Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit mir selbst spreche. Besser gesagt schimpfe ich süffisant mit mir, wenn mir mal wieder etwas richtig Dummes widerfährt. Neulich ist mir beispielsweise mein Cremetiegel runtergefallen und kaputtgegangen: „Klar, Lisa, hau weg das Ding!“, ermahnte ich mich dann. Aber auch beim Kochen gebe ich mir lauthals Anweisungen: „Jetzt bloß nicht mit der Sojasoße ausrutschen!“ Und vor Bewerbungsgesprächen spreche ich mir im Flüsterton vorm Spiegel Mut zu: „Du kannst das, du verdienst das!“ Doch ist das eigentlich normal? In diesem Artikel erfährst du, warum es sogar ziemlich hilfreich ist, ab und an Selbstgespräche zu führen.

Selbstgespräche sind befremdlich, aber wichtig

Wer gibt schon gerne zu, dass er Selbstgespräche führt? Auch mir fielen die ersten Zeilen dieses Textes schwer. Denn das Stigma gegenüber Selbstgesprächen ist groß. Wir werden alle das befremdliche Gefühl kennen: Da steht man beispielsweise im Supermarkt an der Kasse und hört, wie jemand laut Geld zählt oder mit sich selbst spricht, ob er noch etwas vergessen hat. Wir ertappen uns bei dem Gedanken, ob mit der Person alles in Ordnung ist. Immerhin führen wir unsere Selbstgespräche lieber im Privaten.

Spiegel
Selbstgespräche sind völlig normal und sogar sehr hilfreich! Credit: IMAGO / Westend61

Doch Selbstgespräche sind bis zu einem gewissen Grad keineswegs Anzeichen von einer psychischen Störung. Vielmehr sind sie ein hilfreiches Werkzeug, um uns zu organisieren, zu reflektieren und auch, um uns selbst zu bestätigen.

Selbstgespräche gehören zum Aufwachsen dazu

Am besten kann man sie bei Kindern im Alter zwischen drei und fünf Jahren beobachten. Denn Kinder diesen Alters sind frei von Scham, voller Fantasie und müssen enorm viele Eindrücke verarbeiten. Die Folge: Sie singen, reden und brabbeln ständig vor sich hin. Damit helfen sie sich selbst beim Nachdenken, beim Lösen von Aufgaben und sortieren Geschehnisse richtig ein. Ich habe mir beispielsweise als Kind an jeder Straße laut vorgesprochen, dass ich erst nach links, dann nach rechts und dann wieder nach links gucken soll.

Dass Selbstgespräche bei Kindern nicht nur häufig, sondern vor allem wichtig sind, beweist eine amerikanische Studie, die 2007 an der George Mason University Fairfax in Virgina veröffentlicht wurde. Diese konnte zeigte, dass Kinder, die ein Rätsel lösten und dabei mit sich selbst sprechen durften, schneller waren als Kinder, denen das Sprechen untersagt war. Übrigens hören Kinder etwa mit dem sechsten Lebensjahr auf, laut Selbstgespräche zu führen und gehen über in den Flüsterton.

Wer Selbstgespräche führt, ist konzentrierter

Und auch Erwachsene performen besser, wenn sie laut Selbstgespräche führen. So konnte eine amerikanische Studie aus dem The Quarterly Journal of Experimental Psychology nachweisen, dass Selbstgespräche die visuelle Wahrnehmung beeinflussen. Hier sollten die Proband:innen in komplexen Bildern Gegenstände erkennen. Diejenigen, die den Gegenstand laut benennen durften, fanden ihn schneller – jedenfalls solang der Begriff und sein Abbild sich sehr ähnlich waren. Andernfalls wurde die Suche negativ beeinträchtigt. Selbstgespräche unterstützen demnach bei der laufenden visuellen Verarbeitung.

Frau Spiegel
Selbstgespräche helfen dabei, sich besser zu fokussieren und zu konzentrieren, Credit: IMAGO / Westend61

Wie wertvoll es ist, Selbstgespräche zu führen, wissen auch Leistungssportler:innen. Hier ist es völlig normal, vor Wettkämpfen im inneren Monolog mit sich zu stehen, um sich selbst Mut und Motivation zuzusprechen, aber auch um sich zu beruhigen. Einmal den Fernseher zur Leichtathletik-WM angemacht, wird es keine Minute dauern, bis du solche Selbstgespräche startest.

Übrigens: Thomas Brinthaupt von der Middle Tennessee State University in Murfreesboro hat herausgefunden, dass Einzelkinder deutlich häufiger Selbstgespräche führen als Geschwisterkinder. Und auch wer als Kind einen imaginären Freund hatte, tendiert als Erwachsener eher zu Selbstgesprächen.

5 Gründe, öfter Selbstgespräche zu führen

Du siehst, Selbstgespräche zu führen ist absolut normal und sogar wirklich hilfreich. Du bist noch nicht überzeugt? Dann haben wir hier fünf vielversprechende Gründe für dich, öfter mal Selbstgespräche zu führen:

1. Selbstgespräche als Entscheidungshilfe

Wusstest du, dass emotionaler Ballast durch die Versprachlichung von Erlebtem abgebaut werden kann? Deswegen ist Tagebuch-Schreiben reinster Balsam für die Seele. Aber auch wer mündlich Selbstgespräche führt, kann Dinge besser verarbeiten und Gefühle reflektieren. Das hilft letzten Endes dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren und leichter Entscheidungen zu treffen.

