Es war vor ungefähr sechs Jahren, als ich bei meiner Friseurin auf der Couch saß, mit ihr über die besten Muffins in Berlin quatschte und sie mir übers Haar bürstete. Wir kennen uns seit 13 Jahren und sprechen auch mal über das ein oder andere Private. Aber nichts wirklich Intimes. Doch dieser eine Tag vor sechs Jahren bleibt ein Tag, an den ich immer wieder denken muss. Und der mich nicht los lässt. 

Die Frage nach der Familienplanung

Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, ihren Freunden und irgendwann auch von ihrem Mann. Die Stimmung war locker. Also fragte ich irgendwann: „Wie sieht es eigentlich bei euch beiden aus mit der Familienplanung? Wollt ihr keine Kinder?“ Kaum war die Frage ausgesprochen, ließ sie ihre Hände sinken und wurde ganz still. „Also, ich frag mich nur, wann es bei euch beiden so weit ist, du liebst Kinder doch so“, stammelte ich. Dann herrschte Stille. Und sie fing an zu weinen. 

„Wir haben es jahrelang versucht. Es hat nicht geklappt“. Fast sieben Jahre hatten sie und ihr Mann alles getan um, ein Kind zu bekommen. Selbst mehrere Versuche mit der künstlichen Befruchtung schlugen fehl. In dieser Zeit haben die beiden nicht nur viel Geld verloren, sondern auch ihre gesamte Kraft und die Hoffnung, dass es irgendwann doch noch mal klappt. Erlebnisse, die die beiden prägen. Und Geschehnisse, die immer noch verletzen. 

Vor sechs Jahren war ich 24 Jahre alt. Ich hatte mich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich mit dem Thema Familienplanung auseinandergesetzt. Ich war jung und für mich standen das Studium und die Arbeit im Vordergrund. Dass eine Schwangerschaft doch nicht auf Anhieb klappt? Joa, davon hatte ich schon mal gehört. Aber um ehrlich zu sein hatte ich mich noch nie bewusst damit auseinandergesetzt. 

Mit meiner Frage nach der Familienplanung wollte ich meine Friseurin nicht verletzen. Ganz im Gegenteil. Ich interessierte mich aufrichtig für ihr Leben und eigentlich wollte ich nur von den langweiligen Small Talk-Themen weg und Nähe zu ihr aufbauen. Aber heute weiß ich, dass ich mit meiner Frage nach der Familienplanung Wunden aufgerissen habe, die sie sorgsam verschließen wollte. 

familie zu Weihnachten familienplanung
Nicht jede Frau träumt von der heimeligen Familie.(Photo: Unsplash)

Die Frage nach der Familienplanung ist omnipräsent

In unserer Gesellschaft sind Fragen nach der Familienplanung normal. Wir wollen wissen, wie Bekannte und Freunde ihr Leben planen, wir wollen Anteil nehmen und auch irgendwie unsere Neugierde stillen. An sich ist das nichts Verwerfliches, sondern völlig menschlich. Aber: Dabei vergessen wir, dass jeder Mensch eine eigene Geschichte und damit ein eigenes Päckchen an Verletzungen, Wut und Trauer mit sich trägt.

Wenn wir also nach Kindern und der weiteren Familienplanung fragen, riskieren wir, andere ständig an ihre Verletzungen zu erinnern, die sie vielleicht gerne vergessen würden. Heute, sechs Jahre nach dem Vorfall, bin ich in einem Alter, in dem viele Frauen ein Kind bekommen. Auch viele meiner Freundinnen. Mein Freund und ich sind seit fast 11 Jahre zusammen und wollen auch irgendwann Kinder bekommen. Und so werden auch wir auf Partys immer wieder gefragt, wann es denn bei uns beiden soweit ist. Mich persönlich stört die Frage nach der Familienplanung nicht.

Aber ich stelle sie anderen Pärchen nicht mehr. Ich möchte nicht noch mal diejenige sein, die die Partystimmung crasht und bei anderen das Pflaster schmerzhaft von der Wunde reißt. Denn ganz ehrlich, wir wissen doch nie, woran es liegt, dass ein Pärchen keine Kinder hat. 

Frauen nach der Familienplanung fragen
Wieso wir nicht jeden nach der Familienplanung fragen sollten

Vielleicht will er Kinder haben, aber sie sträubt sich dagegen, weil sie einfach keine Mama sein will? Und vielleicht will sie auch nicht das Gefühl haben, sich dafür vor mir rechtfertigen zu müssen? Vielleicht würde das Paar gerne Kinder bekommen, kann es sich aber finanziell nicht leisten. Vielleicht probieren es die beiden seit Jahren und es funktioniert nicht, weil er Erektionsstörungen hat. 

Vielleicht gab es eine Fehlgeburt und der Verlust darüber ist so schmerzhaft, dass nun eine Therapie notwendig ist? Vielleicht wollen die beiden aber auch einfach keine Kinder in diese Welt setzen. Oder vielleicht bekommt ein homosexuelles Paar auch nur Absagen, wenn es um eine Adoption geht? Wieso auch immer. 

Es gibt zig Gründe, wieso jemand keine Kinder haben kann oder haben will. Und ich habe mir vorgenommen, nicht diejenige zu sein, die flüchtige Bekannte mit einer einfachen Frage in die Ecke drängt. Und ich möchte auch nicht diejenige sein, die in die Schranken gewiesen wird und wegen der jemand anderes dann womöglich noch abends mit schlechtem Gewissen reflektiert, ob die eigene Reaktion zu emotional, zu aufgebracht war.

Unser Lesetipp: Forschende haben Frauen gefragt, warum sie keine Kinder haben wollen. Das Ergebnis liest du hier.

Mein Fazit über die Frage nach der Familienplanung

Natürlich heißt das nicht, dass ich nie wieder mit meinen Freundinnen über das Thema sprechen kann oder will. Ganz im Gegenteil. Aber ich vertraue darauf, dass diejenigen, die darüber sprechen wollen, es von alleine zum Thema machen, ohne dass ich es forcieren muss. Und natürlich bedeutet das nicht, dass mir in Zukunft die Frage nach der Familienplanung nicht noch mal unbewusst rausrutscht oder in jeder Situation unangemessen ist. Aber aus meiner Sicht sollten wir die Frage nach dem Kinder kriegen etwas bewusster stellen.

Das Nachhaken nach der Familienplanung ist vielleicht doch etwas intimer und tiefgreifender als die Frage nach dem Lieblingsessen oder dem Lieblingsfilm. Denn nicht jeder Mensch ist gleich. Und nur weil mich oder dich die Frage nicht aus den Socken haut, bedeutet das nicht, dass sie bei anderen nicht vielleicht doch sehr schmerzhafte Erinnerungen weckt. 

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