Kind oder Karriere? Du musst dich entscheiden!

Frauen müssen zwischen Kind & Karriere entscheiden. Unsere Kolumnistin Jeannine erzählt, was es bedeutet, sich in einer männerdominierten Welt zu beweisen.

Jeannine Budelmann ist Geschäftsführerin eines Elektronik-Unternehmens und stellvertretende Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Münster.

Kürzlich in Brüssel, als man noch reisen und Menschen treffen durfte: Eine Sitzung mit hochkarätigen Wirtschaftsvertretern unterschiedlichen Alters und Geschlechts: 

Während der Mittagspause wird zwanglos über die Schwierigkeit geplaudert, sich zwischen Kind oder Karriere entscheiden zu müssen. Plötzlich lehnt sich mein männlicher Tischnachbar um die 50 zu mir herüber und raunt mir zu: 

Ganz ehrlich, es gibt doch nur diese zwei Kategorien von Frauen: Die Muttis und diejenigen, die so richtig knallhart Karriere machen. So wie Sie und ich.

Wow. Ich glaube, das war ein Kompliment! Was der freundliche Kollege offenbar nicht wusste: Ich habe mir die Frage ‘Kind oder Karriere?’ nicht gestellt. Ich bin Mutti und gleichzeitig Geschäftsfrau. Gut, ich bevorzuge das Wort Mama, aber das ändert inhaltlich nichts. 

Meine Tochter war während der Sitzung in der Kita, in die sie mein Mann gebracht hatte, der sie auch nachmittags wieder abgeholt hat. Ansonsten bin ich eben auch zur Hälfte für die nachmittägliche Kinderbetreuung zuständig. Wenn sie nicht dabei ist, sieht man mir die Tochter genauso wenig an, wie einem Mann, der ein Kind hat.

Jeannine
Jeannine ist eine junge Unternehmerin. Mit Kind. Verrückt.(Photo: WJD/Pia Jennert)

Frauen im Vorstand? Höchstens in der Kita!

Offensichtlich macht mich das Muttersein im beruflichen Kontext dann doch weniger weich, als von solchen Herren befürchtet wird. Anscheinend gelingt es mir, trotzdem wie jemand zu wirken, der „knallhart“ Karriere macht. Aber dennoch: Hat man das Stigma „Mutter“ auf der Stirn, wird man in eine Schublade gesteckt. 

Viele Frauen verschweigen in ihren CVs, dass sie Kinder haben. Es gibt sogar Frauen, die verschweigen am Arbeitsplatz, dass sie Kinder haben. Ganz im Gegensatz zu Männern übrigens. Männer zeigen durch ihr Vatersein, dass sie Verantwortung übernehmen. Die Frage nach ‘Kind oder Karriere’ stellt sich bei ihnen gar nicht erst. Frauen mit Kindern hingegen hängt das Vorurteil nach, sie seien erstens zu weich und zweitens eh ständig mit einem kranken Kind zu Hause.

‘Kind oder Karriere', ein Überbleibsel von damals

Bis 1977 mussten Frauen ihre Ehemänner fragen, ob sie erwerbstätig sein dürfen. Heute können Frauen angeblich alles sein. Ja, auch knallharte Unternehmerin. Doch in den Köpfen konservativer Kollegen geht immer noch nur eins: Kind oder Karriere. Business oder Buddelkasten. 

In Vor-Corona-Zeiten habe ich meine Tochter regelmäßig auf Veranstaltungen mitgenommen, auch in Sitzungen, die geprägt von graumelierten Anzugträgern waren. Malen und Schokokekse essen stört ja niemanden, dachte ich. Wie rührend, dass sich so mancher Herr, der seine eigenen Kinder nur vom sonntäglichen Frühstück kennt, plötzlich Gedanken über das Wohl meines Kindes und der gesamten Sitzung machte – natürlich laut vernehmbar. 

Ich war wirklich froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt darauf verweisen konnte, dass sogar die UN-Vollversammlung es ausgehalten hat, dass ein Baby im Sitzungssaal war. Danke, Jacinda Adern!

