3,5 Jahre verbringen viele Deutsche insgesamt damit, Überstunden zu schieben. Meistens sogar unbezahlt. Dieses Ergebnis hat eine Studie vom Sommer 2021 herausgefunden. Gut 48 % der Arbeitnehmenden machen regelmäßig Überstunden. Doch warum ist so normal, über deine Arbeitszeit hinauszuarbeiten? Wie produktiv sind Überstunden eigentlich und was ändert sich in der Arbeitswelt?

Überstunden-Studie zeigt Erschreckendes

Die Studie, die vom Portal gehalt.de durchgeführt wurde, wertete aus 345.406 Datensätzen aus, wie viele Mehrarbeitsstunden im Jahr 2021 gemacht wurden. Die Fragen waren:

  • „Wie häufig werden Überstunden beim Arbeitnehmenden gemacht?

Frauen und Männer stecken beide pro Woche viele Mehrstunden in die Arbeit. Während es bei Frauen gut 2,1 Überstunden in der Woche sind, sind es bei Männern sogar ganze 3,5 Stunden. Auf eine Berufslaufbahn hochgerechnet sind das 6500 Stunden Mehrarbeit, was 3,5 Jahren entspricht. Dabei sind Urlaubstage, Wochenenden und Feiertage einberechnet.

  • „Wie werden diese Überstunden bezahlt?“
  • Der Ausgleich für die erbrachten Überstunden ist bei den meisten Arbeitnehmenden nur minimal. Zu einem angemessenen Ausgleich würden Urlaubstage, Wochenenden und Feiertage gehören. Doch 68 % der Menschen erhalten überhaupt keinen Ausgleich für ihre Überstunden.

    Frauen gründen
    Pro Jahr werden in deutschen Krankenhäusern 36 Millionen Überstunden gemacht. Foto: getty images / maskot

    Diese Jobs machen am meisten Überstunden

    Nicht in jeder Branche werden besonders viele Überstunden geschoben. Allerdings ist es in den meisten Arbeitsverträgen so geregelt, dass Arbeitnehmer:innen auch ohne Vergütung immer dann zu Mehrarbeit verpflichtet sind, wenn es die „dienstlichen Verhältnisse“ erfordern. So will es Paragraf 88 des BBG. Voraussetzung ist aber, dass es sich auf Aufnahmefälle beschränkt. Das gilt Beamte genauso wie für Mitarbeitende in einer Werbeagentur.

    In einigen Branchen werden die Überstunden aber zur Norm. Diese drei Jobs sind besonders anfällig für Überstunden.

    1. Unternehmensberatung: 4,7 Stunden / Woche
    2. Konsum- und Gebrauchsgüterindustrie: 4,1 Stunden / Woche
    3. Hotels und Gaststätten: 4,0 Stunden / Woche

    Übrigens: Überstunden werden weniger. In den letzten Jahren sind die geleisteten Gesamtüberstunden in Deutschland zurückgegangen. So ging das Volumen der Überstunden von den Jahren 2020 im Vergleich zu 2019 um 3,2 % zurück. 892 Millionen dieser Stunden – gut die Hälfte davon – waren unbezahlt. Insgesamt hat sich die Anzahl der Überstunden in den letzten 10 Jahren halbiert.

    Überstunden und Führungskräfte

    Der Grund, warum viele Menschen Überstunden machen ist, dass beim Abschluss eines Vertrages viel mehr Arbeit erwartet wird als die Arbeitnehmenden in der vertraglichen Zeit ableisten können. So erklärte es Jessica Tatti (Die Linke).

    Branchenübergreifend sind es aber die Führungskräfte, die die meisten Überstunden leisten, so erklärten es Arbeitsmarktforschende der IAB. Einer der Gründe dafür ist, dass Führungskräfte bei einer Beförderung aus dem Operativen ins Management selten Aufgaben abgeben. Sie bekommen stattdessen Aufgaben dazu.

    Die eigentliche Frage ist: Sind Überstunden sinnvoll?

    Die eigentliche Frage, die sich die Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden stellen sollten, ist, ob sich die Mehrarbeit eigentlich lohnt. Was habe die Unternehmenden und die Mitarbeitenden davon?

    Diese Fragen sind nicht pauschal zu beantworten, denn es kommt immer auf den Grund f+r die Überstunden an. Es gibt verschiedene Arten von sinnvollen Überstunden:

    • projektgebundene Überstunden
    • Überstunden aus Lernwillen (Beispielsweise innerhalb unternehmensinterner Workshops)
    • Überstunden, die Mitarbeitende näher zusammenbringen

    Bei allen geleisteten Überstunden ist es aber wichtig, dass diese nicht zum Dauerzustand werden. Darüber sind sich die Expert:innen bei Lecturi.de einig.

    Auch ist es wichtig zu beachten, dass die Lebenssituation das Arbeitspensum beeinflusst. Während eine ehemalige Praktikantin, die gerade erst eine Vollzeitstelle bekleidet, sehr viel Mehrarbeit leistet, ist ein junger Familienvater weniger scharf auf Überstunden.

    Es sollte also jedem Menschen selbst überlassen sein, ob oder wie viel Mehrarbeit er oder sie leistet.

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    4-Tage-Woche oder Überstunden? Foto: gettyimages/ Maskot

    Der Fall Belgien und die 4-Tage-Woche

    Der Fall Belgien zeigt, dass Überstunden bereits zum Auslaufmodell werden können. Vor wenigen Tagen wurde hier beschlossen, dass allen Arbeitnehmenden rechtlich gesehen eine 4-Tage-Woche zusteht. Bei gleichem Gehalt. Hier wird der 40-Stunden-Woche der Rücken gekehrt.

    Ob sich die 4-Tage-Woche für Belgien lohnen wird, ist nicht ganz klar. Dafür braucht es viele und solide Langzeitstudien. Allerdings haben bereits einige Studien, die zeigten, dass weniger Stunden nicht auch gleich weniger Arbeitsleistung heißt. Die meisten Mitarbeitenden bekommen in vier Tagen das geschafft, was sie sonst in fünf Tagen schaffen würden.

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