Henrik ist seit 3 Jahren mein Freund und Kommilitone. Wir lernten uns im Studium kennen und hatten schnell einen guten Draht zueinander. Wir haben viele Abende zusammen beim Bier oder auch beim Cannabis-Rauchen verbracht. Irgendwann wurde mir klar, dass Henrik heroinabhängig war.

Es war nicht wirklich überraschend, als er das erste Mal vor meinen Augen Drogen konsumierte, die ich ab und zu am Kotti in Berlin und sonst nur in Filmen erspäht hatte und mit denen ich nie in Berührung kommen wollte. Trotzdem war der Entzug für ihn die Hölle. 

Heute spricht er mit mir ehrlich und detailliert über seine Zeit als Drogensüchtiger. In Teil 1 des Interviews haben Henrik und ich bereits über seinen Alltags als Heroinangängiger gesprochen. 23891

In Teil 2 geht es um seine Erfahrungen mit Entzügen und warum er immer noch der Meinung ist, das Betäubungsmittelgesetz sei Unfug.

Interview mit einem ehemals Heroin-Abhängigen – Teil 2

wmn: Wieder zu deinem Alltag. Von was ist er geprägt? Was hast du gemacht, wenn es dir wirklich scheiße ging?

Henrik: In den Zeiten bin ich nicht in die Uni und hab jeden Menschen gemieden, soweit es ging. Auch weil ich nicht wollte, dass mich jemand so sieht. Wenn man viel konsumiert, isst man kaum noch. Kotzen geht man trotzdem immer mal wieder, das gehört ab nem bestimmten Punkt einfach dazu.

Kotzen geht man trotzdem immer mal wieder, das gehört ab nem bestimmten Punkt einfach dazu.

– Henrik

Entweder du rauchst, oder du liegst grad in diesem komischen Bewusstseinszustand rum, in dem man wirkt, als wäre man komplett weggetreten und eingeschlafen, aber man ist noch präsent. Nur in einer dicken, fetten Wattehülle.

wmn: Ich muss ganz ehrlich sein: Ich habe nicht direkt gecheckt, wie groß das Problem eigentlich ist. Du hast so viel Wissen über Drogen und mir unzählige Vorträge über alle möglichen Stoffe gehalten, dass ich das Gefühl hatte, du hättest die Situation unter Kontrolle. 

Selbst dann, als ich erfuhr, dass du Heroin nimmst. Der Wendepunkt war der Spuckbecher. Als ich den in deinem Zimmer gesehen hatte, wusste ich, dass hier was schiefläuft. Ich habe dich darauf angesprochen und meinte, dass hier eine Grenze überschritten ist. Du hast mich angeguckt und mir gesagt, dass die Grenze schon lange überschritten sei. 

Du hast es also früher gemerkt als ich… Was waren deine schlimmsten Erinnerungen an diese Zeit und wann hast du gemerkt, dass du ein echtes Problem hast?

Henrik: Da gab es einiges. Einmal bin ich in einer komischen Lage weggedöst und am nächsten Tag konnte ich meinen linken Arm weder fühlen noch bewegen. Nach zwei Wochen und mehreren Arztbesuchen war klar: Ich hatte mir den Nerv im Arm so abgeklemmt, dass ich ihn nicht mehr fühlen konnte,. 

Das hat sich dann nach ein zwei Wochen wieder komplett normalisiert, war aber gruselig. Das war auch das erste Mal, dass ich gemerkt habe, ich muss aufhören etwas zu konsumieren, weil ich es nicht im Griff habe.

Ein anderes Mal habe ich ungewollt überdosiert und bin im Krankenhaus aufgewacht. Und beim Rauchen überdosieren ist eine Kunst, da man ja eigentlich weggenickt, bevor man sich zu viel geben kann, aber der Stoff war wohl rein genug, dass es ging. Es gab ein paar Male, die ich ungewollt auf Entzug ging, weil ein Verkäufer nicht zuverlässig war und das war jedes Mal die Hölle.

Mir war zu jeder Zeit bewusst was ich tue, und dass ich es nicht mehr im Griff habe wurde mir irgendwann klar, als ich zum ersten Mal mit dem Gesicht in Alufolie aufgewacht bin, aber ich habe bewusst weiter konsumiert, um weiter Tag für Tag zu funktionieren.

Ich habe das Problem gesehen, akzeptiert, dass es da ist. Dass ich jetzt wenig dran ändern kann und es dann verdrängt.

Henrik

wmn: Jemals einen Bad Trip gehabt? Wie war das, was ging ab? Wie kann man sich das vorstellen?

Henrik: Kann man bei Opiaten nicht haben. Bei Psychedelika – ja, ich hatte Trips, die nicht angenehm waren, aber so etwas wie Bad Trips gibt es nicht. Psychedelische Erfahrungen können aus verschiedenen Gründen unangenehm werden, aber in keinem dieser Fälle ist es der Substanz zuzuschreiben. 

Wenn man von Bad Trips hört, handelt es sich meiner Meinung nach entweder um stümperhaften Umgang der Konsumenten oder Erfahrungen von Leuten, die nicht gut mit der Wirkung von Psychedelika harmonieren. Das Ganze ist ein Thema, mit dem allein man mehrere Stunden verbringen könnte.

Drogen Entzug Abhängigkeit Einsamkeit
Wann genau ist es zu spät?(Photo: shutterstock.com/US 2015)

wmn: Wie haben dich die Drogen verändert?

Henrik: In der ersten Phase, in der es die Psychedelika waren, hat sich mein Leben extrem positiv verändert. Hier meine halbe Lebensgeschichte zu erzählen, würde den Rahmen sprengen, aber ich würde unterschreiben, dass Psychedelika meinen Charakter auf positive Weise geformt haben. Ich habe Talente entdeckt von denen ich nicht wusste, und Verbindungen zu Menschen erfahren, die mir gezeigt haben, dass wir nicht allein sind, dass das Leben ein Wunder ist und wir dankbar sein sollten, daran teilzuhaben. 

Aber genau so wie es damals aufwärts ging, ging es abwärts mit den Opiaten und der Realitätsflucht. Wenn eben nicht mehr alles ok ist, wenn man nicht mehr zu Drogen greift, um mit Freunden eine gute Zeit zu haben, sondern um einfach keine schlechte Zeit zu haben, wird man abhängig und dann wird es hässlich. 

Unterm Strich haben mir die „Drogen“ so viel gegeben, wie sie mir genommen haben, würde ich sagen. Das ganze Wissen um die Szene und alles Verbotene drückt einen auf jeden Fall in eine Randgruppe. Es ist schwierig, mit der „normalen“ Gesellschaft zu interagieren. Aber auch das ist eher eine Folge der Prohibition als der Substanzen. 

Man lebt in seiner eigenen kleinen Subkultur aus Leuten, die den Umgang mit Betäubungsmitteln akzeptieren. Was ich ein Leben mit mir herumtragen werde, ist jedoch der Gedanke, dass ich, wenn ich mich schlecht fühle, doch was dagegen tun könnte…. Was es schwieriger macht, das „sich schlecht fühlen“ zu akzeptieren und so damit umzugehen. 

Gut. Meine Lunge ist wahrscheinlich auch nicht mehr die, die sie zu Sport Abitur Zeiten mal war, aber wie groß der Unterschied zu einer „nur“ Zigaretten-Raucher-Lunge ist kann ich nicht sagen.

wmn: Gehen wir mal auf deinen Entzug ein. Damals hat dein Mitbewohner mich an einem Samstag gegen Mittag angerufen, um mir zu sagen, dass er zu seinen Eltern fährt. Ich solle doch ab und an mal vorbeischauen bei dir und vor allem den Puls nachfühlen. 

Das war komplett surreal. Ich bin rüber, aber du hast die meiste Zeit geschlafen. Wenn du wach warst, warst du extrem übel drauf, übel bleich und abgemagert… Du hast dich mit Gras über Wasser gehalten. Was ging in dir vor?

Henrik: Entzug ist immer die Spiegelwirkung der Substanz. Wenn eine Substanz also Schmerzen lindert, wirst du Schmerzen haben. Starker Opiat-Entzug ist die Hölle. Bei Heroin dauert es circa 7 Tage für den körperlichen Entzug. 

Man wird zwangsläufig wahnsinnig, da man aufgrund der Schmerzen nicht schlafen kann.

Henrik

In dieser Zeit hat man Schmerzen, eine laufende Nase, Niesanfälle, Hitze- und Kälteempfindungen, Schwitzen. Die Schmerzen werden spätestens an Tag Drei zu einer Folter, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht erlebt hat.

Magersucht erkennen
Essen klappt nicht mehr richtig, alles übrige wird ausgekotzt. Abhängige sind oft sehr dünn.(Photo: imago images/Westend61)

wmn: Immerhin hat es geklappt, mittlerweile bist du runter von Heroin und Co., konsumierst eigentlich nur noch Gras und ab und an ein Bier. Den harten Entzug hast du hinter dir, hast du irgendwelche Tipps, wie man am besten runterkommt von dem Zeug?

Henrik: Ich weiß, es klingt dumm, aber man muss es wirklich wollen und dann die Zähne zusammenbeißen. Wenn man es nicht will, muss man erst Gründe finden, warum man aufhören will und seinen unbedingten Willen, das zu verwirklichen, formen. 

Vorher herunter dosieren und geplant zu entziehen, macht den körperlichen Entzug von Opiaten selbst weniger unangenehm. Warme duschen und Bewegung und Durchblutung helfen für kurze Zeit. Verlangt nicht zu viel auf einmal von euch, wenn es sich zu schwer anfühlt, ist rückfällig werden natürlich näher. Also eben zum Beispiel erst mal Dosis runter über zwei oder drei Monate, dann Umsteigen auf ein Substitut, dann das entziehen und alles langsam und beständig. 

Wenn der körperliche Entzug durch ist, unbedingt eine Beschäftigung suchen, auf die ihr immer zurückfallen könnt. Das hilft auch.

wmn: Du bist also durch die Hölle gegangen, weil du dich durch das Betäubungsmittelgesetz durchkonsumiert hast und nicht mehr wegkamst. Trotzdem hältst du es für Schwachsinn. Wie kommt’s?

Henrik: Das BTMG in Deutschland ist veraltet und sollte abgeschafft werden. Es ist weder verhältnismäßig – was bedeutet, dass die Strafen relativ zum „Vergehen“ nicht angemessen sind, noch ist das BTMG zielführend. Die Realität ist, dass die Leute konsumieren, ob die Stoffe legal sind oder nicht.

Beispiele wie die Entkriminalisierung in Portugal und die Legalisierung in Teilen Amerikas haben uns außerdem gezeigt, dass nicht nur sämtliche Horrorszenarien ausbleiben die Prohibitions- Befürworter prophezeien, sondern, dass es auch noch ziemlich lukrativ für den Staat sein, wenn man auf einmal nicht mehr für die Verfolgung der Konsumenten zahlt, sondern ihre Steuern beim Kauf ihrer Genussmittel einkassiert.

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