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Frauen in der Musikbranche: Zwischen Sisterhood und feministischen Männern

Welche Frau hat sich nicht schon mal fehl am Platz in der Musikwelt gefühlt? Lag es an den Texten, an der fehlenden Repräsentation, oder an der nicht wahrgenommenen weiblichen Zielgruppe? Flutwelle möchte das ändern.

Das ganze Interview gibt es hier zum ansehen

Das Musikbusiness gilt immer noch zu den Bereichen, in denen vor allem Männer den Ton angeben. Frauen in der Musikbranche sind die Minderheit. Auch im Musikjournalismus sind Frauen viel weniger präsent. Nur 5 % der Journalistinnen arbeiten für Musikmagazine. Einer von ihnen ist Jule. Sie ist Gründerin und Chefredakteurin des Onlinemusikmagazins Flutwelle für junge Frauen und Mädchen, das vor allem Künstlerinnen eine Plattform bieten möchte.

Was als Bachelorarbeitsprojekt begann, ist heute ein Musikmagazin für Frauen und alle die es gerne lesen wollen. Foto: Jule privat

Flutwelle: Warum es ein Musikmagazin für Frauen gebraucht hat

wmn: Kannst du mir ein bisschen über die Entstehungsgeschichte von Flutwelle  erzählen? 

Jule: Ich hatte die Idee schon sehr lange im Kopf. Ich fand es cool, über Musik zu schreiben, weil es einfach so viel Spaß macht. Früher habe ich mir die Juice gekauft und habe es geliebt, wie die Leute über Musik reden können und wie viel da drinsteckt. Auch deswegen schwirrte die Idee irgendwie immer in meinem Kopf.

Ich habe Medienmanagement mit Schwerpunkt Musik und Eventmanagement studiert und dann sollten wir begleitend zu unserer Bachelorarbeit Abschlussprojekt auf die Beine stellen. Und dann habe ich überlegt, ich könnte eine Art Musikmagazin für Frauen machen.  

Witzigerweise war das Magazin nur der zweite Teil des Projekts. Eigentlich war die Idee, dass ich an meine alte Schule gehe, um in 2 Schulklassen einen geilen Workshop zum Musikjournalismus zu machen. Die beiden Klassen waren hauptsächlich weiblich besetzt, was da super gepasst hat. Ich wollte mit den jungen Frauen über Musik sprechen und wie geil die Musikwelt ist und was sie alles werden könnte in der Musikbranche. Am Ende haben wir dann über Musik geschrieben und der Aufhänger war, dass die drei besten Artikel in Flutwelle veröffentlicht werden.

Die Schüler:innen haben unglaublich gute Texte geschrieben, die manchmal sogar besser, als meine eigenen waren. Flutwelle war zu dem Zeitpunkt eher nebensächlich.  Es hat mir aber so viel Spaß gemacht über Musik zu schreiben, dass ich damit einfach weitergemacht habe, Künstler:innen vorzustellen, die viele Leute noch nicht kannten.

Eines der ersten großen Interviews für Jule war mit Jeremias.

Und dann kamen die ersten PR Mails rein. Ganz am Anfang hatte ich ein Interview mit Keke und davon war ich sehr überrascht. Ich habe sie im Jahr zuvor noch als Vorband von Kummer gesehen dann kam ihr Management auf mich mit meinen 300 Abonnent:innen zu. Und dann ging das los und es kam immer mehr. Jeremias und Provinz kamen relativ früh auf mich zu und dann habe ich gemerkt, wie viel Potenzial in Flutwelle steckt. Und bisher läuft es sehr gut.

„Ich habe eine Lücke gefunden, die gefüllt werden musste“

Wmn: Liegt das vor allem daran, dass es so etwas wie Flutwelle davor noch nicht gab?

