Laut Definition der Bundeszentrale für politische Bildung sprechen wir von geschlechtergerechter Sprache, wenn Sprache alle Geschlechter anspricht. Viele Wörter bieten eine männliche und weibliche Form. Genutzt wird allerdings häufig das generische Maskulinum. Wieso das problematisch sein kann und was hinter gendergerechter Sprache steckt, erfährst du hier. 

Geschlechtergerechte Sprache: Wieso ist das so wichtig? 

Germanistik-Expert:innen zeigen zum Forschungsthema “Einfluss der Sprache im Unterricht auf die Berufswahl von Mädchen” deutlich auf, dass sich junge Menschen noch immer sehr stark an der Aufteilung von Frauen- und Männerberufen festhalten. So gehen laut der Forschung Potentiale in verschiedenen Berufsfeldern verloren. Die Studien der Forschenden belegen, dass eine geschlechtergerechte Sprache bei der Berufswahl Mädchen dazu ermutigt den Berufen nachzugehen, die sie eigentlich gern ausüben möchten. 

Laut Sabina García Peter von der Freien Universität Berlin gibt es eine männliche Dominanz in der Sprache und das historische generische Maskulinum hat keine grammatikalische Notwendigkeit. Deshalb plädiert sie auf eine sprachliche Veränderung, die mehr unserer Realität entspricht. Außerdem sei das grammatische Geschlecht (Genus) nicht gleich dem biologischen Geschlecht. 

Eine Studie untersuchte 2007, ob eine geschlechtergerechte Sprache die Qualität und kognitive Verarbeitung von Texten beeinflusst. So sollten 86 Telnehmer:innen eine fiktive Packungsbeilage lesen. Das Ergebnis: Bei den Frauen gab hinsichtlich der kognitiven Verarbeitung der Texte aber auch bei der Bewertung der Qualität bei unterschiedlichen Personenbezeichnungsformen keine Unterschiede. Die männlichen Teilnehmer zeigten in der Erinnerungsleistung ebenfalls keine (bedeutsamen) Unterschiede, bewerteten die Textqualität aber bei den Texten am höchsten, in denen das generische Maskulin vorkam. 

Frauen vor blauem Himmel
Gendergerechte Sprache: Wie geht das eigentlich? Foto: Pexels / Anna Shvets

Eine Sprachwissenschaftlerin berichtet: Die Chancen und Hürden gendergerechter Sprache  

Kilu von Prince lehrt am Institut Sprache und Information der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, wie gendergerechte Sprache eigentlich aus der sprachwissenschaftlichen Sicht funktioniert. 

Kilu von Prince: “Die Sprachwissenschaft schreibt zunächst gar nicht vor, was man machen sollte und was nicht. Denn Sprachwissenschaft ist deskriptiv, das bedeutet wir beschreiben was Menschen tun. Aus meiner sprachwissenschaftlichen Sicht habe ich beobachtet, dass die Sprache eben in Bezug auf Geschlecht nicht neutral ist. Sie spiegelt wider, dass wir schon sehr lange in einer Gesellschaft leben, die stark nach dem Geschlecht strukturiert ist. Außerdem beobachten wir, dass Menschen ein Bedürfnis danach haben, die Veränderungen in der Gesellschaft sprachlich abzubilden. Wir lassen uns heute weniger von unserem Geschlecht vorschreiben, welche Rolle wir in der Gesellschaft einnehmen. 

Ich bin fasziniert von den unterschiedlichen Wegen, die Menschen finden, um Sprache inklusiver zu gestalten, egal ob das Gender-Sternchen oder Abkürzungen sind. Generell ist Sprache sehr flexibel. Die Geschlechter-Struktur hat sich eben sehr tief in unsere Grammatik eingegraben und Veränderungen im Hinblick darauf brauchen etwas mehr Zeit. Wenn ich jetzt einen neuen Gegenstand erfinde, habe ich keinerlei Probleme damit, ihn durch einen neuen Begriff zu benennen. Bei der Grammatik ist es natürlich nicht leicht, von heute auf morgen etwas fundamental zu verändern.  

