Die weibliche Lust wurde jahrelang pathologisiert. Es wurden die Genitalien von Frauen verstümmelt, zerschnitten und zugenäht – nur um ihnen die Freude am Sex zu nehmen. Auch hierzulande werden Frauen, die mit mehreren Männern schlafen, als Schlampe, Bitch oder Nymphomanin beleidigt. Wohingegen Männer ihre Lust frei und offen ausleben können. Und das jahrelang ohne Rücksicht auf Verluste. Beispielsweise konnten sie sogar ihre eigenen Frauen vergewaltigen – ohne dafür bestraft zu werden.

Aber auch heute gelten für Männer und Frauen andere Standards, wenn es um die eigene Lust und das Sexualverhalten geht. 

Pornos? Ja! Nacktbilder? Ja! Aber eine Frau, die über ihre eigene Lust rappt? Um Gottes willen!

Das zeigte jüngst das Beispiel der Rapperin Cardi B, die mit ihrem anzüglichen Song WAP (wet ass pussy) gerade alle Rekorde gebrochen hat. Der Song wurde millionenfach gestreamt und auf Youtube angeschaut. Das Video zeigt eine freizügige Cardi B mit Megan Thee Stallion, die über klitschnasse Pussys rhymen. Die beiden Frauen räkeln sich, tanzen mit anderen Frauen und rappen satte Lines, wie etwa: „There are some hoes in the house“ und „Put this pussy right in your face. Swipe your nose like a credit card“ oder „bring a bucket and a mop for this wet ass pussy“.

Weibliche Lust
Können wir in unserer Gesellschaft schamlos über die weibliche Gesellschaft diskutieren? Nach den Kritiken auf WAP von Cardi B ist das fraglich.(Photo: stock_colors)

Der provozierende Text und das anzügliche Video haben nicht nur konservativen Politikern die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Sondern auch zu hitzigen Diskussionen geführt, die vor allem in einer Frage münden: Warum dürfen männliche Rapper den weiblichen Körper objektifizieren und Frauen dazu aufrufen, ihren „Lollipop“ zu lecken, ihre Geldbündel auf die wackelnden Hintern von Frauen klatschen, während es bei weiblichen Rapperinnen wie Cardi B verpönt ist, über ihre vor Lust triefende Pussy zu sprechen?

Feststeht, dass niemand die Lyrics und dazugehörigen Bilder von WAP feiern muss, aber das große mediale Echo zeigt doch einmal mehr, dass wir von einer Gleichberechtigung meilenweit entfernt sind. Wieso sonst können Männer über ihre dicks rappen und dafür gefeiert werden, während die Welt aufschreit, wenn es ihnen zwei marginalisierte Frauen gleichtun? 

Was lernen unsere Kinder über die weibliche Lust?

Mütter und Konservative haben Cardi B und Megan für WAP an den Pranger gestellt. Es wurde über die Vorbildfunktion der beiden Rapperinnen diskutiert. Doch bei aller (gerechtfertigten) Kritik an WAP stellt sich auch die brennende Frage, warum erst Popstars den Raum für ein so elementares Thema eröffnen müssen. 

weibliche lust
Die weibliche Lust müsste auf so vielen Ebenen besprochen werden(Photo: stock_colors)

Denn in der Schule, so viel steht fest, nimmt die weibliche Lust nicht besonders viel Raum im Lehrplan ein. Das zeigt sich schon dann, wenn man eines der Lehrbücher aufschlägt. Das weibliche Geschlecht wurde nämlich in den letzten Jahren nicht richtig dargestellt. Biologen wie Daniel Haag-Wackernagel von der Universität Basel kritisieren, dass somit auch eine richtige Darstellung des weiblichen Erregungssystems fehlt. Während jedes Kind lernt, dass im Penis die Schwellkörper anschwellen, wissen die meisten nicht, dass auch die Klitoris das Doppelte der Größe erreicht, wenn die Frau erregt ist.

Dieses Manko hat auch die Tageszeitung taz beschrieben. Woraufhin der populäre Schulbuch-Verlag Cornelsen reagiert und ein Schulbuch herausgebracht hat, das die gesamte Klitoris darstellen soll. Wann dieses Buch erschienen ist? Erst in diesem Jahr!

Weiß überhaupt jemand, wie das Lustzentrum der Frau funktioniert?

Aber nicht nur in der Schule wird vermehrt über die männliche Sexualität gesprochen. Auch in der Gesellschaft und Wissenschaft wurden und werden Frauen immer wieder als das Geschlecht hingestellt, das von Natur aus weniger Lust auf Sex hat. Als die Prüden, die der Mann mühsam zum Geschlechtsakt überreden muss. 

Dauernde Kopfschmerzen oder andere Wehwehchen stünden der weiblichen Lust im Weg. Dabei sind Frauen viel leichter zu erregen als Männer, wie der Autor Daniel Bergner in seinem Buch „die versteckte Lust der Frauen“ zeigt. Doch: Gleichzeitig sind sie es oft auch, die die wahre Zahl ihrer Sexpartner verschweigen. Frauen werden immer noch als Heilige oder Hure abgestempelt.

Wie sprechen wir über das, also, das da unten?

Hinzukommt, dass es in der deutschen Sprache eigentlich keinen Begriff gibt, der das Geschlecht von Frauen angemessen beschreibt. Während sich die Bezeichnung Penis oder der etwas obszönere Begriff Schwanz längst etabliert haben, überlegen viele Frauen und Männer heute immer noch, wie sie das, was da unten ist, am besten bezeichnen können.

In ihrem Buch „Sie hat Bock“ deckt Katja Lewina ein Dilemma auf: Vagina und Vulva werden zwar oft für dasselbe benutzt, bezeichnen aber zwei völlig unterschiedliche Dinge. Vulva bezeichnet den äußeren, sichtbaren Teil, während der Begriff Vagina das Innere beschreibt. 

Doch: Was macht es mit uns, wenn wir nicht mal einen richtigen Begriff haben, für das, was uns Lust, Spaß und sogar ein neues Leben schenkt? Lewina kommt zu dem Schluss, dass Sprache auch immer ein Instrument der Macht ist. Und wenn wir das, was da unten ist, nicht einmal richtig bezeichnen können, wird dieses etwas, dieses dunkle Loch, niemals Anerkennung finden.

Fazit: Die weibliche Lust darf nicht mehr mystifiziert werden

Wenn wir nicht offen über die Bedürfnisse von Frauen sprechen und sie weiterhin dafür verurteilen, dass sie sich das gleiche Recht herausnehmen wie Männer, wird die weibliche Lust weiter unsichtbar gemacht. 

Dabei brauchen wir einen offenen Dialog, denn dieser kommt nicht nur jungen Frauen zugute, weil er ihnen die Verunsicherung nehmen kann, sondern hilft auch Männern dabei, eine Sexualität zu leben, die frei von Stereotypen ist. Eine Sexualität, die nicht nur das selbstbewusste Ausleben der weiblichen Lust erlaubt, sondern auch schwache Männer zulässt. Eine Sexualität, die allgemein offener für alle anderen Formen, Arten und Geschlechter ist.

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