Der Fastenmonat Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Kalenders und steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des Coronavirus. In dieser Zeit sollen Gläubige ab dem Sonnenaufgang nichts essen oder trinken, um nach dem Sonnenuntergang gemeinsam mit der Familie das Fasten zu brechen. Für Muslime bedeutet dieser Monat auch Entschleunigung. Sie sollen in sich kehren, sensibler für andere Menschen und die Natur werden sowie Streits beiseitelegen. 

Der Glaube steht im Mittelpunkt

Neben den fünf normalen Pflichtgebeten finden zusätzlich gemeinsame Nachtgebete in Moscheen statt. Nacht für Nacht wird dort ein Stück des Korans gelesen, bis zu den letzten Zeilen beim letzten Nachtgebet. Während des Ramadan haben Muslime die Chance, sich in Ruhe dem Koran zu widmen.

In diesem Jahr ist das gar nicht so einfach, wenn die Corona-Pandemie alle Menschen zu Kontaktbeschränkungen und Versammlungsverboten zwingt. Die Krise hat enorme Auswirkungen. Für Lösungen ist zwar gesorgt, alle werden jedoch nicht zufriedengestellt werden.

Muslime Moschee Islam Beten
Muslime beten zusammen vor einer Moschee: Gemeinschaft spielt im Islam eine große Rolle. (Credit: pexels/Chattrapal Singh)

1. Gemeinschaft ist Teil der Religion

Im Islam ist die Gemeinschaft ein wichtiger religiöser Bestandteil. Gemeinsame Gebete, wie das Freitagsgebet, sind zum Teil Pflicht oder werden stark empfohlen. Vor allem in Verbindung mit dem Zuckerfest Eid al Fitr am Ende des Ramadans, wenn der Fastenmonat beendet wird und mit dem Opferfest am 30. Juli. Ramadan ohne gemeinsame Gebete und große Feierlichkeiten? Für viele Muslime kaum vorstellbar.

In diesem Jahr sind Menschenmassen und Zusammenkünfte, genauso wie Gemeinschaftsgebete wegen Corona natürlich verboten. Das Kontaktverbot wird auch vom Zentralrat der Muslime unterstützt. Um die Verbreitung einzudämmen, muss auch die Verwandtschaft getrennt feiern. Das Fastenbrechen muss also im Kreis der engeren Familie zelebriert werden.

Laterne Datteln
Besonders Datteln stehen während des Ramadan auf dem Speiseplan und werden beim Fastenbrechen meist zuerst gegessen. (Credit: shutterstock/Karrrtinki)

2. Fasten schwächt das Immunsystem

Der Islam schreibt nicht allen Muslimen vor zu fasten. Kinder, Schwangere und ältere Personen sind zu ihrem gesundheitlichen Schutz ausgenommen. Auch Kranke müssen nicht fasten. Covid-19-Patienten sind damit schon einmal ausgenommen. 

Nur gesunde Gläubige fasten während des Ramadan, da der Körper ohne Wasser und Nahrung vor allem in den ersten Tagen etwas geschwächt und daher anfälliger für das Coronavirus ist. Beim Einkauf und bei der Arbeit sollten fastende Muslime also besonders vorsichtig sein.

Die Ausnahmeregelungen werden selbst von der höchsten religiösen Autorität der sunnitischen Muslime, der Universität Al-Azhar in Kairo, auf die aktuelle Situation angewandt. Auch die fürchtet die Konsequenzen von Millionen geschwächten Immunsystemen während der Pandemie und hat deshalb eine Verschiebung angeregt.

Muslima betet
Viele hohe islamische Institutionen empfehlen das Fasten zu verschieben. (Credit: shutterstock/Lenar Musin)

3. Warum verschieben nicht so einfach ist

Ramadan zu verschieben klingt erst einmal nach einer guten Möglichkeit. Die Angelegenheit ist allerdings komplizierter. Der Fastenmonat ist immer an den Mondkalender angelehnt. Die vorgeschriebene Fastenzeit ist also nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr. In diesem Monat wurde der Koran herabgesandt und nach dem islamischen Glauben werden in einer der letzten zehn Nächte ihre Gebete erhört. Deshalb verbringen strenggläubige Muslime die letzten zehn Nächte so lange wie möglich in der Moschee, um zu beten. 

Ausnahmeregelungen gibt es aber auch in diesem Fall. Im Prinzip kann sich jeder Moslem entscheiden das Fasten zu verschieben, wenn es aus bestimmten Gründen nicht möglich ist. Auch die Mitgründerin der liberalen Moschee Ibn-Rushd-Goethe in Berlin und früheres Mitglied der deutschen Islamkonferenz, Seyran Ates, appelliert daran, das Fasten auszulassen.

Koran Subha Gebetskette
Die Gebetskette, auch Subha genannt, hält 99 Kugeln und wird bei bestimmten Lobgebeten verwendet. (Credit: shutterstock/handini_atmodiwiryo)

4. Digitales Beten

Mit der Coronakrise haben die ersten christlichen Gottesdienste ihren Weg ins Netz gefunden. Eine Internet-Predigt ist allerdings auch einfacher, als es die islamische Gebetskultur zulässt. Hier spielen neben den gesprochenen Worten auch die Bewegungsabläufe und das Gemeinschaftsgefühl eine Rolle. 

Die Betenden richten sich nach der Sprache und den Bewegungen des Imam. Das macht den Einsatz von zoom oder skype bei Gebeten schwieriger, die Konzentration geht leichter verloren. Und nebenbei bemerkt: Sein Handy oder Tablet anzubeten wird keiner Religion gerecht.

Familie beim gemeinsamen Essen
Was bleiben wird, ist die Vorfreude auf das gemeinsame Fastenbrechen im nächsten Jahr. (Credit: shutterstock/Zurijeta)

Gesundheit geht vor

Ramadan 2020 wird nicht dasselbe sein, so viel steht fest. Aber was ist gerade schon normal? Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland sagte kürzlich: „Die Unversehrtheit der Menschen ist dabei nicht nur Bürgerpflicht, sondern steht im vollkommenen Einklang mit unseren Glaubensbestimmungen“.

Auch die Ausnahmeregelungen machen deutlich, dass der Islam genug Spielraum für Einzelne und Krisenzeiten lässt. Genug Vorsorge, um auch der Corona-Pandemie die Stirn zu bieten.

Corona fordert uns alle. Auch wenn gerade einige Lockerungen genehmigt wurden, ist die Krise nicht überstanden. Mit deinem Verhalten kannst du neue Pandemien verhindern und Corona-Rassismus die kalte Schulter zeigen.