Katharina Bosse:
Katharina Bosse: A portrait of the artist as a young mother (Photo: Katharina Bosse:)

Our weekly heroine: Katharina Bosse

Katharina Bosse zeigt, warum wir mehr über Mutterschaft im Kunstgewerbe sprechen müssen.

Jede Woche küren wir mit der weekly heroine eine Frau, die uns inspiriert, uns Mut macht und von der wir lernen können. Diese Woche ist es die Fotografin Katharina Bosse.

Als Katharina Bosse Mutter wurde, sagte ihr ein Sammler, ihre Werke seien nun nichts mehr wert. Und tatsächlich sind einige Supporter ihrer Kunst abgesprungen. Als Reaktion auf diese Art des Umgangs mit Mutterschaft, enstand von 2004 bis 2009 die Fotografie-Reihe "A portrait of the artist as a young mother". 

Katharina Bosse: A portrait of the artist as a young mother
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Zwei Bäume(Photo: Katharina Boss)

A portrait of the Artist as a young Mother

Die Künstlerin rückte damit das Thema Mutterschaft ins Zentrum ihrer Arbeit – und brach damit ein Tabu in der Kunstwelt. Denn bisher hatte es kaum Auseinandersetzungen mit diesem Thema gegeben. Im Gegenteil: Man war, und ist oft noch heute, der Überzeugung, Mütter könnten keine erfolgreichen Künstlerinnen sein.

Die weltberühmte Perfomancekünstlerin Marina Abramovic beispielseise hatte in ihrem Leben drei Abtreibungen, weil sie überzeugt ist, dass Mutterschaft ein Desaster für ihre Arbeit wäre. Man habe begrenzt Energie in seinem Körper, und die hätte sie teilen müssen, erklärte sie 2016 dem Digital Magazin Edition F.  Das sei ihrer Ansicht nach der Grund, warum Frauen in  der Kunstwelt nicht so erfolgreich sind wie Männer.

Die Mutter-Bilder entstanden aus dem Ge­fühl heraus, dass es in Deutschland an einer Diskussion darüber fehlt, was es für eine Frau bedeutet, Mutter zu werden. Vor allem findet die Perspektive der Mütter selbst zu wenig Beachtung, auch in der Kunst. – Katharina Bosse

Katharina Bosse inszeniert sich auf den Selbstporträts zusammen mit ihren Kindern. Die Bilder, freizügig, aber weder auf eine erotische, noch romantische Weise, wirken auf den ersten Blick befremdend, schockierend, irritierend. Und genau das sollen sie auch.

Denn mit diesen Fotografien schafft Katharina Bosse etwas Neues: Sie verbindet die klassische Kompositionsweise des KünstlerInnen-Porträts mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau als Mutter. Und läd damit zu einer längst überfälligen Diskussion darüber ein, was es für eine Frau bedeutet, Mutter zu sein.

Katharina Bosse kurz & knapp

  • Katharina wurde 1968 in Turku, Finnland, geboren.
  • Sie wuchst in Kanada & Deutschland auf.
  • Sie lebte lange Zeit in New York & kam 2003 nach Deutschland zurück.
  • Sie ist erfolgreiche Künstlerin & Professorin für Fotografie & Mutter.
  • Ihre Werke wurden u.a. im MoMA & im Maison Européenne de la Photographie ausgestellt.
  • Ihre Fotografien wurden u.a. im New Yorker, dem New York Times Magazine und dem Spiegel veröffentlicht.
Katharina Bosse
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Wald(Photo: Katharina Bosse)

Katharina Bosse im Interview mit wmn

wmn: Wie alt warst du, als du wusstest, dass du Künstlerin werden willst? Und wie alt, als du wusstest, dass du Mutter werden willst? 

Katharina Bosse: Ich wusste mit 17, dass ich Fotografin werden wollte. Die künstlerische Richtung entwickelte sich im Studium.

Kinder wollte ich eigentlich immer haben, aber nicht sofort. Mit Anfang 30 habe ich dann gemerkt, dass ich innerlich soweit bin. Äußerlich passt es natürlich nie so ganz, das war bei mir nicht anders.

wmn: War dir damals klar, dass Mutterschaft in den Augen der Kunstwelt ein Problem darstellt? 