Warum du die Bullet Journal-Methode ausprobieren solltest, liest du hier.

2. Luftablassen durch Selbstgespräche

Kein Witz: Mit Selbstgesprächen lässt sich Stress abbauen. Statt Gefühle aufzustauen, die uns zunehmend belasten können, sollten wir ihnen freien Lauf lassen. Wir alle kennen das befreiende Gefühl, wenn wir uns etwas von der Seele geredet haben. Warum nicht auch, wenn wir mit uns allein sind?

3. Beruhigen mit Selbstgesprächen

Wer von nervöser Unruhe oder Panikattacken betroffen ist, kann sich mithilfe von Selbstgesprächen beruhigen. Dafür kann man sich ein eigenes Mantra zulegen, welches man wiederholt. Richtiges Atmen kann zusätzlich helfen.

Was hinter sozialer Angst steckt und wie du Panikattacken loswirst, liest du hier.

4. Selbstgespräche zur Motivation

Selbstgespräche führen kann aber auch die eigene Motivation ankurbeln und zu Höchstleistungen anspornen. Nehmen wir mein Beispiel vom Beginn mit dem Bewerbungsgespräch: Wer sich selbst sagt, dass er etwas schaffen wird, geht gestärkt in die Situation und wird das auch ausstrahlen. Die Chancen auf einen neuen Job werden dadurch erhöht. Das bestätigt auch das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung.

Was außerdem beim Erreichen von Zielen hilft, liest du hier.

5. Konzentration durch Selbstgespräche

Verschiedene Studien konnten bereits nachweisen, dass Selbstgespräche die Konzentration erhöhen können. Du sitzt gerade über einer wichtigen Aufgabe? Dann erkläre dir einfach laut deine Argumentationsstruktur oder deine Herangehensweise. (Logik-)Fehler werden sich hierdurch schneller offenbaren und du bist fokussierter. Wer Selbstgespräche führt, rückt sich außerdem in die aktive Rolle des Problemlösers oder der Problemlöserin. Das stärkt das Selbstbewusstsein und macht uns mutiger.

Beachte: Auf die Art & Weise kommt es an

Selbstgespräche sind am effektivsten, wenn sie aktiv und bewusst stattfinden. Mit sich zu schimpfen, weil man einen Fehler gemacht hat, wie ich in dem Beispiel mit dem Cremetiegel, ist wenig hilfreich. Besser ist es, wertschätzend und geduldig mit sich zu sprechen. Statt sich selbst schlecht zu machen – hierzu neigen vor allem depressive Menschen oder solche, die von Angststörungen betroffen sind – sollte man gnädig und wohlwollend mit sich selbst sprechen.

Denn Worte, vor allem die eigenen, haben einen großen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Wer sich bewusst positiv mit sich unterhält und reflektiert, kann so zum Beispiel das Selbstbewusstsein stärken und an der eigenen Motivation schrauben.

Du stellst dir oft die Frage „Bin ich selbstbewusst?“ Hier haben wir die Antwort für dich.

Frau crazy
Selbstgespräche werden ab dem Moment problematisch, an dem man sie nicht mehr mitbekommt oder sie als Fremdgespräche wahrnimmt. Credit: IMAGO / Westend61

Ab wann werden Selbstgespräche problematisch?

Wer ab und an Selbstgespräche führt, ist völlig normal und unterstützt obendrein seine eigenen kognitiven Fähigkeiten. Doch weißt bedeutet „ab und an“? Wie viel ist zu viel?

In der Gesellschaft werden Selbstgespräche häufig mit psychischen Störungen verknüpft. Tatsächlich ist es so, dass Selbstgespräche auch bei mentalen Erkrankungen wie Depressionen, Demenz oder auch bei Psychosen vorkommen. Krankhafte Selbstgespräche lassen sich dann daran erkennen, dass dieselben Sätze immer wieder wiederholt werden oder daran, dass vor sich hingeschimpft wird. Auch wer in der Öffentlichkeit sehr laut mit sich spricht, ist nicht mehr im Rahmen dessen, was die Gesellschaft als ‚normal‘ abstempeln würde. Hier weisen Selbstgespräche in der Regel auf eine mentale Erkrankung hin.

Allerdings empfinden Betroffene diese Gespräche keineswegs als Selbstgespräche. In der Regel hören sie Stimmen oder sprechen zu einer verstorbenen Person. Sie haben also das Gefühl, als würden sie sich mit anderen unterhalten. Sobald Selbstgespräche nicht mehr von Fremdgesprächen unterschieden werden können, werden sie demnach zum Problem.

Selbstgespräche als Werkzeug für ein besseres Selbst verstehen

Wir halten fest, dass Selbstgespräche zu führen keineswegs als verrückt abgestempelt werden sollte – so befremdlich es in der Öffentlichkeit auch wirken mag. Vielmehr sollte man sich selbst animieren, viel mehr Selbstgespräche zu führen! Denn die können, solange sie positiv und wohlwollend angelegt sind, wahre Wunder in Sachen Selbstwert, Konzentration und Organisation bewirken.

Mehr zum Thema gefällig?