

„Das sind Dinge, an denen man erkennt, dass ein Unternehmen sich um Nachhaltigkeit bemüht oder ob es ihnen egal ist.“

Aber es spielen auch andere Dinge eine Rolle. Diese reichen von Verpackungen, in denen die Mode versendet wird bis zum ökologischen Fußabdruck, der von Slow Fashion-Unternehmen möglichst klein gehalten wird – während sich Fast Fashion-Marken darum nicht scheren. Plastikfreie Verpackungen, klimaneutraler Versand und die anderen genannten Dinge sind natürlich keine genauen Voraussetzungen, die alle Slow Fashion-Unternehmen erfüllen müssen. Aber diese Dinge zeigen, ob ein Unternehmen sich um Nachhaltigkeit bemüht oder ob es ihnen egal ist.

Janina Sell
Janina Sell setzt sich für Nachhaltigkeit und Slow Fashion ein. Foto: Janina Sell via canva

„Nachhaltigkeit ist ein Thema, welches in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.“

wmn: Fast Fashion-Marken wie H&M und Primark werben viel mit dem Versprechen, jetzt nachhaltiger zu werden. Ist das mehr Schein als Sein oder steckt dort auch Wahrheit dahinter?

Janina Sell: Nachhaltigkeit ist ein Thema, welches in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Und fast Fashion-Unternehmen müssen sich natürlich nach diesem Grundsatz richten, um so viele Menschen wie möglich anzusprechen. Es gibt natürlich Leute, und da muss ich mich mit einschließen, die auf diese nachhaltigen Kampagnen hereinfallen.

Hätte Zara früher eine nachhaltige Kollektion herausgebracht, hätte ich das erst mal geglaubt und mich gut gefühlt. Natürlich muss man dann diese Kampagne mit der anderen Kleidung der Marke vergleichen. Wenn diese Marken ein T-Shirt aus Biowolle herstellen, ist das natürlich besser, als wenn es aus Polyester gefertigt ist. Es ist aber trotzdem keine Fair Fashion und ich persönlich würde empfehlen, sich kein grünes Gewissen einzukaufen.

Große Unternehmen, die eine nachhaltige Kollektion herausbringen, betreiben Greenwashing. Es wird also versucht, ein grüneres Image darzustellen, als sie vertreten, denn im Endeffekt ist dahinter eine ganz einfache Intention: Geldverdienen.

„Die Modebranche erzeugt mehr Emissionen als der Flugverkehr und der Schiffsverkehr zusammen.“

wmn: Du hast nun öfters den Umweltschutz in Verbindung zu Slow Fashion erwähnt. Wie steht Mode denn im Zusammenhang mit dem Klimawandel?

Janina Sell: Die Modebranche erzeugt mehr Emissionen als der Flugverkehr und der Schiffsverkehr zusammen. Wenn man sich mit einer nicht-nachhaltigen Tätigkeit beschäftigt, denkt man immer zuerst an den Flugverkehr, der natürlich auch nicht nachhaltig ist. Aber es gibt eben noch größere Industrien, die noch mehr produzieren – da ist die Modeindustrie auch ganz vorne mit dabei. Und das bezog sich nur auf die Emissionen.

Janina Sell
Janina postet auf ihrem Instagram viel zur Aufklärung bezüglich der Modeindustrie. Übersetzt: Es gibt 7,6 Billionen Menschen auf der Welt und trotzdem produzieren wir 150 Billionen Kleidungsstücke pro Jahr. Foto: Janina Sell via canva

„Deshalb ist es wichtig, dass man aufklärt, was die Modeindustrie auch für Klimaschäden mit sich bringt.“

Es hängt noch viel mehr damit zusammen. Zum Beispiel die Verschmutzung der Flüsse durch die Chemikalien, die in der Modeindustrie bei der Herstellung verwendet werden. Bis hin zum Abtransport von nicht-verkaufter Kleidung in die Wüste. Dort werden einfach Berge an Kleidung abgelagert, die entweder nicht verkauft oder verwertet wurden.

Und das kann auf Dauer nicht so weitergehen, wenn es sich auch noch um Kleidung handelt, die aus Polyester produziert wurde. Das bedeutet, dass ein Berg von Plastik einfach in der Wüste liegt. Und das ist alles andere als klimafreundlich. Deshalb ist es wichtig, dass man aufklärt, was die Modeindustrie auch für Klimaschäden mit sich bringt.

wmn: Worauf kann man deiner Meinung nach beim Kauf von Kleidung oder bei schon vorhandenen Teilen achten, damit diese länger halten?