Katharina Bosse: Das habe ich schon wahrgenommen, es war indirekt deutlich, oder es wurde mir auch direkt gesagt. Zitat aus dem Praktikum: „Frauen können auch Fotografinnen sein (damals ein Männerberuf). Aber dann können sie keine Kinder haben.“

Gleichzeitig ist meiner Generation in den 80ern ja auch gesagt worden, zumindest solange wir in der Schule waren, dass wir sowohl Familie, als auch berufliches Engagement leben können. Die gesellschaftlichen Diskussionen um Gleichberechtigung waren in meiner Jugend lebhafter, als in den 00er Jahren.

Katharina Bosse
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Zweige(Photo: Katharina Bosse)

wmn: Hast du darüber nachgedacht, keine Mutter zu werden, um deinen Erfolg nicht zu riskieren? 

Katharina Bosse: Ich wollte immer Kinder haben und war froh, dass es möglich war. Das ist mit Mitte 30 ja nicht selbstverständlich. Mein erstes Baby war so toll, dass ich gleich noch ein zweites wollte.

Das Leben in den USA und das Mutterbild dort hat auch eine Rolle gespielt. Ich habe in den USA mehr Gleichberechtigung im Beruf erlebt und war weniger stark von deutschen Vorstellungen geprägt.

Generell ist mein innneres Wertesystem sehr aktiv und lasse mich nicht leicht von etwas abbringen, das ich für wesentlich halte. Aber ich war wirklich unvorbereitet auf das rückwärtsgewandte Rollenbild in Deutschland und als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, auch nicht unabhängig von den Bewertungen anderer.

wmn: Wie erklärst du dir die angebliche Wertminderung deiner Kunst wegen der Mutterschaft? 

Katharina Bosse: Ich bin als Künstlerin eigentlich nicht in der Position über den Wert meiner eigenen Werke zu spekulieren. Aber dass von einer Mutter weniger berufliches Engagement erwartet wird und sie eine pauschale, vorwegnehmende Abwertung erfährt, ist in vielen Branchen leider sehr verbreitet.

Katharina Bosse
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Tal(Photo: Katharina Bosse)

wmn: "A portrait of the Artist as a Young Mother” entstand von 2004 bis 2009 und war ein voller Erfolg. Hast du das Gefühl, das Mutterbild in der Kunstwelt aber auch in der Gesellschaft hat sich seitdem verändert? 

Katharina Bosse: Ich habe nicht das Gefühl, dass sich sehr viel verändert hat. Die Serie fühlt sich immer noch aktuell an. 

Es hat sich auch politisch nichts bewegt, zum Beispiel bei der Kunstförderung, bei der die Mütter systematisch herausfallen: Stichwort Residenzstipendien ohne Kinder oder eine rigide Altersbeschränkung auf 35, höchstens 40, bei der Förderung, die eben Personen, die Zeit in die Familie investieren, benachteiligt. Da könnte man die Vergaberichtlinien anpassen, wenn es politisch gewollt wäre.

Das deutsche Steuersystem benachteiligt schlichtweg jeden, der sich für Familie engagiert, mit Ausnahme der Verdienenden in der Alleinverdiener-Ehe. Das ist natürlich ein patriarchalischer Witz auf Kosten fast aller, aber immerhin gibt es öffentliche Schulen, Schwimmbäder und Bibliotheken.

Die USA ist bestimmt kein Vorbild, dort herrscht eine große soziale Härte, aber bei der Bewertung von Entrepreneurship, also dem Willen, sich selbst ein (Klein-) Gewerbe aufzubauen, kann man sich schon etwas abgucken. Finanzielle Unabhängigkeit wird einem in Deutschland unnötig erschwert.

Katharina Bosse
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Heide(Photo: Katharina Bosse)
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wmn: Würdest du sagen, dass dich deine Mutterschaft zu einer besseren Künstlerin gemacht hat oder hattest du tatsächlich manchmal Momente, in denen du dich eingeschränkt bzw. nicht vollkommen arbeitsfähig gefühlt hast wegen deiner Kinder? 