Jule: Ja ich glaube, das war mein großes Glück. Ich bin auf Instagram gegangen und dachte ich finde sofort ein Magazin, das meine Idee schon längst umgesetzt hat. Aber bei meinen Recherchen habe ich gesucht und gesucht und nichts gefunden. Es gab zwar ein feministisches Netzwerk, oder Plattformen, die sich für die Frauen in der Musikbranche hinter den Kulissen einsetzen, aber ein Musikmagazin für Frauen gab es nicht. Das hat mich sehr überrascht, weil es ja eigentlich so auf der Hand liegt. Das ist doch DAS Thema. Ich glaube, ich habe da eine Lücke gefunden, die gefüllt werden musste.

Warum braucht es einen Safe Space für musikinteressierte Frauen? Foto: Jule privat

Ein Safe Space für musikinteressierte Frauen

wmn: Ihr wollt nach eigenen Aussagen einen Safe Space für musikinteressierte Frauen schaffen. Warum ist ein Safe Space so wichtig für junge Frauen, die Musik lieben? 

Jule: Ich dachte mir damals, ich möchte ein Magazin machen, dass mein 16-Jähriges ich gebraucht hätte. Die Jule, die in einer Kleinstadt in Norddeutschland sitzt, das Magazin liest und denkt: „Hier gehöre ich hin.“ Ich habe damals die Juice gelesen. Das waren aber irgendwelche 30-jährigen Männer in der Hip-Hop Szene in Berlin und ich hatte da nicht das Gefühl, dass ich da hingehöre.

Ich hatte im Zuge meiner Bachelorarbeit ein Interview mit Bloggerin, die 365 Tage lang, täglich weibliche Rapperinnen vorstellt.  Die meinte, dass in allen in den Hip-Hop Magazinen Werbung nur für Männer geschaltet wird. Die Streetwear ist für Männer, die Sneaker sind für Männer und ich als 16-jährige Jule merkte, dass ich nicht die Zielgruppe war.

Jede:r hört Musik!

Jule versteht nicht, warum viele Musikmagazine vor allem für Männer sind

Das war schon früher in der Schule so, dass diese Art von Musik ein Jungs-Thema war. Aber jede:r hört Musik. Das war dann irgendwie etwas Besonderes als Mädchen Hip-Hop zu hören. Warum hören wir nicht alle Hip-Hop? Und wir können doch alle dabei Spaß haben. Und das ist auch nicht mehr oder weniger wert, wie wenn jemand lieber Pop oder Rock hört. Ich will mit meinem Magazin sagen: „Hey, alle jungen Frauen, alle Mädchen, kommt mal her, hier gibt es richtig gute Musik.“ Und das geht von Pop über Hip-Hop bis Indie und jede:r darf alles hören und alles darüber sagen und die Jungs können euch gar nichts.

„Ich möchte keine Grenzen setzen, wer was lesen darf“

Wmn: Ihr wollt ja vor allem Künstlerinnen repräsentieren, warum dann nicht nur weibliche? Ihr repräsentiert auch männliche Künstler. Warum nicht nur Frauen? 

Jule: Weil das erst mal nur ein Musikmagazin für die Zielgruppe junge Mädchen und Frauen ist und ich das eigentlich gar nicht ausschließen möchte, welche Musik man hört. Klar gibt es Künstler, die nicht bei uns stattfinden. Aber warum sollte ich den jungen Mädchen, denen ich geile Musik zeigen will, das vorenthalten?

Männer, die in einem feministischen Musikmagazin stattfinden und die da auch hingehören

Jule erklärt wmn, warum sie nicht nur über Musikerinnen schreibt

Und natürlich checke ich, wie Künstler:innen drauf sind. Aber wenn die einfach gute Musik machen, dann möchte ich über die schreiben. Und ich glaube, es ist gerade dieses Zusammenspiel: Männern, die in einem feministischen Musikmagazin stattfinden und die da auch hingehören. Das soll keine Abkapselung werden, sondern ich will Frauen nur mehr mit ins Boot holen. Ich will mir da keine krassen Grenzen setzen, wer was lesen darf. Ich bin auch froh über jeden Typen, der mein Magazin liest.

Frauen machen nur Musik für Frauen? Nein! Musik ist für alle da.

Ich höre gerne Frauen zu

Wmn: Weißt du, wie die Verteilung von Männern und Frauen ist, die euch lesen?

Jule: Es ist glaube ich 70/ 30 oder 80/20, also es ist schon schon sehr weiblich. Aber ich liebe jeden einzelnen Typen, der uns liest und sich nicht davon abschrecken lässt und nicht sagt, „das ist ja ein Musikmagazin für Frauen, das ist ja gar nicht für mich“. Solche Menschen haben einfach die Message nicht gecheckt. Unser Slogan ist: Ich höre gerne Frauen zu und wenn ein Mann das nicht sagt ist das meiner Meinung nach schwierig.

Stutenbissigkeit ist keine Eigenschaft der Frauen, sondern ein Symptom des Systems. Foto: Jule privat

Sisterhood statt Einzelkämpferinnen

Wmn:. Was bedeutet für dich Feminismus in der Musikbranche? 

Jule: Viel Arbeit. Es ist wichtig sein Ding zu machen und sich nicht von Männern beirren zu lassen, die denken, sie könnten es besser. Das ist super schwierig, gerade als junge Frau rutscht man schnell in diese Opferrolle. Dann fühle ich mich wie das kleine Mädchen, das eh nicht weiß, wie der Hase läuft. Das wird mir zwar nicht unbedingt so gesagt, aber unterbewusst trotzdem vermittelt.

Es gibt schon super viele Frauen in der Musikindustrie, die aber vor allem in den unteren Reihen stattfinden. Die sind sehr wichtig für den Feminismus in der Musikindustrie, denn wir Frauen müssen hier zusammenhalten. Es muss eine Sisterhood sein, in der es keine Einzelkämpferin braucht. Wir müssen das zusammen hinkriegen.

Es wird immer so getan, als ob es nur eine geben könnte. Die Industrie will Frauen eine Stutenbissigkeit einreden, aber das machen wir nicht. Wir lieben uns ja alle.

Jule über Konkurrenzkampf in der Branche

Frauen innerhalb der Branche, hinter den Kulissen, aber auch die Musikerinnen, die es eben schon geschafft haben, müssen zusammenhalten. Das ist ja das klassische Problem im Frauen Rap. Es wird immer so getan, als ob es nur die eine geben könnte. Es kann angeblich nur Shirin David oder Badmómzjay oder Loredana geben. Bullshit. Warum gibt es denn so unendlich viele männliche Rapper? Ich glaube, es ist wichtig zu zeigen, dass die Industrie Frauen eine Stutenbissigkeit einreden möchte, aber das machen wir nicht. Wir lieben uns ja alle.

Welche Art von Feminismus brauchen wir?

Wmn: Es gibt viele verschiedene Vorstellungen vom Feminismus. Einerseits gibt es die Art von Feminismus, die sagen „Wir Frauen müssen es alleine schaffen und wir müssen uns unseren Platz alleine erkämpfen.“ Auf der anderen Seite heißt es, dass wir neben den Frauen, die ihren Platz einnehmen, vor allem auch feministische Männer brauchen, damit es einen Strukturwandel geben kann. Wie siehst du das?

Es braucht neben den Frauen in der Musikbranche, auch die richtigen Männer in den Führungspositionen

Jule über den richtigen Weg zur Gleichberechtigung

Jule:  Es muss ein Miteinander ein. Ich glaube auch, dass man zwar die Attitüde braucht, dass es einem egal ist, was andere von einem selbst halten, aber es braucht eben neben den Frauen, auch die richtigen Männer in den Führungspositionen. Klar kann man irgendwie sagen „Scheiß drauf und wir machen unser eigenes Ding“. Aber ich glaube, es ist auch ganz viel wert, die guten Männer an die Hand zu nehmen und zu sagen: „Hilf mir jetzt hier hoch! Du bist in der Position, in der ich noch nicht bin, aber du hast vielleicht etwas in mir erkannt.“

Und ich merke, sobald ich halt mit so jemanden zusammen arbeite, ist es total schön und sehr wertvoll. Dabei gehen diese Geschlechterrollen auch ein Stück weit verloren. Dann geht es einfach nur darum, dass man sich gegenseitig unterstützt. Doch wenn das Gefälle zu groß wird, habe ich das Gefühl, dass es noch stark darum geht, wer der Mann in der Führungsposition ist und wer die Frau im Abhängigkeitsverhältnis ist.