Auch 2020 ‘helfen’ Männer noch im Haushalt

Willkommen im deutschen Mittelalter-Mindset: Den Männern gehört die Welt da draußen, die Frauen bleiben mit den Kindern drin. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass mein Mann genauso Verantwortung für unsere Tochter übernimmt wie ich. Für ihn gehen Kind und Karriere auf natürliche Weise zusammen.

Männer „helfen“ weiterhin im Haushalt und bei der Aufzucht des Nachwuchses – das ist nicht ihr natürliches Habitat. Und Frauen, die sich erfolgreich in der Geschäftswelt bewegen, haben sich heute immer noch 'männlichen' Regeln anzupassen.

Wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin, fällt mir eine Sache ganz oft auf: Unsere Welt und allen voran die Architektur unserer öffentlichen Plätze ist für Erwachsene gemacht. Von Erwachsenen für Erwachsene. Will sie etwa an einem Bahnhof die Treppe hinunterlaufen und sich dabei festhalten (keine schlechte Idee, wenn man mit kurzen Beinchen herumtapst), dann kommt sie leider kaum an den Handlauf. Ganz ähnlich verhält es sich mit den oberen Etagen des Wirtschaftslebens: Eine Welt, die Männer für andere Männer gemacht haben.

Laptop Baby arbeiten
Baby und Karriere passen sehr gut zusammen, wenn gemeinsam daran arbeitet, dass es funktioniert.(Photo: shutterstock/Troyan)

Kind, Karriere & Kompetenz 

Kurze Frage: Was hat eigentlich der Umstand, dass ich ein Kind habe, mit meinen Kompetenzen zu tun? Und warum spielen sich “Kind, Karriere und Kompetenz” bei Männern nicht gegenseitig aus? Je nach Gesprächskonstellation und wie man selbst gerade in Stimmung ist, lohnt sich eine solche Frage an den entsprechenden Gesprächspartner. Häufig genug hat man(n) nämlich überhaupt noch nicht darüber nachgedacht. Warum auch? Seine Kompetenz wird nicht angezweifelt.

Ich möchte bitte den Chef sprechen.

Auch ohne Kind ist man als Frau (gerade in jungen Jahren) im Berufsleben häufig genug mit seltsamen Situationen konfrontiert: Da wären zum Beispiel die Kunden, die mir sagen, dass sie den Chef sprechen wollen. „Ich bin der Chef“, sage ich dann. „Nein, nein, ich meine den Richtigen!“, schallt es mir entgegen. 

Da gibt es auch Verbandskollegen, die mir mitteilen, dass ich als Frau für einen bestimmten Führungsposten nicht geeignet sei. Je weiter ich als Unternehmerin gelange, desto mehr besteht die Welt, in der ich mich bewege aus weisen Herren, die sich anhören, was ich zu sagen habe, dabei nett lächeln, den Inhalt ignorieren – und weitermachen wie bisher.

Was tun? Was hilft in solchen Situationen? Nun, was definitiv nicht hilft ist: sich aufregen. Die armen Jungs wissen es meist nicht besser. Meine Erfahrung ist: Nicht aufgeben! Kopf hoch, bei dummen Sprüchen freundlich nachfragen und gute Ergebnisse bringen! 

Meine Damen, traut euch, alles haben zu wollen. Entscheidet euch nicht zwischen Kind oder Karriere. Seid sichtbar. Seid laut. Die Welt ändert sich nicht von selbst und auch nicht in ein paar Tagen. Aber wenn wir sie nicht ändern, wer soll es dann tun?

Jeannine
Jeannine spielt in ihrem Arbeitsleben oft gezwungenermaßen nach den Regeln der Männer.(Photo: WJD/Pia Jennert)

Noch mehr Feminismus?

Lass dich von unseren weekly heroines inspirieren. Jede Woche küren wir eine besondere Frau zu unserer Heldin der Woche. Zum Beispiel Alice Hasters, die sich mit ihrer lauten Stimme für die Schwarze Community stark macht. Oder Susi Groth, eine Frau, die so beinehrlich über das Muttersein schreibt, dass wir alle endlich aufatmen können. Kennst du schon Iris Apfel? Das 99-jährige Fashion-Idol ist so ziemlich die coolste Greisin auf dem Planeten.


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