„Ist das dein Ernst?“, fragt Erik und dreht sich genervt zur Seite. Neben ihm liegt seine Freundin Aylin und starrt an die Decke. Im Hintergrund läuft der Fernseher weiter. Die Stimmung im Raum ist zum Zerreißen angespannt. Der Grund dafür? Erik findet, dass die beiden zu wenig Sex haben.

Doch längst sind Erik und Aylin kein Einzelfall mehr. Statistiken zeigen, dass Partner in einer Beziehung in den ersten beiden Jahren oft auch täglich Sex haben und das Pensum dann bis auf ein- bis zwei Mal pro Woche und seltener abflaut. Bei anderen Paaren stirbt die Sexualität sogar komplett.

Woran liegt es, dass Paare so wenig Sex haben?

„Am Anfang finden wir den Partner toll. Wir erzählen ihm Dinge, die sehr intim sind und wir so auch niemand anderem verraten würden. Dass wir diesen Austausch miteinander erleben dürfen, schmeichelt uns. Und wir fühlen uns extrem verbunden“, erklärt Marc Rackelmann, Autor, Körperpsychotherapeut sowie Paar- und Sexualtherapeut gegenüber wmn.

Marc Rackelmann
Marc Rackelmann spricht in wmn über Beziehungssex(Photo: Marc Rackelmann)

Der Hormonrausch ist vor allem in dieser Phase hoch. Und sorgt für eine gute Stimmung und viel Sex. Doch nach spätestens ein bis zwei Jahren sinkt er wieder. Aber längst sind es nicht nur unsere Hormone, die vom 16. Stock ins Erdgeschoss stürzen und somit dafür verantwortlich sind, dass wir wenig Sex haben. 

Neben lebenspraktischen spielen auch psychologische Gründe eine Rolle. Die Arbeit, unsere Hobbies und Freunde werden irgendwann wieder wichtiger und nehmen mehr Raum in unserem Leben ein. Und nebenbei entdecken wir immer mehr Dinge am Partner, die uns stören. Etwa, dass er die Wäsche nicht macht oder ständig zu spät kommt. Die Folge: Paare haben weniger Sex.

Wer besonders anfällig für Probleme ist

„Wer sich im Alltag häufig über seinen Partner ärgert, verspürt meist keine Lust auf Sex“, erklärt Rackelmann. Aber der Paartherapeut weiß auch, dass eine Sex-Krise vor allem für zwei Gruppen schwieriger zu bewältigen ist. Nämlich für diejenigen, die aus Familien kommen, in denen es ständig Streit gab und diejenigen, die aus Familien kommen, in denen alle Konflikte unter den Teppich gekehrt wurden. Warum? Beide haben von zuhause keine gute Streitkultur mitbekommen.

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Wenig Sex: Der Grund dafür liegt an den Hormonen und dem alltäglichen Ärger(Photo: eclipse_images)

Unausgesprochene Dinge führen zu wenig Sex

Wer nicht in der Lage dazu ist, Probleme in der Beziehung klar und deutlich anzusprechen und stattdessen so tut, als wäre alles okay, gibt seiner Sexualität auf Dauer den Todesstoß“, warnt Rackelmann. Denn nur wer die Probleme klar benennt, kann sowohl Lösungen für sie finden und sie so aus dem Weg räumen, als auch seinem Ärger Luft machen, sodass er schnell wieder verfliegt. 

Die Pärchen aber, die nicht über ihre Probleme reden, laufen Gefahr, die Stimmung noch mehr kippen zu lassen und somit erst recht wenig Sex zu haben. „Selbst wenn der eine seine Gefühle nicht anspricht, spürt der andere genau, dass gerade nicht alles in Ordnung ist. Doch weil der andere schweigt, weiß er nicht, was los ist und zieht sich im schlechtesten Fall selbst zurück, anstatt dran zu bleiben“, weiß Rackelmann. 

