Angst vor der Geburt
Viele Frauen haben Angst vor der Geburt. Wer sich früh damit auseinandersetzt, kann sie besser kontrollieren. (Photo: Unsplash/omurden-cengiz)

Psychologin erklärt: Das hilft gegen die Angst vor der Geburt

Vielen Schwangeren wird vor dem Tag X mulmig. Manche haben sogar Angst vor der Geburt. Die Psychologin Friederike Krusch erklärt, wie du sie bewältigen kannst.

Der Countdown läuft. Bis zur Entbindung sind es nur noch wenige Wochen. Doch so langsam mischen sich zu der großen Vorfreude auf das Baby auch die Sorgen: "Kommt mein Kind gesund auf die Welt?", "Wie stark sind die Schmerzen?", "Was, wenn sich die Geburt ewig hinzieht?"

All diese Gedanken haben fast alle Schwangeren. Gerade bei Erstgebärenden ist die Angst vor der Geburt völlig normal, erklärt uns die Diplom-Psychologin Friederike Krusch. Werden die Ängste allerdings immer stärker, sollten Schwangere diese ernst nehmen und sich Hilfe suchen. "Generell ist es nicht gut, in der Schwangerschaft immer wieder starke Ängste zu haben – weder für die Mutter noch für das Kind", erklärt Krusch wmn.

Denn: Wird die Angst vor der Geburt nicht näher in Augenschein genommen, kann das nicht nur auch Auswirkungen auf die Entbindung, sondern auch auf die Zeit nach der Geburt haben. In unserem Interview erklärt die Psychologin die Mechanismen der Angst und mit welchen Techniken sie bekämpft werden kann.

Angst vor der Geburt wird immer präsenter

wmn: In Ihrer psychotherapeutischen Praxis "Bauchgefühl" in Berlin-Friedrichshain beraten sie Schwangere, die Angst vor der Geburt haben. Wieso haben Sie sich auf dieses Thema spezialisiert?

Friederike Krusch: Ich habe nach dem Psychologiestudium meine Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin gemacht und dafür auf einer psychiatrischen Mutter-Kind-Station der Charité gearbeitet. Dort werden u.a. Mütter mit postnatalen Depressionen, Persönlichkeits- oder Angststörungen behandelt. Oft entstanden diese schon in der Schwangerschaft. Und so bin ich zum ersten Mal auf das Thema gestoßen und habe mitbekommen, dass es in diesem Bereich einen hohen Bedarf gibt, aber zu wenig Plätze zu Verfügung stehen; Mütter stehen ewig auf der Warteliste.

wmn: Sie sind selbst Mama. Hat das auch eine Rolle gespielt?

Friederike Krusch: Eine große sogar. Als ich 2016 schwanger geworden bin, habe ich auch bei mir gemerkt, dass ich Angst vor der Geburt habe. Ich konnte mir aber nicht erklären, wo das herkommt. Also habe ich mich aktiv damit beschäftigt. Als Psychotherapeutin kenne ich genau die Mechanismen der Angst und hatte einige Aha-Erlebnisse.

Hinzu kamen die vielen Tabus um das Thema Muttersein. Die Themen Angst vor der Geburt, traumatische Geburt oder Gewalt in der Geburt werden schon präsenter, aber lange wurde über solche Dinge kaum gesprochen. Noch schlimmer ist es, wenn es um die erste Zeit mit dem Baby geht. Postnatale Depression, Schwierigkeiten, das Kind anzunehmen, den Alltag mit Kind zu meistern, Erfahrung mit Schreibabys usw. werden oft abgetan und überhaupt nicht ernst genommen.

Von Müttern wird immer noch erwartet, dass sie doch jetzt glückselig sein soll. „Sei doch froh, du hast ein Kind! Hauptsache es ist gesund, jetzt freu dich doch.“ Diese Ansprüche an das Muttersein, werden einem erst richtig bewusst, wenn man selbst solche Erfahrungen gemacht hat.

Frau die mit Ursachen von Burnout kämpft
Ein negatives Geburtserlebenis kann eine postnatale Depression auslösen.

wmn: Seit zwei Jahren zeigen Sie den Frauen einen Weg aus der Angst. Wieso ist es wichtig, da anzusetzen?

