Das Foto ist gestochen scharf. Lässig legt Sohnia ihre Hände auf die kalte Steinmauer, ihr Mund ist leicht geöffnet, mit lasziven Blick schaut sie in die Kamera. Sie trägt nur einen Bikini, der ihre Kurven und ihren flachen Bauch betont. Zwei Taps runter. Szenenwechsel. Robin liegt im Bett, ihr Kopf stützt auf der Hand, ihr nackter Körper wird von einer Seidendecke umhüllt.

Wieder ein Tap. Wieder ein neues Foto. So geht es endlos weiter auf der Foto-Plattform. Gefilterte Fotos, geschönte Realität, das Spiel mit Stereotypen. Doch: Was machen diese Fake Instagram-Fotos eigentlich mit uns? Wie beeinflussen die Sozialen Netzwerke die Selbstwahrnehmung von uns jungen Menschen? wmn hat die Medienpädagogin Corinna Schaffranek und zwei Nutzerinnen gefragt.

Instagram: Zwischen Fake & Inspiration

Ein kleiner Filter hier, etwas Weichzeichner dort, ein Klick und schon strahlen die Augen und Zähne. Influencerinnen wie Sohnia und Robin bearbeiten ihre Fotos nicht nur etwas, sondern sie perfektionieren sie mit aufwendigen Bildbearbeitungsprogrammen. Und damit sind sie nicht allein. 

Laut der Malisa-Studie verändern jede fünfte Frau und jeder vierte Mann den eigenen Körper auf Instagram. Die meisten Nutzer wissen zwar, dass keines der vermeintlich perfekten Fotos ein Schnappschuss war, der mal eben schnell in der Mittagspause geschossen wurde, sondern dass die Fotos nur durch ordentliche Nachbearbeitung so aussehen. 

„Das Problem ist jedoch, dass viele nicht wissen, wie extrem diese Bilder retuschiert wurden. Denn die meisten gehen davon aus, dass nur die Haut verschönert oder der Schatten stärker herausgearbeitet werden. Aber dass da die Brüste vergrößert, die Taille verkleinert, eine künstliche Lücke zwischen den Oberschenkeln geschaffen – also der ganze Körper nach Wunsch angepasst wird, das wissen die meisten nicht“, erklärt die Medienpädagogin Corinna Schaffranek. 

Sie hat ihre Masterarbeit über Schönheitsideale und Social Media geschrieben und tourt mit ihrem Instagirls-Projekt durch Deutschland, bei dem sie junge Menschen über die Schattenseiten der Sozialen Medien aufklärt. In ihren Workshops sitzen junge Mädchen, die sich täglich diese Bilder anschauen. 

Fake Instagram
Was machen die fake Instagram Bilder mit uns? Corinna Schaffranek gibt in wmn eine Antwort auf die Frage.(Photo: Schaffranek)

Der Wechsel zwischen Flucht & Zuflucht

Wieso ziehen uns diese Fotos eigentlich so in ihren Bann, sodass wir nonstop durch die Bilder scrollen? Warum nutzen wir Instagram überhaupt? Darauf gibt uns die IKW-Jugendstudie eine Antwort. Denn mit Instagram können wir uns von einem schlechten Tag ablenken, wir lassen uns inspirieren von den scheinbar perfekten Menschen und träumen uns in eine heilere Welt. Doch eben genau diese heile Welt ist wie ein Kredit, der einem später teuer zu stehen kommt. Denn die jungen Menschen vergleichen das, was sie auf dem Handy sehen, mit ihrem Spiegelbild. 

Nicht selten klafft zwischen beidem eine Lücke, die teure Kosmetik schließen soll. Laut der Studie wollen wir mit dem perfekten Äußeren über das Chaos in unserem Inneren hinweg täuschen. Und auch die Medienpädagogin Corinna Schaffranek weiß, wie schwierig es ist, sich nicht von den Instagram fake Bildern beeinflussen zu lassen. 

Ob größerer Eingriff oder kleinerer: Auf Instagram gibt es viele solcher Vorher-Nachher-Bilder.

Selbst diejenigen, die wissen, wie stark die Bilder bearbeitet werden, vergleichen sich. Das hat einen ganz einfachen Grund: Wir nutzen Social Media ja nicht bewusst, sondern unbewusst zwischendrin. Etwa in der Pause oder in der Bahn. Und in diesen Momenten reflektieren wir nicht richtig“, warnt sie. 

