Stand ich als Kind vorm Fahrstuhl, drückte ich den Knopf, ungeduldig wie ich war, gleich zehnmal. Bis heute konnte ich diese Ungeduld nicht ablegen: Habe ich es eilig und die U-Bahn verspätet sich, könnte ich einen Aufstand anzetteln und verspäten sich Freundinnen zu einem Treffen, muss ich nicht selten ein „Auch schon da!“, runterschlucken. Tatsächlich bin ich mit meiner Ungeduld aber nicht allein – kein Wunder in einer sich immer schneller drehenden Welt. Und doch muss ich mich fragen: Woher rührt diese Ungeduld und wie kann man Geduld lernen? Antworten auf diese Fragen habe ich für dich in diesem Artikel zusammengetragen.

Ungeduld liegt in unserer Natur

Der Duden definiert Geduld als „Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten von etwas“. Laut einer Befragung geben gerade einmal 5,5 % die volle Punktzahl bei der Frage an, wie geduldig sie sind. Ertragen und Warten sind demnach keine Dinge, die wir Menschen besonders gut können. Ganz im Gegenteil: Wir wollen alles so schnell es geht. Warten? Ohne uns!

Der Psychologe Dr. Leon Windscheid macht auf diesen Umstand in seinem Buch „Besser Fühlen – Eine Reise zu mehr Gelassenheit“ anschaulich aufmerksam. Er beschreibt, dass er als Kind sehnsüchtig auf seine Lieblingsserie „Unser Charly“ warten musste, bis samstags eine neue Folge rauskam. Auch ich erinnere mich daran, wie ich mich früher an feste Fernsehzeiten klammerte und jeden Sonntag „Hausmeister Krause“ guckte.

Windscheid schreibt: „Netflix, Sky, Amazon Prime und andere Streamer haben das Warten abgeschafft. […] Zwischen 2013 und 2016 hat sich die Zahl der „Binge Racer“, wie Netflix Menschen nennt, die eine Serie am Tag ihrer Veröffentlichung komplett ansehen, auf 8,4 Millionen User verzwanzigfacht.“

Fernseher TV Streaming Netflix
Würde unsere Stromrechnung und Aufmerksamkeit es zulassen, wir würden wohl vor lauter Ungeduld mehrere Serien gleichzeitig sehen. Foto: Unsplash

Woher kommt diese stetig wachsende Ungeduld? Warum drücken wir den Fahrstuhlknopf mehrfach, obwohl ihn das auch nicht schneller kommen lässt? Wieso kommen uns fünf Minuten Wartezeit auf die U-Bahn wie eine halbe Ewigkeit vor? Warum halten wir es kaum aus, einen zweistündigen Film ohne Smartphone in der Hand zu verbringen? Wie kann es sein, dass wir nervös und sogar wütend werden, wenn unser Gegenüber nicht auf den Punkt kommt?

Gerade bei letztem Punkt fühle ich mich zugegebenermaßen besonders ertappt. Was mich überraschte: Laut Umfragen geht es über der Hälfte der Menschen so!

Der Marshmallow-Test: Ist Geduld angeboren?

Die Forschung versucht bis heute Antworten auf diese Fragen zu finden. In der Vergangenheit gingen zahlreiche Wissenschaftler:innen vor allem der Frage nach, ob Ungeduld angeboren oder anerzogen ist. Ein berühmtes Experiment dazu ist der sogenannte „Marshmallow-Test“ des Psychologen Walter Mischel, welchen er in den 1960-er Jahren durchführte.

Mischel setzte im Test vierjährigen Kindern ein Marshmallow vor und versprach ihnen einen zweiten, würden sie den ersten bis dahin nicht anrühren. Wer die Fernsehwerbung für Ü-Eier kennt, welche dieses Experiment nachahmte, wird wissen, dass die meisten Kinder lieber zur Leckerei greifen als zu warten. Lange Zeit sah man in diesem Test den Beweis dafür, dass Ungeduld angeboren sei. Ganz so leicht ist die Sache jedoch nicht.