Reizwäsche & Blumen? Warum die gängigen Ratschläge nichts bringen

Die gängigen Ratschläge, die das Sexleben aufpeppen sollen, findet er deshalb problematisch. „Wie sollen denn bitte Blumen, Pralinen, Reizwäsche, neue Sexstellungen oder Pornos dabei helfen, mehr Sex zu haben, wenn die Ursache ganz woanders liegt? Solche Tipps sind viel zu oberflächlich und lösen das Grundproblem in so einem Fall nicht“, erklärt Rackelmann. Im schlimmsten Fall verstärken sie das Problem sogar noch. 

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Nichtsdestotrotz sollte sich ein Paar nicht stressen. Denn: Es gibt kein normales Maß an Sexualität. Entscheidend ist, ob sich beide mit ihrem Maß und der Art und Weise wohlfühlen. (Photo: South_agency)

Rackelmann weiß, dass Sexualität niemals losgelöst von der Beziehung betrachtet werden kann. Und dass der Kreislauf, der zu einem Einschlafen der Sexualtät in einer Beziehung führt, viel zu häufig derselbe ist. 

Nach der ersten Verliebtheitsphase, beginnen wir, Dinge aneinander zu entdecken, die uns stören, die wir aber um des lieben Friedens willen für uns behalten. Daraufhin verlieren die Paare die Lust aufeinander. Dann haben sie nur noch wenig und weniger nahen Sex. Und schließlich nimmt das Paar das wahr, ärgert sich darüber und die Stimmung verschlechtert sich weiter. Der Kreislauf verstärkt sich von selbst.

Wenig Sex? Das könnte die Lösung sein

Nur wie kann ein Paar aus diesem Kreislauf herauskommen? Wie kann es an sich arbeiten? Wie verhindert es, dass die Stimmung immer schlechter wird und es nur noch wenig Sex gibt?

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Wenig Sex: Es gibt auch Lösungen(Photo: South_agency)

Stellen wir uns vor, dass Erik und Aylin in Rackelmanns Praxis auf der Couch sitzen. Als aller erstes würde der Paartherapeut fragen, wie es den beiden geht.

 „Hinter der Unlust kann natürlich auch eine einfache Ursache liegen, wie etwa der Stress auf der Arbeit. Aber meiner Erfahrung nach, sind es oft die unterschwelligen, ungelösten Konflikte innerhalb einer Partnerschaft, die dazu führen, dass das Paar wenig Sex hat. 

Wie schnell es ein Paar aus der Sexkrise schafft, hängt immer davon ab, wie ehrlich die Partner mit sich selbst und dem Partner sind. Wer sich traut, auch mal in den Konflikt zu gehen und seine Verlustangst auszuhalten, wenn es denn knallt, der kann seine Beziehung eher retten, als jemand, der so tut als wäre nichts und im ewig gleichen Trott bleibt“, berichtet der Therapeut.

Wenn das Verlangen zurückkommt

Auf dem Sofa, auf dem Aylin und Erik nun Platz genommen haben, saß vor einigen Monaten noch ein anderes Paar, erzählt Rackelmann. Der Mann hatte sich darüber beschwert, dass es zu wenig Sex gibt. Die Frau hingegen fühlte sich ständig von ihm belagert und unter Druck gesetzt. 

Der Sex, den sie ihm gewährte, war so nur ein Gnadensex, damit sie für eine Weile ihre Ruhe hatte. Das Erstaunliche daran aber war, dass die Frau die ganze Zeit dachte, dass ihr Problem darin liegt, sie könne nicht Ja zum Sex zu sagen. 

Dabei ging es eher darum, dass sich ihr Nein nicht traute, im Alltag ebenso wie im Bett Grenzen zu setzen und dazu zu stehen. Erst als sie das für sich erkannt hatte kam ihr eigenes Verlangen zurück und sie konnte sich wieder voll und ganz auf den Sex einlassen“, zeigt Rackelmann auf.

Häufig sind es Fälle wie diese, die zeigen, was der Schlüssel zu einer erfüllenden Sexualität ist. Nämlich die Pflege der Liebesbeziehung. Und dazu zählt auch die Erkenntnis, dass Auseinandersetzungen notwendig sind, auch wenn sie uns verdammt viel Angst machen.

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