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Sexismus ist leider von den meisten Frauen ein Teil ihrer Lebensrealtität. Foto: shutterstock/Nadia Grapes /

Für jede Minderheit ist es nervig, für die Aufklärungsarbeit verantwortlich sein zu müssen.

Klar, es ist auch nervig, als Frau ständig diese Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. Für jede Minderheit ist es nervig, für die Aufklärungsarbeit verantwortlich sein zu müssen. Aber es ist wichtig, dass Männer, die es noch nicht verstanden haben, diese Dinge hören. „Ach Scheiße, die sind mega laut, was machen die gerade? Warum ist das gerade ein Thema? Muss ich das auch machen?“ Und ja, er muss das auch machen, denn sonst geht es nicht weiter. In Zukunft müssen wir alle ordentlich miteinander umgehen und uns gut behandeln.

Die Reproduktion von Sexismen

Wmn: Es gibt auch Frauen in der Musikbranche, die Führungspositionen inne haben. Zwar nur super wenige, aber es gibt sie. Die Frage ist, haben die auch eine Mitschuld, wenn Sexismen auch von Frauen reproduziert weil es in der Branche viel zu lange der normale Umgang miteinander war?

Jule: Klar wird da viel reproduziert. Davon bin ich auch nicht frei, weil uns das einfach vorgelebt wurde. Das wichtige ist, dass wir daraus lernen. Gerade in den höheren Positionen bist du oft nur von Männern umgeben und passt dich eben schnell an. Aber erst mal bin ich über jede Frau froh, die in einer Führungsposition ist. Ich finde aber auch, die ganze Arbeit sollte nicht wieder nur bei den Frauen in der Musikbranche liegen, sondern auch eben bei den Männern.

Mich würde es wundern, wenn eine Frau in einer Führungsposition gegen mehr Frauen in der Musikbranche ist.

Natürlich gibt es in Führungspositionen noch andere Generationen, für die diese Thematik eher neu ist. Diese Frauen mussten sich auch hochkämpfen, die mussten die Besten sein, weil es damals nur einen Platz für die Frau gab. Aber ich glaube, die haben ein Grundverständnis dafür, dass es immer mehr Frauen in der Musikbranche gibt. Die haben den ganzen Sexismus ja über Jahre miterlebt, die haben sowas von die Schnauze voll davon. Mich würde es wundern, wenn jetzt eine Frau in dieser Position gegen mehr Frauen in der Branche ist. Ich glaube, die sind froh über jede, die Bock hat und gut in ihrem Beruf ist.

Wer hat schon Bock nur Männern auf Festivals zuzuhören? Foto: Hollie Fernando Getty Images

Wo liegt das Problem begraben?

Wmn: Es mangelt überhaupt nicht an qualifizierten Frauen, weder als Künstlerinnen noch in der restlichen Branche. Woran liegt die Unterrepräsentation? Liegt an den Frauen, an den Labels und Booker:innen oder and den Festivals?

Das frage ich mich auch immer wieder. Ich habe das Gefühl, dass gerade hinter den Kulissen ganz viel passiert. Es gibt so viele coole Frauen, mit denen ich zusammenarbeite. Ob es in Agenturen ist, ob es im Booking ist, oder es Journalistinnen sind. Ich merke auch, dass sich immer mehr ein Selbstverständnis entwickelt, dass einem als Frau, dieser Platz gehört, ohne sich ständig beweisen zu müssen.

Sobald du eine Frau in der Band hast, giltst du als weibliche Band

Warum das bei Künstlerinnen beispielsweise auf Festivals so extrem ist, bleibt mir ein Rätsel. Jüngstes Beispiel ist natürlich Rock am Ring, wo es gerade 11 % Frauen auf der Bühne gab. Diese Rechnungen geben aber auch ein etwas verzehrtes Bild wieder, da du, sobald du eine Frau in der Band hast, theoretisch eine weibliche Band bist. 

Zwei Frauen halten sich an den Händen
Es braucht diverse Strukturen, um Diversität zu repräsentieren. Foto: Pexels / Anna Shvets

Männer alleine schaffen keine Diversität

Jule:  Music Woman Germany hatte auf Instagram einen Beitrag gepostet, der zeigte, dass auf 100 Musiker beim Rock am Ring zwei Musikerinnen im Verhältnis stehen. Von dem Verhältnis von People of Color will ich gar nicht erst anfangen. Es ist auch keine Überraschung, dass wenn das ganze Festival weiß und männlich ist, es den Verantwortlichen gar nicht auffällt, dass es mehr Diversität braucht.

Mir passiert das selbst auch, dass ich manchmal lange keine PoC mehr auf meinem Blog hatte. Dann muss ich halt aktiv daran denken und mir sagen, dass es mir wichtig ist, dass ich alle repräsentiere. Und das müssen Männer dann halt auch machen.

Frauenquote in der Musikbranche

Wmn: Deswegen braucht es ja unter anderem die Ausgeglichenheit in der Branche, weil es dann eben auffällt. Es fällt einer PoC auf, wenn keine PoC repräsentiert wird und es fällt Frauen auf, wenn keine Frauen repräsentiert werden. Es gibt immer wieder die Diskussion, ob es eine Frauenquote auch in der Musikbranche geben sollte. Was hältst du davon?

Jule: Ich finde eine Frauenquote gut, denn es müssen erst einmal Frauen in höhere Positionen kommen, damit sich etwas ändern kann. Das bedeutet nicht, dass die Frau weniger qualifiziert ist, sondern sie eher genommen wird als der Mann, der die gleichen Qualifikationen hat.

Es gab im Endeffekt die ganze Zeit eine Männerquote, warum sollte es jetzt nicht die Frauenquote geben?

Margarete Stokowski

Margarete Stokowski meinte einmal, dass es im Endeffekt die ganze Zeit eine Männerquote gab, warum sollte es da nicht eine Frauenquote geben? Also ich fände es schon fair zu sagen, dass wir jetzt nur noch Festivals machen, die mindestens 10 % bis 20% Frauenanteil haben.

Nach weiblichen Acts sucht man auf dem Line-up vergebens Foto: rock am ring lineup

Cock am Ring? Frauen fehlen auf Festivals

Wmn: Wenn man klar idealistisch denkt, müssen es ja eigentlich 50 % sein. Überall, sei es hinter den Kulissen als auch auf den Bühnen. 

Jule:  Und das ist noch ein langer Weg. Und dafür brauchen wir diese Quote, um einfach mal einen großen Schritt zu schaffen, damit es dann irgendwann besser wird. Aber ich bin eigentlich ganz guter Dinge. Ich glaube, wir haben genug Frauen in der Musikbranche die Krach machen und sagen: „So geht es nicht.“ Und ich habe auch keinen Bock mehr auf Rock am Ring zu fahren, wenn da nur Männer sind. Wer will denn die alten Schrammen sehen auf ihren alten Gitarren. Zeig mir doch mal was Neues!

Musikerinnen: Zwischen Sexismus und Kunst

Wmn: Du führst oft Interviews mit Künstlerinnen. Sprichst du diese Art Sexismus an in Interviews? Wenn Frauen in der Musikbranche Interviews geben, geht es  irgendwann auch um Sexismus. Aber eigentlich haben Künstlerinnen Bock über ihre Kunst zu sprechen. Wie macht ihr das?

Jule: Das ist ein sehr schmaler Grat, auf dem ich auch immer noch keine richtige Linie gefunden habe. Einerseits ist Sexismus eine Lebensrealität und er gehört dazu. Er gehört zu meinem Leben und er gehört auch wahrscheinlich zu dem Leben der Frau, die mir gegenübersitzt. Und ich finde es schon mal viel besser, wenn sich zwei Frauen gegenübersitzen und darüber reden. Das finde ich schon mal viel wert.

Ich versuche einen geeigneten Einstieg zu finden, weil es einfach auch viel darüber zu reden gibt. Ich will darauf aufmerksam machen, dass es ein Problem ist, dass mir jede Künstlerin ähnliche Erfahrungen berichten kann und dass das nicht sein kann. Aber in erster Linie möchte ich mit ihnen über ihre Musik sprechen. Das spannende ist tatsächlich häufig, dass Sexismus Teil der Lebenserfahrung und Künstler:innen in ihrer Musik von ihrem Leben erzählen.

Manchmal sagen Künstlerinnen auch, dass sie darüber nicht sprechen möchten, was ich auch völlig fair finde. Und dann muss ich mir halt andere Fragen ausdenken. Das ist dann mein Job als Musikjournalist. Ich versuche maximal eine Frage einzubauen und den Rest, ihrer Musik zu widmen.

Wenn es keinen Sexismus geben würde, bräuchte es Flutwelle nicht Foto: Jule privat

Sexismus als Musikjournalistin

Wmn: Bist du selbst noch mal auf Probleme in deiner Arbeit gestoßen, weil du eine Frau warst oder hast du das Gefühl, manchmal hilft es dir auch vor allem Umgang mit Künstlerinnen? 

Jule: Ich habe natürlich meine Erfahrungen mit Sexismus gemacht und deswegen habe ich unter anderem dieses Magazin gegründet, weil ich gemerkt habe, wie sehr wir diese Safe Space brauchen. Ich habe gerade das Gefühl, dass ich das zu einer sehr guten Zeit gemacht habe. Natürlich ist es besonders für männliche Künstler cool zu sagen, ja klar, finde ich auch bei Flutwelle statt, denn meine Musik ist für alle da. Für Künstlerinnen ist es auch cool, weil die die Message verstehen und das unterstützen wollen.

Ich würde sagen, wenn es diese negativen Seiten nicht geben würde, wäre das Magazin nicht entstanden. Aber ich versuche mich gerade auf die positiven Seiten und auf die Vorteile zu konzentrieren. Und ich glaube auch, dass es gerade cool ist, als junge Frau mit frischen Perspektiven in der Musikindustrie zu sein. In der neuen Generation ist es auch bisschen egaler, ob du Frau, Mann oder irgendetwas dazwischen bist. Und ich glaube, es ist eine Kombination aus Ich bin jung und Ich bin eine Frau, die mir total guttut.

Einfach machen und keine Angst haben zu versagen. Foto: Jule privat

Done is better than perfect

Wmn: Hast du noch etwas, was du jungen Frauen mitgeben möchtest, die Musik interessiert sind, eine Leidenschaft haben und motiviert sind, mehr in die Richtung zu machen, aber nicht wissen wie.

Jule: Habt keine Angst zu versagen. Einfach machen ist viel wert. Vor Flutwelle hatte ich keinen einzigen Kontakt in der Musikbranche. Und dann habe ich einfach angefangen und auch viel fake it till you make it hat dazugehört. Ich habe mir von Anfang an Musikmagazin draufgeschrieben, obwohl das eigentlich nur ein Musikblog war.

Paula Hartmann hat einmal im Interview : „Done is better than perfect“. Und da musste ich oft daran denken, weil ich glaube, dass viele Frauen in der Musikbranche dazu neigen, sich selbst kleinzureden.  Das müssen wir überwinden. Solange du Spaß und Bock hast, zahlt es sich am Ende oft aus. Und wenn du so viel Leidenschaft hast, dann wird es irgendjemand sehen und irgendjemand cool finden. Und das ist viel wert

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