Da waren plötzlich meine Freundinnen, die sich alle unters Messer gelegt haben 

Eine, die zwar reflektieren konnte, es aber nicht geschafft hat, sich diesem Druck zu entziehen, immer gut aussehen zu müssen, ist die 27-Jährige Schauspielerin Erika. Sie nutzt seit Jahren Instagram, scrollt mehrmals täglich durch ihren Feed und hat sich die Brüste vergrößern und die Lippen aufspritzen lassen. 

Als ich 15 Jahre alt war, haben alle meine Freundinnen Brüste bekommen. Nur meine blieben flach“, erzählt sie. „Ich dachte erst, ich bin ein Spätzünder“, lacht sie. Doch als ein Jahr nach dem nächsten vergeht und Erikas Brüste klein bleiben, beginnt Erika sich extrem unwohl in ihrer Haut zu fühlen. 

Sie beginnt damit, lockere Kleidung zu tragen und wenn sie mit ihrem Partner schläft, will sie nicht, dass er ihre Brust berührt. Der Gedanke an eine OP kommt hoch. Aber Freunde und Partner reden ihr immer wieder ein, dass sie das nicht nötig habe. Erika schiebt den Gedanken daran zur Seite. Doch ganz weg geht er nie. Stattdessen kommt er immer wieder, wird immer stärker und brennt sich ihr regelrecht in den Kopf. 

Klar denken alle, dass es irgendwelche fake Instagram-Fotos von Influencerinnen waren, die mich beeinflusst haben. Aber das ist totaler Schwachsinn. Es waren eher Bekannte, die eine Brust-OP hatten und die mich dazu inspiriert haben, das Gleiche zu tun“, erklärt Erika. Ihre Stimme wird fester, sie spricht schneller, so als müsste sie sich ständig für ihre Entscheidung rechtfertigen. 

Du bist ein kleiner Kaffee-Junkie, aber auf der Suche nach Alternativen? Im Video erfährst du, welche es gibt.

Ganz anders als Erika sieht es die 30-Jährige Bau-Ingenieurin Camares: „Mich haben die gefakten Bilder extrem beeinflusst, weshalb ich solchen Influencerinnen auch nicht mehr folge. Stattdessen abonniere ich jetzt Accounts, die sich mit den Themen News, Politik und Nachhaltigkeit beschäftigen. So lerne ich viel und mir redet keiner rein, dass die hier zu klein sind“, sie lacht und zeigt auf ihren Busen. Für Corinna Schaffranek sind beiden Frauen ein Paradebeispiel: „Mit jedem Jahr älter lernen wir, unseren Körper zu akzeptieren“, auch wenn es sicher Ausnahmen gibt.

Fake Instagram Bilder beeinflussen uns unterbewusst

Letztlich sind es weder Instagram, noch eine andere Plattform, die allein Schuld an steigenden Schönheitsoperationen und Selbstzweifeln haben. Denn nicht jeder, der sich unters Messer legt, wurde  direkt durch Social Media beeinflusst. 

Dennoch, das dürfen wir nicht vergessen, können die vermeintlich perfekten Fotos sehr wohl einen Einfluss auf uns haben. Ohne, dass uns das überhaupt bewusst ist, da wir oft nebenbei durch die Bilder scrollen. Um uns das noch einmal zu verdeutlichen, hat Frankreich ein Gesetz eingeführt, bei dem Werbefotos einen Warnhinweis enthalten müssen, wenn die Körper retuschiert wurden.

Hinzu kommt aber auch, dass auch auf Instagram Schönheitsoperationen immer stärker zum Thema werden und so in den Fokus junger Menschen geraten, die sich sonst nicht damit beschäftigt hätten. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer am Horizont: Nämlich Social Media Dienste wie TikTok, die gerade bei jüngeren Menschen extrem gehyped werden.

Denn hier kommt es auf mehr an als nur gutes Aussehen. Hier werden nicht die am besten retuschierten Fotos belohnt, sondern auch Kreativität, Humor und andere Skills. Und das zeigt mir, dass es viele da draußen gibt, die sich satt gesehen haben, an den vermeintlich perfekten Bildern und endlich wieder normale Menschen sehen wollen“, schließt Schaffranek ab.

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