Katharina Bosse: Die Veränderungen durch die Mutterschaft haben sich auch auf die Kunstproduktion ausgewirkt. Ein riesiges Kollektivprojekt, wie das eben als Buch erschienene „Thingstätten“, das von Architektur aus der NS Zeit und ihrer heutige Bedeutung handelt, beruht auch auf der Erfahrung von Mutterschaft: eine Plattform zu errichten, auf der Projekte verschiedenster Art stattfinden, und ich bin im Hintergrund ständig involviert und bringe alles zusammen. Ich bin definitiv die Mama des „Thingstätten Projektes“.

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Die Verantwortung für eine Familie zu tragen bedeutet, die Bedürfnisse aller zu gewichten, und gute Lösungen zu finden. Einschränkungen habe ich am deutlichsten bei der Reisetätigkeit gemerkt, die ja sowohl bei der Bildproduktion als auch bei der Vermarktung auf Festivals eine große Rolle spielt. 

Ich konnte auch nicht mehr auf jede Ausstellungseröffnung gehen, gerade die Abendveranstaltungen der Kunstwelt finden ja in der „Familienzeit“ statt, in der die Kita definitiv geschlossen ist. Man muss gezielt die wichtigsten Termine auswählen. 

2014 begann unser gemeinsames Langzeitprojekt „Childrens Portraits“, bei dem wir den „Roadtrip“ als Hintergrund für eine inszenierte Porträtserie nutzen. Das innerfamiliäre Zusammenspiel „on the road“ als Alternative zum Klischee des „einsamen Fotografen“.

wmn: Was möchtest du allen Künstlerinnen oder anderweitig kreativ arbeitenden Frauen mit auf den Weg geben, die mit dem Gedanken spielen, Mutter zu werden? 

Katharina Bosse:

  1. Nicht auf andere hören, einfach machen. Analysiert die gesellschaftlichen Ideologien, und denkt nach. Weist negative Mutterbilder von euch, am Ende ist man für sein Leben selbst verantwortlich. 
  2. Die Anforderungen an Mütter in Deutschland sind so unerfüllbar hoch, dass es schon satirische Ausmaße hat. Schaut euch „echte Mütter“ im Umfeld an, und schaut euch von denen ein paar Tricks ab.
  3. Im selben Tenor: Ihr braucht kein Haus mit Garten, keinen Ehemann und kein Bio-Essen, damit eure Kinder glücklich werden. Nudeln mit Gurke und ein entspannter Papa, mit dem sie etwas unternehmen können, sind prima.
  4. Lest keine Ratgeber, außer sie sind von sehr coolen Müttern geschrieben (z.B. Hip Mama Survival Guide von Ariel Gore)
  5. Werdet erfinderisch: Gründet euer eigenes Residenzstipendium mit anderen Artist Moms – Ateliersurfing statt Couchsurfing.
  6. Baut euch ein Netzwerk auf: Ihr werdet viele verschiedene Menschen brauchen, mit denen eure Kinder Spaß haben, während ihr eure neuen Werke auf einer Kunstmesse zeigt.
Katharina Bosse
A Portrait of the Artist as a Young Mother: Fluss(Photo: Katharina Bosse)

Fazit: Wenn du eine Mutter sein willst, sei eine Mutter!

Katharina Bosse hat sich der gängigen Meinung in ihrer Branche widersetzt und das geschafft, was von so vielen für unmöglich gehalten wird. Sie ist beides: liebevolle Mutter und erfolgreiche Künstlerin.

Erfolg und Familie sind keine Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. In noch viel zu vielen Bereichen unseres Lebens, wird das aber noch genau so gesehen. Um Strukturen zu verändern, braucht es Menschen, die den Anfang machen. Katharinas Geschichte macht Mut, das zu tun, was für dich das richtige ist.

Du willst noch mehr Female Power? Unsere vorherigen weekly heroines sind die ehemalige Bodybuilderin Carina Møller-Mikkelsen und Autorin Ilona Hartmann. Zum Thema Mutterschaft, schau doch mal in unseren Artikel über Susi Groth rein.


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