Ein Auslandssemester innerhalb der EU wird in der Regel über das Erasmus-Programm organisiert. Das Förderprogramm ermöglicht es europäischen Studierenden mit vermindertem Organisationsaufwand und finanzieller Unterstützung für drei bis zwölf Monate im EU-Ausland zu studieren oder Praktika zu machen. Großbritannien war für viele ein absolutes Erasmus-Traumziel. Aber was ist jetzt, da die Briten keine Lust mehr auf die EU haben? Ist ein Erasmus nach dem Brexit noch möglich?

Erasmus vor dem Brexit: Traumziel Großbritannien

Ich als Studentin, die selbst ein halbes Jahr ihres Bachelors in Paris verbracht hat, sage: Jede:r Studierende sollte am Ende des Studiums ein Erasmus-Semester gemacht haben. Es hört sich immer etwas cheesy an, aber tatsächlich sagen die meisten Studierenden über ihre Zeit im Ausland genau dasselbe wie ich: Das war die Zeit meines Lebens!

Und diese Zeit wollten viele Studierende gern in Großbritannien verbringen. Auf der Liste der Top fünf Partnerländer, in die die meisten Erasmus-Semester verbracht werden, war das Vereinigte Königreich vor dem Brexit auf Platz drei nach Spanien und Frankreich. Kein Wunder: Die University of Oxford ist eine der ältesten Universitäten der Welt. 2019 kamen 41 % der Studierenden aus dem Ausland.

Das Clarendon Gebäude der University of Oxford. Foto: IMAGO / Greatstock

Und jetzt? Was ändert sich für Erasmus nach dem Brexit?

2019 waren noch etwa 30.000 Studierende aus der EU für ihr Erasmus-Semester in Großbritannien. Mit dem Brexit ist damit nun Schluss. Großbritannien ist nicht länger Teil des Erasmus-Programms. Vor dem Brexit hatte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson noch versprochen, Erasmus werde auch nach dem Brexit möglich bleiben. Warum ist es das jetzt doch nicht? Genau – wegen des Geldes. Erasmus nach dem Brexit wäre einfach zu teuer gewesen. Bei den Brexit-Verhandlungen war die Rede von Hunderten Millionen von Euro, die es Großbritannien nach dem Brexit gekostet hätte, Teil des Programms zu bleiben.

Statt Erasmus soll es für britische Studierende das „Turing-Programm“ geben. Ein echter Ersatz ist das aber nicht, denn Turing funktioniert nur in eine Richtung. Britische Studierende haben damit das Recht auf eine Förderung für ausländische Studiensemester. Studierende aus der EU aber haben damit keine Möglichkeit, nach Großbritannien zu kommen.

Kein Erasmus nach dem Brexit: Wie du jetzt noch nach Großbritannien kommst

Europäische Studierende haben jetzt nach dem Brexit keinen Anspruch mehr auf ermäßigte Studiengebühren in Großbritannien. Wie viel ein Studienaufenthalt kostet, hängt von den jeweiligen Hochschulen ab. Hierfür suchst du am besten den direkten Kontakt zu der entsprechenden Einrichtung, an der du studieren möchtest.

Außerdem brauchst du ein Visum, um in Großbritannien leben und studieren zu dürfen. Das solltest du etwa sechs Monate vor Semesterstart beantragen. Wenn du älter als 18 Jahre bist, darfst du in der Regel bis zu fünf Jahre im Vereinigten Königreich bleiben. Ein Studierendenvisum kostet £348, also 407€. Hinzu kommen Studiengebühren und natürlich die Miete und alles, was du zum Leben brauchst. Außerdem musst du vor deiner Einreise den sogenannten “Immigration Health Surcharge” bezahlen, eine Art Krankenversicherungsgebühr. Damit hast du dann Zugang zum National Health Service . Immerhin bekommen Studierende 25 % Rabatt auf die übliche Gebühr.

Freundschaften, die während des Erasmus-Semester entstehen, halten nicht selten ein Leben lang. Foto: Pexels/ Keira Burton

Ein UK-Studium nach dem Brexit ist möglich – wenn man es sich leisten kann

Verglichen mit dem, was mich mein Erasmus-Semester in Paris gekostet hat, ist ein Studium in Großbritannien nach dem Brexit eine echt teure Angelegenheit. Denn für ein normales Erasmus-Semester zahlst du nur deine Unterkunft, Lebensunterhalt und eine Auslandszusatzversicherung. Ich habe keine Studiengebühren zahlen müssen, musste kein Visum beantragen und habe sogar noch eine Förderung von knapp 1000 € erhalten. Diese hängt immer von der jeweiligen Stadt ab und davon, wie teuer das Leben dort ist. Teurer als Paris geht praktisch nicht – deshalb die hohe Förderung. Aber selbst Paris ist jetzt nach dem Brexit wohl die deutlich günstigere Alternative zu Großbritannien.

Natürlich ist es aber auch in Großbritannien möglich, finanzielle Unterstützung zu beantragen. Nur brauchst du hier eventuell etwas mehr Selbstorganisation als bei einem Erasmus-Programm. Ein Stipendium ist eine gute Möglichkeit, sich den Traum vom UK-Studium zu erfüllen. Du kannst dich zum Beispiel beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) bewerben. Allerdings musst du hier viel Zeit für Papierkram einrechnen und dir bewusst sein, dass die Konkurrenz hoch ist.

Du kannst auch ein Auslands-BAföG beantragen. Hier solltest du alle deine Unterlagen ein halbes Jahr vor Beginn deines Aufenthalts eingereicht haben. Wenn beides nicht klappt, kannst du dir deine Zeit in Großbritannien auch mit einem Nebenjob finanzieren. Der bringt nicht nur Geld in die Kasse, sondern auch zusätzliche Kontakte, Freundschaften und Erfahrungen.

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