“Sprachwandel findet stetig statt” 

 
Sprache verändert sich konstant und das löst immer Irritation aus. Das kann viele Gründe haben, weil es sich vielleicht für manche Menschen falsch anhört oder weil man das kommunikative Bedürfnis dahinter nicht teilt. Einige fühlen sich vielleicht auch ausgeschlossen. Sprachwandel findet stetig statt und es gibt immer Innovationen, so verhält es sich beispielsweise auch bei den Anglizismen. Aber auch diese Irritation ist ein normaler Teil des Sprachwandelprozesses. 

Jede Veränderung bringt eine Herausforderung mit sich. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, wie ist das sprachlich und orthografisch umsetzbar, können wir einfach neue Pronomen erfinden? Sprache ist sehr formbar, aber tiefgreifende Veränderungen brauchen eben ihre Zeit. Das ist auch wichtig, damit sich alle Sprecher:innen-Gruppen abgeholt fühlen. In Deutschland lebt eine große Sprachgemeinschaft mit einer sehr diversen Bevölkerung.” 

Info: Gendern ist laut einer Studie nervig? 

Eine Studie des rheingold Institut Köln in Kooperation mit der Agentur Castenow ergab, dass etwa 54 Prozent aller Befragten die Genderdebatte eher ablehnen. Sie fühlen sich zum Teil stark genervt oder provoziert. 44 Prozent der Befragten erachteten die Diskussion um das Gendern als (eher) wichtig und gerechtfertigt. Unter den jüngeren Frauen im Alter von 16 bis 20 Jahren bewerteten 54 Prozent die Debatte jedoch als besonders sinnhaft, so die Studie. Sie sei ein wichtiges Signal auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung und einem moderneren Geschlechterverständnis. 

Zwei Frauen halten sich an den Händen
Diversität spiegelt sich auch in Sprache wieder. Foto: Pexels / Anna Shvets

„Im Deutschen ist die Nutzung von they / them nicht so leicht“

Saphira (30) benutzt im Englischen die Pronomen they / them. Auf Deutsch ist das allerdings ein bisschen schwieriger. Über die Erfahrungen damit hat Saphira mit uns gesprochen:

Saphira: „Im Deutschen wünsche ich mir, dass mein Name statt eines Pronomens genutzt wird. Am Anfang kann es sich vielleicht komisch anhören, immer den Namen zu sagen. Doch mit der Zeit merkt man, dass sich die Sätze eigentlich ganz gut umstrukturieren lassen. Damit habe ich eigentlich bisher nur positive Erfahrungen gemacht, was nicht bedeutet, dass es immer perfekt klappt. Am wichtigsten ist mir einfach, dass ich nicht als Frau gesehen werde. Bei meinen letzten Arbeitsplätzen bin ich auf großes Verständnis gestoßen und die Leute haben meinen Namen statt der Pronomen benutzt. Sogar mein Arbeitsvertrag wurde dementsprechend angepasst!“

So angenehme Erfahrungen wie Saphira machen allerdings nicht alle Menschen im Arbeitsumfeld. Sprachtherapeutin Valerie (26) gibt gegenüber wmn an, dass die Nutzung der Pronomen gerade im medizinischen Bereich häufig zu kurz kommt. So gäbe es laut ihr im Klinik-Alltag häufig keine Zeit, auf diese Dinge bei Patient:innen zu achten.

Gendergerechte Sprache: So gelingt uns die Umsetzung 

Laut Kilu von Prince müssen auch einige andere Dinge geschehen, damit wir eine Geschlechtergerechtigkeit erreichen. So sagt sie beispielsweise, dass unterdrückende Dimensionen innerhalb einer Gesellschaft abgebaut werden müssen. Auch die Gender-Studies-Studentin Helene (25) ist der Meinung, dass viele Aspekte der patriachalen Strukturen abgebaut werden müssen. Die Sprache anzupassen sei ihrer Meinung nach eine der niedrigsten Hürden. „Wenn es darum geht, Menschen gleichzustellen, müssen wir eben umlernen,“ sagt sie.

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