Janina Sell: Man kann darauf achten, dass man so wäscht, wie auf den Schildern angegeben. Wenn man nur Weißes mit Weißem wäscht, kann man sich das Strahlen der Kleidung länger bewahren. Ein kleiner Tipp von mir persönlich: Ich trage meine guten und wertvollen Kleidungsstücke wirklich nur zu Anlässen, wo ich diese Kleidung als angemessen empfinde.

Zu Hause, wo mich eh niemand sieht, würde ich niemals mein Lieblingstop anziehen. Denn je mehr die Sachen gewaschen werden, desto mehr verschleißen sie. Ich kann es nur jedem empfehlen, zu Hause oder zum Schlafen bequeme Sachen anzuziehen, die man aber draußen nicht mehr anziehen würde. Denn das sind die Sachen, die oft in die Wäsche kommen, schnell verschleißen und bei denen es dann aber egal ist.

„Man kann sparen und gleichzeitig mit den Trends gehen.“

wmn: Könntest du unseren Leser:innen ein paar Tipps mit auf den Weg geben, wie man als fashionable Person weniger Neues kaufen kann?

Janina Sell: Einerseits kann ich den Second Hand-Kauf empfehlen. Da gibt es super viele Kleidungsstücke, die viele Leute gar nicht mehr tragen. Und diesen Teilen ein neues Leben zu geben, ist immer ein schönes Gefühl. Außerdem ist es auch vom Preis her billiger. Vor allem Studierende können sich nicht immer Fair Fashion leisten, sodass Second Hand dafür eine tolle Alternative ist.

Man kann sparen und gleichzeitig mit den Trends gehen. Natürlich soll das nicht zum Überkonsum führen. Deshalb gibt es auch viele Sachen, die man vor dem Kauf tun kann. Ich überlege mir oft, bevor ich etwas kaufe, ob ich etwas in meinem Kleiderschrank habe, was so ähnlich oder vielleicht sogar gleich ist. Außerdem frage ich mich, ob ich das gewünschte Kleidungsstück auch wirklich trage und wie oft trage oder ob ich es einfach nur aus Prinzip haben will.

Vor allem, wenn es um schicke Anlässe geht, frage ich mich auch oft, ob ich mir etwas bei Freundinnen ausleihen kann. Es gibt mittlerweile auch viele Plattformen, wo man sich Kleidungsstücke leihen kann, was auch eine Möglichkeit für besonders schicke Teile ist, die man vielleicht sonst nur einmal anzieht. Was mir auch besonders geholfen hat: Ich habe mich damit beschäftigt, welche Farben mir eigentlich stehen und herausgefunden, dass manche Farben einfach nicht mein Ding sind. Es ist total befreiend gewesen, dass ich diese Farben, die mir nicht stehen, gar nicht mehr anschauen brauchte.

Janina Sell
Von unserer weekly heroine Janina kann nicht nur die Modeindustrie etwas lernen. Foto: Janina Sell via canva

„Wenn ich ein Kleidungsstück suche, gehe ich auf Vinted und werde meistens fündig – das ist mein normaler Ablauf.“

wmn: Zu guter Letzt: Wie kann jede:r Einzelne einen Beitrag zu Slow Fashion leisten?

Janina Sell: Jeder kann erst einmal seinen eigenen Konsum reflektieren. Und individuell fallen einem dann immer Sachen auf, die man besser oder anders machen könnte. Wenn man zum Beispiel Lust auf ein neues Kleidungsstück hat und früher auf die Bershka-Seite gegangen ist, kann man jetzt dieses Kleidungsstück bei Vinted suchen. Vinted hat sogar ähnliche Filtermöglichkeiten wie Bershka, Zara und Co. Wenn ich ein Kleidungsstück suche, gehe ich auf Vinted und werde meistens fündig – das ist mein normaler Ablauf.

Außerdem gehe ich nur noch sehr wenig shoppen, weil da das Verlangen groß ist, etwas zu kaufen. Manchmal mache ich es aber doch. Allerdings nicht mit der Intention, etwas zu kaufen, sondern um zu schauen, ob mir gewisse Kleidungsstücke stehen. Das ist der Nachteil, wenn man im Internet etwas Second Hand kauft: Man kann es nicht anprobieren. Deswegen probiere ich in Shops diese Teile an und weiß dann, dass mir dieser Schnitt steht oder nicht. Danach weiß ich, ob ich nach diesem Teil bei Vinted suchen kann.

Liebe Janina, danke für das tolle und aufschlussreiche Interview!

Noch mehr weekly heroines findest du hier: