Gewalt, Vergewaltigungen, Sexismus – bei den meisten schlimmen Themen geht es um Männer. Seit der #MeToo-Bewegung nimmt die Diskussion über männliche Abgründe im Alltag Fahrt auf und wurde benannt. In den Medien hat sich der Begriff „toxische Männlichkeit“ bereits durchgesetzt. Dort dient er als Erklärung für „giftige“ Verhaltensweisen von Männern.

Das Schaffen einer Öffentlichkeit für dieses Thema hat jede Menge Diskussionsräume geöffnet.

Was ist toxische Männlichkeit?

Der Begriff ist in erster Linie auf destruktive und schädliche Denk- und Verhaltensweisen von Männern bezogen. Diese Handlungen richten sich vorwiegend gegen Frauen, Kinder, queere Menschen – und gegen sich selbst. Das eigentliche Problem liegt aber viel tiefer.

Toxischer Männlichkeit beruht auf Stereotypen über männliche Eigenschaften. Männer nehmen bestimmte Rollen ein, weil die in der Gesellschaft weit verbreitet sind. Das begrenzt den Spielraum, sich frei auszuleben. Stattdessen werden Klischees bedient. Zum Beispiel: Männer sind stark und emotional extrem unempfindlich. Sie lassen sich nichts sagen und sind in ihrer unerschütterlichen Heterosexualität gefestigt.

So entsteht das veraltetes, konservative Bild eines Mannes, das unüberlegt übernommen wird. Toxisch ist es noch nicht. Die Toxizität entsteht später.

Wann ist jemand ein Sexist? Foto: IMAGO / Everett Collection Credit: IMAGO / Everett Collection

Eine Gefahr für die Gesellschaft – und sich selbst

In der veralteten Sicht ist der Mann eben immer noch das „starke Geschlecht“. In den USA wird diese Form der Männlichkeit sogar in Verbindung mit der Wahl Donald Trumps gebracht. Worin liegt aber die Gefahr?

In Zeitungen wird toxische Männlichkeit wird nicht selten für Vergewaltigungen und Gewalt verantwortlich gemacht. Tatsächlich stehen maskuline Verhaltensweisen laut Studien in Zusammenhang mit Aggressionen, Misogynie, schlechter Gesundheit und Depressionen.

Das birgt zum einen eine Gefahr für sie selbst. Männer lassen sich ungern helfen, wollen keine Schwäche zeigen und gehen seltener zu Ärzt:innen oder Psycholog:innen.

Zum anderen zeigen Nachforschungen auch, dass Jungen und Männer mit sexistischen Verhaltensweisen häufiger genderbezogene Gewalttaten ausüben. Das verinnerlichte Verhaltensmuster begünstigt also Gewalt und Missbrauch.

Feminismus vs. Männerrechtsbewegung

Auf die Dinge gibt es natürlich auch andere Sichtweisen. Vor allem Konservative sind häufiger der Meinung, der Begriff „toxische Männlichkeit“ sei eine Attacke auf die Männlichkeit selbst. Sie berufen sich dabei auf die hohen Raten an Suiziden und dem Drogenmissbrauch von Männern.

Die Debatte wird so nicht als Denkanstoß gesehen, eher als Angriff feministischer Bewegungen. Als Gegenstück bildeten sich Männerrechtsbewegungen. Dort werden traditionelle Männerbilder, teilweise aber auch antifeministische und frauenfeindliche Positionen vertreten. Stattdessen werden Verhaltensstereotypen aus der herausgekramt.

Die weiteren Argumente sind genauso wenig überzeugend. Sie verwechseln Opfer und Täter, indem sie sich selbst als Geschädigte darstellen. Belegbare politische Ungerechtigkeiten gibt es dagegen zu selten. Während sich feministische Bewegungen gegen belegbare Ungleichheiten wie den Gender Pay Gap stellen, sind beispielsweise männerfeindliche Haltungen im Gesundheitssystem aufgrund häufig fehlender geschlechterspezifischer Medizin mehr als fraglich.

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Männerbilder sind veraltet. Foto: gettyimages/PBNJ Productions /

Was ist „ein Mann“?

Ganz im Gegenteil zum Feminismus gibt es in Männerbewegungen diesen starken, gefühlslosen, eben „typischen Mann“. Dieses Rollenbild nimmt Freiheiten und verstärkt zwanghafte Rollenbilder. Vordefinierte Identitäten und Verhaltensweisen schränken die Freiheiten Einzelner ein und schaden sich dadurch wieder.

Aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive ist Männlichkeit abhängig von einer ganzen Reihe an Variablen. Männlichkeit wird durch Kultur, Bildung, Ethnie, Sexualität und Umfeld geformt. Die Sozialisationsfaktoren verändern sich zunehmend. Gesellschaftliche Strukturen wandeln sich. Deswegen unterscheiden sich männliche Kriterien dramatisch im zeitlichen und internationalen Vergleich.

Umso wirrer klingt ein „No homo“ als Anhang für Komplimente an männliche Freunde. Dasselbe gilt für die Ausrede „Ich bin halt ein Mann“. Zum Beispiel, wenn der Geburtstag der Freundin mal wieder vergessen wurde.

Raus aus der toxischen Männlichkeit

Männlichkeit ist sozial definiert und tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert. Mehr Frauen in den Chefetagen würden die gesellschaftliche Landschaft komplett verändern und neue Realitäten erschaffen.

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