In späteren Studien konnte nämlich gezeigt werden, dass die Selbstkontrolle auch eine Frage vom Umfeld der Kinder und ihrer Erfahrungen ist. Kinder mit Müttern, die einen hohen Bildungsabschluss haben, warten demnach beispielsweise deutlich länger, bis sie zur Süßigkeit greifen.

In anderen Studien zeigte sich zudem, dass auch der kulturelle Hintergrund bei der Geduld entscheidend ist. So führte ein Forschungsteam der Universität Osnabrück rund um die Psychologin Bettina Lamm den Marshmallow-Test 2017 erneut mit deutschen und mit kamerunischen Kindern aus Bauernfamilien durch.

Geduld ist eine Frage der Erziehung

Das Ergebnis zeigte, dass 70 % der Kinder aus Kamerun auf die zweite Süßigkeit warteten, während es unter den deutschen Kindern gerade einmal 28 % waren! Der Rest der deutschen Kinder zappelte ungeduldig und beschimpfte die erste Süßigkeit sogar. Die Forscherin ist sich nach ihrem Test sicher, dass Geduld eine Frage der Erziehung ist. Wir werden demnach dazu erzogen, ungeduldig zu sein, weil uns beigebracht wird, aktiv zu sein und einzufordern, was uns vermeintlich zusteht.

Heutige Technologien beschleunigen diesen Prozess nur noch, meint auch Windscheid, der in seinem Buch die führende Expertin Sarah Schnitker zum Thema Geduld zu Wort kommen lässt. Sie meint: „Ich glaube, dass wir die Geduld in westlichen Gesellschaften aufgrund von Technologie aufgegeben haben“. Unternehmen wie Amazon locken beispielsweise mit Sofort-Käufen und werben mit Drohnenlieferungen in der Zukunft, die Waren in unter 30 Minuten anschaffen sollen.

Höre ich von solch visionären Ideen, wird mir beinahe schwindelig, weil ich in diesen Momenten zu spüren glaube, wie sich die Welt tatsächlich schneller dreht. Es sind auch diese Momente, in denen ich an den ehemaligen Safthändler meiner Oma denke, der einmal pro Woche mit dem Lastwagen zu ihrer Dorfstraße gefahren kam, um für Nachschub zu sorgen. Heute müsste sie lediglich ihr Sprachassistenzsystem darum bitten, eine neue Bestellung auszulösen.

Frau ungeduldig
Dass wir alle immer ungeduldiger werden, ist auch eine Frage unserer immer schneller werdenden Welt. Foto: canva.com/ Comstock

Ungeduld hat Folgen

Eine schnelllebige, ungeduldige Gesellschaft bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Wo so manche einen Fortschritt sehen, sehen andere, darunter auch Windscheid, vor allem die stetig steigenden Zahlen von mentalen Erkrankungen.

Fakt ist, dass Ungeduld keine harmlose Schwäche ist, die wir gerne charmant in Vorstellungsgesprächen zu verkaufen versuchen. Ungeduld kann vielmehr krank machen. Denn sie befördert ständige innere Unruhe und setzt den Körper unter Dauerstress. Schlaf- und Magenprobleme und Burn-out sind demnach mögliche Begleiterscheinungen eines ungeduldigen Lebens.

Geduld lernen: 3 Tipps, die dich geduldiger stimmen

Das einzig Gute an der Ungeduld in meinen Augen ist, dass wir an ihr arbeiten können. Wir haben die Wahl, ob wir den Geduldsfaden reißen lassen und unsere Gesundheit aufs Spiel setzen oder ob wir lieber Geduld lernen wollen. Ich für meinen Teil möchte dem Hamsterrad meiner ständigen Ungeduld entfliehen. Sollte es auch dir so gehen, dass du der ständigen Hektik entsagen möchtest, habe ich hier drei Tipps für dich:

1. Mache dir bewusst, dass Geduld eine Tugend ist

Wer Geduld lernen möchte, sollte sich zunächst bewusst machen, dass diese Eigenschaft eine wahre Tugend ist. Mit dem Ziel vor Augen lernt es sich immerhin leichter. So weiß die Wissenschaft heute beispielsweise, dass Ungeduld hinderlich in sozialen Beziehungen ist.

Immerhin wird niemand gerne gedrängelt und kein Mensch lässt sich gerne stressen. Wer Geduld lernt, ist demnach sozialer und menschlicher. Geduld lernen hilft dabei, Mitmenschen offener zu begegnen und sie besser kennenzulernen. Während die Ungeduldigen schnell weiterwollen oder während eines Gesprächs ständig auf ihr Handy starren, nehmen sich die Geduldigen Zeit.

Wissenschaftliche Studien beweisen zudem, dass Geduld eine Frage der Persönlichkeit ist. Geduldige Menschen sind in der Regel hoffnungsvoller, kooperativer und empathischer. Zuletzt hilft Geduld langfristig dabei, Ziele zu erreichen und zahlt auf unseren Erfolg ein!

2. Lerne, wann du ungeduldig wirst

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Reflektiere dich und nimm wahr, in welchen Momenten du ungeduldig wirst. Nur auf die Art kannst du im Anschluss aktiv dagegen vorgehen. Bemerkst du, dass du unruhig, nervös und ungeduldig wirst, frage dich, warum das so ist.

Hast du es vielleicht eilig, weil ein wichtiger Termin wartet? Oder machst du dir vielleicht völlig unnötig Stress? Frage dich auch, ob verschiedene Faktoren deine Ungeduld verstärken. Vielleicht hast du Hunger oder bekommst Druck von deinem Chef oder deiner Chefin auf der Arbeit? Atme tief durch und lasse das Gefühl kurz zu, bevor es weiter zum nächsten Schritt geht.

Frau wartet
Statt zu hetzen, atme tief durch und denke positiv. Klingt einfacher gesagt als getan? Lohnt aber allemal. Foto: imago images/Addictive Stock

3. Deute die Situation positiv um

„Das ist alles nur in deinem Kopf“, trällere ich oft vor mich hin, wenn mich mal wieder Sorgen, Ängste und Ungeduld zu überrollen drohen. Und genau diesen Umstand solltest auch du dir vergegenwärtigen. Deine Wahrnehmung und allen voran deine Einstellung zu einer bestimmten Situation entscheiden darüber, ob du ungeduldig wirst. Daher solltest du versuchen, Situationen, die Ungeduld bei dir auslösen, positiv zu begegnen.

Wartest du etwa genervt auf eine U-Bahn, empfiehlt es sich, innezuhalten und sich hinzusetzen. Atme hier tief durch und höre auf, die Situation zu verfluchen. Daran ändern kannst du eh nichts. Konzentriere dich auf die Menschen um dich herum, lasse deinen Blick zur Außenwerbung schweifen oder nimm bewusst die Geräusche um dich herum wahr. Komm im Moment an. Entschleunige und sei zufrieden, dass du mal einen kurzen Moment hast, in dem du rein gar nichts tun musst. Sicher, das braucht Übung, bewirkt aber wahre Wunder!

Wer mag, kann aber auch einfach zu einem Buch oder Magazin greifen und sich darüber freuen, mal wieder Zeit zum Lesen zu haben. Dieser Perspektivwechsel sorgt dafür, dass der Moment nicht zu einer Geduldsprobe, sondern eine positive Erfahrung wird.

Geduld lernen: Verdammt schwer, aber umso wichtiger

Geduld lernen heißt, das eigene Glück in die Hände zu nehmen. Denn wer geduldig ist, ist häufig zufriedener im Leben und Studien zufolge auch besser darin, Erfolge zu genießen. Wer Geduld lernt, arbeitet demnach aktiv an seiner mentalen Gesundheit.

Ich für meinen Teil werde mich mit diesem Wissen beim nächsten Warten auf die U-Bahn einfach mal auf die Bank fallen lassen und genießen, dass ich diejenige bin, die zu spät kommt, während andere ungeduldig auf mich warten!

Ähnliche Artikel: