Jürgen von der Lippe, Didi Hallervorden, Thomas Gottschalk, Scooter oder konservative Politiker. Immer wieder wird das Gendern von Menschen in der Öffentlichkeit kritisiert. Eine Eigenschaft haben die meisten von ihnen gemeinsam: sie sind alt, weiß, hetero und CIS. Sie gehören also zu den Menschen, die vom Nicht-Gendern profitieren. Genau deswegen habe ich es satt, deren Meinung dazu zu hören. Erfahre hier, weswegen du dich nicht von ihnen beeinflussen lassen solltest.

Alte weiße Männer: Darum nehme ich sie beim Thema Gendern nicht ernst

Bei wmn finden wir immer wieder in unseren E-Mails wütende Nachrichten. Die bekommen wir nicht für unsere Berichterstattung, sondern meistens für das Gendern in unseren Texten. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Da fragt man sich wirklich wie weit Deutschland noch verblödet.
Laut einer Umfrage lehnen mehr als 70% der Bevölkerung das Gendern ab.
Warum also in Euren Beiträgen so ein Schwachsinn?

Ein Mann.

Endlich verraten wir genau diesen Leuten, wie wir über die zahlreichen Zuschriften denken: Es ist uns egal. Und aus diesem Grund ignorieren wir solche Anfragen mittlerweile auch, wenngleich sie uns teilweise sehr belustigen.

Nicht anders ergeht es mir, wenn ein weiterer weißer, hetero CIS-Mann, der früher mal berühmt war, sagt, dass Gendern blöd ist.

Vor kurzem hat der Comedian und Moderator Jürgen von der Lippe sich in einem Interview gegenüber t-online negativ über das Gendern geäußert. Er bezeichnete Gendern als „Verhunzung der deutschen Sprache“. Er war aufgrund seines neuen Buches „Alle Menschen werden prüder, aber nur bei uns“ in der Redaktion. Es ging unter anderem um die „Sensibilität im Bereich Sexismus“.

Es gibt sehr einfache Gründe, warum ich diese Meinungen nicht ernst nehme. Eine davon: Männer wie von der Lippe profitieren davon, dass viele das Gendern unterlassen.

Sie sind aber eigentlich diejenigen, die ihr Weltbild ändern müssten. Keiner zwingt sie dazu, unsere Texte zu lesen oder das Gendern in ihre Sprache mitzuintegrieren. Und doch versuchen sie jedes Mal, uns (Frauen) vorzuschreiben, wie wir zu tippen haben.

Dabei wird sogar vom Familienministerium und im Bundesgleichstellungsgesetz empfohlen, Gendern mit Sternchen, Doppelpunkt und Co. komplett auszulassen. In den Texten der Bundesbehörden wird dementsprechend ebenfalls nicht gegendert.

Dabei weiß man, dass z.B. Minderheiten wie Trans- und Inter-Personen durch gendergerechte Sprache profitieren würden. Jedoch sehen sie die Minderheit als so klein an, dass man sie auch vernachlässigen kann. Dieser Logik folgte auch unser Leser.

Mich persönlich macht diese Argumentation wütend. Sprache ist für mich ein Tool, was für alle Menschen gleich da ist. Da jeder von uns auf die eine oder andere Weise kommuniziert, hat Sprache eine gewaltige Macht und Bedeutung in unserer Gesellschaft, die jeden Menschen inkludieren sollte.

Minderheiten dürfen dort auf keinen Fall fehlen. Zudem profitieren Frauen ebenfalls von gendergerechter Sprache, da viele Wörter im generischen Maskulinum stattfinden und Frauen nicht inkludieren. Wie zum Beispiel Berufsbezeichnungen wie der Arzt oder der Gärtner. Mir persönlich reicht es einfach nicht zu wissen, dass Frauen dort auch „mitgemeint“ sind.

Übrigens: Wenn dir noch nicht klar ist, warum gendern wichtig ist, kannst du das hier nachlesen.

Gendern Sprache Frauen
Gerade Frauen profitieren von gendergerechter Sprache. Foto: Sarah Köster / EyeEm / Getty Images

Kein Wunder: Sie wollen ihre Macht nicht abgeben, auch in der Sprache

Ein Vorwurf, den Gender-Befürworter:innen immer wieder bekommen, ist, dass wir gendergerechte Sprache zur Pflicht machen wollen. Das stimmt aber nicht, es ist eher umgekehrt. Man möchte uns gendergerechte Sprache wegnehmen. Das sieht man auch an Empfehlungen wie vom Familienministerium. Zur Klarstellung: Niemand hat jemals über ein Gesetz geredet, welches Gendern verbindlich machen soll.

Im Gegenteil: Friedrich Merz schlug sogar ein Verbot für gendergerechte Sprache vor. Das hat System: Die Menschen, die schon immer privilegiert waren, fühlen sich angegriffen und wollen ihren Status als privilegierter Mensch behalten, anstatt ein so wichtiges Tool wie Sprache für jeden gerecht zu gestalten.

Berechtigte Kritik vs. Gemecker: Das ist der Unterschied

Natürlich gibt es auch beim Gendern berechtigte Kritik, die gehört werden muss. Wie zum Beispiel die Lesbarkeit des Sternchens, die oft bemängelt wird, weswegen es auch die Alternative mit den Doppelpunkten gibt.

Die allgemeine Lesbarkeit besonders in Bezug auf Migrant:innen oder Menschen mit Lese- oder Rechtschreibschwächen wird ebenfalls bemängelt. Das ist zumindest Kritik, die nicht unter der Gürtellinie anfängt. Hier möchte ich aber nochmal deutlich darauf hinweisen, dass niemand irgendjemanden zwingt, gendergerechte Sprache anzuwenden.

Es ist ein optionales Konzept. Zudem hab ich als gebürtige Berlinerin dutzende von Menschen getroffen, die Deutsch in Rekordzeit gelernt haben und die Sprache besser beherrschen als ich. Wenn einer von ihnen gendergerechte Sprache anwenden möchte, dann tun sie das auch.

Es gibt aber auch Kritik, die vollkommen unsachlich und unbedacht in die Welt hinaus posaunt wird. Leider ist das die Art von Kritik, die ich am meisten höre. Genau diese Art von Kritik ist mir vollkommen egal, besonders, wenn sie von alten weißen Männern stammt.

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