Friederike Krusch: Generell ist es nicht gut, in der Schwangerschaft immer wieder starke Ängste zu haben – weder für die Mutter noch für das Kind. Studien legen nahe, dass zu viel Stress in der Schwangerschaft zu Frühgeburten und zu niedrigem Geburtsgewicht führen kann. Für die Mutter kann Stress ein Risikofaktor für eine postnatale Depression oder eine Angststörung sein. Und es ist gar nicht möglich, eine leichte Geburt zu erleben, wenn man Angst hat.

Der Körper stellt sich in Sekundenschnelle auf Flucht oder Kampf ein. – Diplom-Psychologin Friederike Krusch

wmn: Warum? Was genau passiert, wenn eine Frau Angst bei der Geburt hat?

Friederike Krusch: Bei Angst wird der Sympathikus aktiviert. Denn, wenn Gefahr droht, werden Stresshormone ausgeschüttet und der Körper stellt sich in Sekundenschnelle auf Flucht oder Kampf ein und will eigentlich nur weg. Dadurch kommt es häufig zu langen Geburtsverläufen oder sogar auch zu Geburtsstillständen.

Geburt
Schwanger zu sein ist für viele Frauen nicht nur ein Zustand der Glückseligkeit. Viele machen sich Gedanken um die Geburt.(Photo: Unsplash/Anthony Tran)

Zusätzlich wandert die ganze Durchblutung von der Körpermitte in die Peripherie, das heißt, dass die Gebärmutter unter der Geburt nicht mehr richtig durchblutet wird und nicht mehr ordentlich arbeitet. So kommt es zu einem Teufelskreis, weil die Muskelspannungen zu mehr Schmerzen führen und die wiederum triggern erneut die Angst. Es ist sehr schwer, aus dieser Situation auszusteigen, wenn dieses Programm unter der Geburt aktiviert wurde.

Evolutionär ergibt dieser Mechanismus natürlich Sinn. Wenn Frauen in der Steinzeit in Gefahr waren, es beispielsweise einen Angriff gab, musste die Geburt ja auch verzögert werden. Springt dieses Angstsystem aber im Krankenhaus an, ist es kaum möglich, so zu gebären, wie es eigentlich vorgesehen ist.

Angst bei der Geburt: Die Bedigungen vor Ort können Stress auslösen

wmn: Sie sagen, dass das Thema Angst vor der Geburt schon präsenter geworden ist. Ist es also ein Trugschluss, dass die Fälle zunehmen, spricht man nur eher darüber?

Friederike Krusch: Darüber gibt es leider keine verlässlichen Zahlen. Ich glaube, dass hier vieles zusammenkommt. Es wird tatsächlich viel mehr darüber gesprochen, aber diese Präsenz führt auch zu mehr Ängsten. Gerade die sozialen Medien spielen eine große Rolle. Hier können sich Schwangere und Mütter ganz anders über ihre Erlebnisse austauschen, finden den Mut darüber zu sprechen und fühlen sich nicht mehr allein.

Die Horrorgeschichten aus den sozialen Medien bleiben viel bildhafter im Gedächtnis hängen. – Diplom-Psychologin Friederike Krusch

Allerdings kann so kaum jemand den Horrorgeschichten von der Geburt entgehen. Und diese Horrorgeschichten bleiben viel bildhafter im Gedächtnis hängen. Man kennt das von einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Fast jeder hat schon mal eine schlimme Anekdote erzählt bekommen. Dabei können Wurzelbehandlungen auch völlig unproblematisch verlaufen. Das erzählt nur niemand. Und wenn drüber berichtet wird, dass es kein Problem war, wird es nicht abgespeichert. Und so ist es bei den leichten Geburten eben auch: Die Horrorgeschichten bleiben in Erinnerung, die positiven Geburtsberichte nicht. Und das erzeugt bei Schwangeren natürlich Angst.

Außerdem wissen viele auch über die Betreuungssituationen in Krankenhäusern Bescheid. Es ist ja kein Geheimnis, dass eine Hebamme oft mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen muss, weil aufgrund des Personalmangels die 1:1-Betreuung eher eine Glückssache ist. Auch dieses Wissen macht unsicher und schürt Angst. Die Vorstellung, ins Krankenhaus zu gehen und dann – gerade als Erstgebärende – auf sich allein gestellt zu sein und nicht zu wissen, was auf sie zukommt, erzeugt Stress.

wmn: Vor was genau haben die Frauen Angst, die zu Ihnen kommen?

Friederike Krusch: Man muss da unterscheiden, ob eine Frau das erste Mal schwanger ist oder ob sie schon mal ein Kind bekommen hat. Erstgebärende melden sich seltener bei mir. Da gibt es noch Strategien mit der Angst umzugehen. Sie finden oft den Weg in einen Kurs über eine selbstbestimmte Geburt oder Hypnobirthing. Das kann durchaus sehr hilfreich sein.

Wenn eine Frau, die das erste Mal schwanger ist, zu mir kommt, ist es hauptsächlich wegen der Angst vor Schmerzen und vor diesem Ungewissen, was da auf sie zukommt. Auch die Angst vorm Kontrollverslust spielt eine Rolle. Sie fürchten sich davor, keine Macht mehr über ihren Körper zu haben und vielleicht sogar einen Kaiserschnitt zu bekommen.

Frauen, die bereits Mütter sind, melden sich am häufigsten bei mir, weil sie bereits eine traumatische Geburt erlebt haben und aufarbeiten wollen. Oft erfüllen die Frauen die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hier ist es wichtig, dass die Frauen eine Traumatherapie beginnen, damit sie das Trauma aufarbeiten können. 

Schwangere brauchen eine aktive Geburtsvorbereitung

wmn: Was raten sie den Frauen dann?

Friederike Krusch: Grundsätzlich sollten die Frauen ihre Ängste ernst nehmen. Es ist wichtig, dass sie diese Ängste bearbeiten, damit Mutter und Kind nicht gestresst sind. Zusätzlich rate ich ihnen zu einer aktiven Geburtsvorbereitung, um das Vertrauen in den eigenen Körper zu stärken: „Ich bin eine Frau, ich kann gebären, mein Körper kann das!“

Außerdem erarbeiten wir zusammen Strategien, die die Geburt leichter machen können. Da haben sich Entspannungstechniken bewährt. Denn wenn der Körper entspannt ist, kann das Angstsystem nicht anspringen. Wenn eine Gebärende die Entspannung halten kann, wirken auch die Hormone, der Gebärmutterhals kann sich öffnen und die Muskeln können arbeiten - und die Frau ist in ihrem eigenem Geburtsflow.

Bauchatmung Yoga schwanger
Entspannungstechniken können Schwangeren helfen, die Angst vor der Geburt zu nehmen.(Photo: istock.com/fizkes)

Aber diese Entspannung muss man üben. Das kann man nicht einfach so. In der Imagination kann man beispielsweise einen sicheren Ort für sich erschaffen und von dort weiter in die Entspannung gehen. Das sorgt für innere Sicherheit. Möglich sind auch Visualisierungen, wie zum Beispiel, dass der eigene Körper während der Geburt gut mit dem Baby zusammenarbeitet und die Geburt so leichter wird. So können Horrorbilder überschrieben werden. Ich empfehle meinen Patientinnen, sich keinen negativen Geschichten auszusetzen. Als Gegengewicht sollen sie sich eine ruhige Geburt ansehen, bei der die Frau eben nicht schreit und völlig überwältigt von den Schmerzen ist, sondern alles wie im Fluss läuft. 

Ich mag das Versprechen von schmerzfreien Geburten überhaupt nicht, das erzeugt schon wieder so einen Druck. – Diplom-Psychologin Friederike Krusch

wmn: Gibt es denn überhaupt eine schmerzfreie Geburt?

Friederike Krusch: Ich mag das Versprechen von schmerzfreien Geburten überhaupt nicht, das erzeugt schon wieder so einen Druck und kann Frauen sehr erschrecken, wenn es eben nicht so läuft. Aber schmerzarm kann die Geburt auf jeden Fall ablaufen. 

wmn: Was hilft noch, um die Angst vor der Geburt in den Griff zu bekommen?

Friederike Krusch: Schwangere sollten sich Gedanken um ihre äußere Sicherheit machen. Denn wenn sie sich außen sicher fühlen, ist es einfacher, die innere Entspannung zu halten. Das heißt, sie sollten sich Gedanken machen, wo sie entbinden möchten. Im Krankenhaus, Geburtshaus oder sogar zu Hause? Welche Klamotten möchten sie anziehen und was für Musik soll nebenbei laufen? Das kann unter der Geburt ganz anders laufen. Es kann sein, dass die Musik überhaupt nicht passt und die Klamotten völlig egal sind, aber erst einmal gibt es Sicherheit.

Die Begleitung spielt bei der Geburt eine wichtige Rolle

wmn: Welche Rolle sollte die Begleitung der Schwangeren einnehmen?

Friederike Krusch: Eine gute Begleitung ist sehr wichtig, da sie die Gebärende im besten Fall erstmal abschirmen kann. Klar ist, dass viele Frauen unter der Geburt nicht so gern angesprochen werden. Darauf sollte die Begleitung achten und auch wissen, was sich die Gebärende wünscht. Das ist besonders bei der Kommunikation mit dem Klinikpersonal wichtig. 

wmn: Manchmal sieht die Welt vor Ort aber doch ganz anders aus. Was können die Gebärenden tun, wenn von der Selbstbestimmtheit nicht viel übrig ist?

Friederike Krusch: Es ist wichtig, dass sie sich vor Augen halten, dass es einen Plan A, B und C gibt. Plan A ist eine natürliche Geburt, möglichst ohne große Intervention und Schmerzen. Plan B setzt ein, wenn die Schmerzen zu stark werden und Schmerzmedikation, PDA usw. eingesetzt werden. Kommt es zu Komplikationen, tritt Plan C in Kraft. Denn wird es gefährlich für Mutter oder Kind, muss sich die Gebärende auch auf die Möglichkeit eines Kaiserschnittes einstellen.

Die Frauen sollten also Verantwortung für sich übernehmen und ihre Bedürfnisse kennen, aber auch die Offenheit dafür behalten, dass unter der Geburt etwas nicht so läuft wie gewünscht und geplant. 

Kaiserschnitt
Eine schmerzarme Geburt wünschen sich alle Schwangeren. Es ist aber wichtig, Plan B und C im Hinterkopf zu behalten.(Photo: Unsplash/Jonathan Borba)

wmn: Vor Plan C haben viele Frauen Angst. Was raten sie denjenigen, die Probleme mit einem Kaiserschnitt haben?

Friederike Krusch: Auch da ist es wieder wichtig zu schauen, vor was genau die Frauen Angst haben. Hatten sie z.B. noch nie eine Operation, sind es die Risiken oder die möglichen Komplikationen? Manchmal steht auch die natürliche Geburt so über allem und die Frauen plagen Versagensängste.

Hier spielt es eine große Rolle, dass die Frauen sich in dem Krankenhaus gut aufgehoben fühlen und dass sie gut aufgeklärt wurden. Auch durch ein Gespräch mit der eigenen Hebamme oder den Hebammen im Krankenhaus können sich die Frauen gut abgeholt fühlen. Und auch für einen Kaiserschnitt kann man einen sicheren Ort etablieren und Entspannungsübungen anwenden.

Auch beim Geburtstrauma das Gespräch suchen

wmn: Nehmen wir mal an, die Frauen sind top vorbereitet, haben keine schlimmen Geburtsberichte gesehen und sich mit Partner abgestimmt und trotzdem kommt es zum Geburtstrauma. Was können die Frauen dann tun?

Friederike Krusch: Auch hier kann ein Gespräch mit der Hebamme helfen oder mit der Gynäkologin. Wenn die Frau aber merkt, dass sie im Alltag sehr stark belastet ist und sich zum Beispiel immer wieder Bilder der Geburt aufdrängen, sollten sie sich therapeutische Hilfe suchen. Hier kann abgeklärt werden, ob eine posttraumatische Störung dahintersteckt oder ob es einfach eine gewisse Verarbeitungszeit braucht. Manchmal muss man das Erlebte nur nachbesprochen und sortiert werden. 

Geburt
Endlich ist das Baby in meinen Armen: Der Moment auf den sich wohl alle Schwangere freuen.(Photo: Shutterstock/ChameleonsEye)

Ungünstig ist es, wenn Frauen ihre Ängste bei einer erneuten Schwangerschaft noch bis kurz vor der Geburt verdrängen. Ich bekomme ganz klassisch oft fünf Wochen vor der Geburt einen Anruf mit dem Satz: „Die Ängste überwältigen mich jetzt, was soll ich tun?“. Wir üben dann zwar noch wirksame Strategien zur Angstbewältigung ein, aber das Trauma kann in so kurzer Zeit nicht mehr aufgearbeitet werden. Frauen sollten frühzeitig ihre Gefühle ernst nehmen und sich Hilfe suchen.

Die Diplom-Psychologin Friederike Krusch hat ihre psychologische Praxis "Bauchgefühl" in Berlin-Friedrichshain. Unter ihrer Website gibt es weitere Informationen zu ihrer psychologischen Beratung und Psychotherapie.

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