Die erstgeborenen sind immer die Klügsten und ersetzen das Elternteil? Schenk man dem neusten Geschwister-TikTok-Trend Glauben, sind Erstgeborene ihren Geschwistern weit voraus. Doch was wirklich dran ist, zeigen uns verschiedene Studien. 

Studie zeigt: Erstgeborene haben einen geistigen Vorsprung 

Forschungsergebnissen einer Studie der University of Edinurgh zufolge sind die Denkfähigkeiten von Erstgeborenen besser als die ihrer Geschwister, weil sie in ihren ersten Lebensjahren mehr geistige Anregung durch ihre Eltern erhalten. Erstgeborene schneiden in IQ-Tests bereits im Alter von einem Jahr besser ab als ihre Geschwister, so das Ergebnis der Studie. Obwohl alle Kinder das gleiche Maß an emotionaler Unterstützung erhielten, wurden Erstgeborene stärker bei Aufgaben unterstützt, die das Denken fördern. 

Geburtsreihenfolge spielt eine Rolle?  

Den Forscher:innen zufolge könnten die Ergebnisse dazu beitragen, den sogenannten „Birth-Order-Effekt“ zu erklären. Dieser besagt, dass Kinder, die früher in einer Familie geboren werden, im späteren Leben bessere Löhne und eine höhere Bildung genießen. Wirtschaftswissenschaftler:innen der University of Edinburgh, der Analysis Group und der University of Sydney untersuchten Daten aus der National Longitudinal Survey of Youth in den USA, einem vom US Bureau of Labor Statistics erhobenen Datensatz. Fast 5.000 Kinder wurden von der Geburt bis zum Alter von 14 Jahren beobachtet.

Jedes Kind wurde alle zwei Jahre lang untersucht. Die Tests umfassten die Leseerkennung, z. B. das Zuordnen von Buchstaben, das Benennen von Namen und das laute Lesen einzelner Wörter, sowie die Bewertung des Bildwortschatzes. Darüber hinaus wurden Informationen über Umweltfaktoren wie den familiären Hintergrund und die wirtschaftlichen Bedingungen erhoben. 

Wie viel Zeit bekommt jedes Kind?

Die norwegischen Epidemiologen Petter Kristensen and Tor Bjerkedal fanden außerdem heraus, dass die Familiengröße durchaus eine Rolle spielt. Die Eltern wollen für jedes Kind gleich viel Zeit und Ressourcen aufwenden, aber es gibt ein Problem: Die elterliche Aufmerksamkeit muss geteilt werden, wenn es mehr als ein Kind gibt. Bei zwei Kindern wird die Aufmerksamkeit halbiert. Bei drei Kindern gibt es sogar noch weniger Aufmerksamkeit zu verteilen. 

Der Grund dafür ist, dass mehr Kinder die elterlichen Ressourcen wie Zeit, Aufmerksamkeit und Geld weniger für jeden einzelnen zur Verfügung stehen. Noch aufschlussreicher ist vielleicht, dass die Familiengröße mit vielen sozialen Faktoren wie ethnischer Zugehörigkeit, Bildung und Wohlstand zusammenhängt.

So haben beispielsweise wohlhabendere und gebildete Menschen in der Regel weniger Kinder. Wenn Astronaute:innen mit größerer Wahrscheinlichkeit von gut ausgebildeten, finanziell gut gestellten Eltern abstammen, sind sie mit größerer Wahrscheinlichkeit Teil einer kleineren Familie und damit eher Erstgeborene. 

Drei Frauen liegen auf dem Boden
Wie viel Aufmerksamkeit, lässt sich auf mehrere Geschwister aufteilen? Foto: Pexels / cottonbro

Das Verhalten der Eltern hat Auswirkungen  

Die Forschenden wandten statistische Methoden auf die Wirtschaftsdaten an, um zu analysieren, wie das elterliche Verhalten des Kindes mit den Testergebnissen zusammenhing. Sie verwendeten ein Bewertungsinstrument, um das elterliche Verhalten zu beobachten, einschließlich des Verhaltens vor der Geburt, wie z. B. Rauchen und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft und des Verhaltens nach der Geburt, wie z. B. geistige Stimulation und emotionale Unterstützung.  

Die Ergebnisse zeigten, dass die Vorteile der erstgeborenen Geschwister sehr früh im Leben beginnen – kurz nach der Geburt bis zum Alter von drei Jahren. Die Unterschiede nahmen mit zunehmendem Alter leicht zu und zeigten sich in den Testergebnissen. Geprüft wurden unter anderem Fähigkeiten in den Bereichen Sprache, Lesen, Mathematik und Verstehen. 

Mentale Stimulation unterscheidet sich  

Die Forschenden fanden heraus, dass die Eltern ihr Verhalten änderten, als weitere Kinder zur Welt kamen. Sie boten jüngeren Geschwistern weniger geistige Anregung und nahmen auch an weniger Aktivitäten teil, wie zum Beispiel mit dem Kind lesen, basteln und Musikinstrumente spielen. Außerdem gingen die Mütter während der Schwangerschaft der später geborenen Kinder höhere Risiken ein, zum Beispiel durch vermehrtes Rauchen. 

Drei Frauen sitzen auf Bett
Verschiedene Geschwister haben verschiedene Eigenschaften. Foto: Pexels / RODNAE Productions

Die Gegenstimmen: Ergibt die Reihenfolge doch keinen Sinn? 

Zurück zur Studie von Kristensen und Bierkedal: die Forschenden bestätigen, dass jahrzehntelang die Auffassung im Raum stand, die Reihenfolge der Geburt habe einen Einfluss auf die Intelligenz. Aber es scheint, dass es eher eine Frage der Ressourcen ist, die jedes Kind zur Verfügung hat. Je weniger Kinder man hat, desto mehr Ressourcen erhalten sie – vor allem Zeit, Geld und Aufmerksamkeit – und desto intelligenter werden sie aufwachsen. 

Die Intelligenz wird auch laut weiteren Forscher:innen von der Anzahl der Kinder beeinflusst. Allerdings seien diese Unterschiede laut Forscher:innen so gering, dass sie kaum merkbar wären. Diese “kleinen Effekte” seien außerdem, dass Erstgeborene häufiger ins Familienbusiness einstiegen, oder selbständig würden, so Psycholog:innen gegenüber der Washington Post. Auch hätten Erstgeborene in einigen Familienkonstellationen einen besseren Zugang zu Bildung, da dort die Ressourcen noch vorhanden seien. 

Erstgeborene: Persönlichkeit situationsabhängig  

Es gibt Befürworter und Gegner der Theorie, dass die Geburtsreihenfolge Auswirkungen auf die Persönlichkeit gerade von Erstgeborenen habe. Worin sich Forschende und Psycholog:innen allerdings eindeutig einig sind, ist die Tatsache, dass äußere Umstände und Familienkonstellationen, sowie -größen Einfluss auf die Persönlichkeit nehmen kann. So können Forschende einige der Stereotype betätigen. Das Ganze wird jedoch konstant weiter erforscht. 

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