Careleaver
Careleaver sind ehemalige Pflege- und Heimkinder Foto: Rottler / Linda Rottler

Careleaver Desiree Singh wurde als Kind misshandelt und wuchs in einem Kinderheim auf. Wie sie das noch heute beeinflusst, schildert sie in wmn.

Desiree Singh ist ein Carelaver, also ein ehemaliges Pflegekind. Mit nur zwei Jahren kommt sie in ein Kinderheim in Detmold. Als Kind wurde sie misshandelt und trägt heute immer noch die körperlichen Schäden aus dieser Zeit. 

Doch: Wie verändert diese Erfahrung die Psyche von Betroffenen? Wie verläuft das Leben eines Heimkindes? wmn hat Desiree Singh, die Weltmeisterin im Stabhochsprung begleitet.

Careleaver: Wie es ist, als Pflegekind aufzuwachsen

Wenn sich Desiree Singh an ihre jüngsten Lebensjahre erinnert, ist da vor allem Schmerz, der Wille zu verstehen und panische Angst in alltäglichen Situationen. Die ersten zwei Jahre wächst Desiree bei ihrer leiblichen Mutter auf, wird dort misshandelt und vernachlässigt. 

Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder kommt sie in ein Kinderheim und schon bald werden die beiden in zwei unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht. Heute kann sie keine konkreten Situationen rekonstruieren, aber ab und zu taucht ein Bild auf, ein Gefühl.

Mama ist jetzt nicht mehr die Erzeugerin, sondern die Frau, die sie aufzieht, mit ihr lacht und weint, für sie da ist, wenn die schlimmen Gefühle sie plagen. Mama ist jetzt diejenige, die nachts am Bett sitzt, wenn Desiree Angst vor Geistern hat und bis in die frühen Morgenstunden nicht schlafen kann. Sie ist auch diejenige, die die inzwischen Siebenjährige vor sich und ihrem Drang sich selbst zu verletzen, schützen muss.

Ihre leibliche Mutter bekommt noch zwei weitere Söhne, die nach einem Gerichtsbeschluss in Wohngruppen verteilt werden. Es mag ein hartes Wort sein „verteilt“ – aber genauso ist es. Die beiden Jungen haben nicht so viel Glück wie Desiree. Sie werden von Gruppe zu Gruppe, von Einrichtung zu Einrichtung geschoben. 

Sie fallen negativ auf und geraten in Abhängigkeiten. Immer wieder werden sie mit dem Gefühl konfrontiert:Ich bin nichts wert und keiner will mich haben. Ich bin nicht tragbar.“ „Solche Gefühle sind nicht selten bei Careleavern, also Jugendlichen, die mit spätestens 18 Jahren ganz auf sich allein gestellt sind und keine familiäre Unterstützung haben,“ sagt Laura Brüchle, die selbst in Wohneinrichtungen und einer Pflegefamilie aufwuchs und sich im Verein Careleaver Deutschland e.V. engagiert. 

Der Verein besteht größtenteils aus Menschen mit familiär schwierigen Hintergründen, was sie letztlich auch zu Expert:innen macht. Denn sie wissen, wo den jungen Erwachsenen der Schuh drückt. 

„Wir sprechen im Verein beispielsweise sehr viel über Finanzielles und darüber, wie man mit Geld umgeht. Weil man das einfach nicht gelernt bekommt,“ sagt Laura weiter. 2019 gab es über 227.000 Unterbringungen von Kindern und Jugendlichen in Heimen, betreuten Wohnformen oder Pflegefamilien. Das ist der wohl intensivste sozialstaatliche Eingriff in das Leben junger Menschen. Die Mehrheit muss mit 18 Jahren ausziehen und ist ohne familiäre Unterstützung komplett auf sich alleine gestellt. 

Viele Careleaver haben zum Zeitpunkt ihres Auszugs keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss. Im Vergleich: In Deutschland beginnen junge Menschen im Durchschnitt erst mit 19,9 Jahren eine Ausbildung und verlassen mit 23,7 Jahren ihr Elternhaus. 86% der Studierenden erhalten finanzielle Unterstützung von ihren Eltern.

Sport zu treiben hat Desiree in dunklen Zeiten geholfen

Desiree kriegt die Kurve mit Hilfe ihrer Pflegefamilie und durch den Sport, den sie intensiv betreibt. Bereits mit 14 Jahren fährt sie zu den Deutschen Meisterschaften im Stabhochsprung und schafft es auf den vierten Platz. „Ich wusste, dass meine leibliche Mutter meine Erfolge in den Medien verfolgt, aber wenn sie dann Bilder bei Facebook geliked oder kommentiert hat, war mir das sehr unangenehm,“ erinnert sich Desiree. 

Mit 17 Jahren wird die Weltmeisterin ungewollt schwanger. Ein Schock für ihre Pflegefamilie, die doch so eine gute Basis für sie geschaffen hat.

Desiree
Der Sport hat Desiree Halt gegeben(Photo: Ulrich Fassbender)

Desiree muss neben der Schule nun auch ihre kleine Tochter versorgen, sich wöchentlich sechs Stunden mit einer Sozialarbeiterin treffen, die sie in ihrem Alltag begleitet und überprüft, ob Desiree ihr Leben mit Kind gut meistert. Sie lebt noch bei ihrer Pflegefamilie, nimmt die staatliche Unterstützung aber gerne an. Und dann steht Desiree vor der nächsten Hürde, aus dem Pflegeverhältnis in die Eigenständigkeit zu gehen. 

„Es ist Wahnsinn, welchen Herausforderungen Careleaver in so jungen Jahren gegenüberstehen. Sie verlassen die Jugendhilfe mit 18 und müssen dann alles alleine regeln. Im BAfÖG-Amt kommen sie ohne Einkommensnachweise der Eltern nicht weiter, beim Wohngeld wird ihnen gesagt, dass sie unter 25 noch nicht antragsberechtigt sind, sondern sich an ihre Eltern wenden sollen. Und so geht es immer weiter. 

Dass es Gründe gibt, warum sie keinen Kontakt zu ihren Eltern wollen oder sie ihre Eltern vielleicht gar nicht kennen, wird hier nicht beachtet,“ sagt Lea Buck, Programmleiterin der Initiative Brückensteine Careleaver. Da heißt es dann, „wenn Sie die Box nicht ausfüllen können, kann ich den Antrag nicht bearbeiten“.

Von wem bekommen Heimkinder in Deutschland Unterstützung?

Die Initiative Brückensteine Careleaver fördert gezielt diese jungen Menschen mit Projekten, gibt Hilfe bei der Wohnungssuche, dem Abschließen einer Versicherung, Kostenheranziehung und eben allem Papierkram, bei dem andere junge Menschen von ihren Eltern Unterstützung bekommen. Möglich ist dies nur, weil die Schweizer Drosos Stiftung die Arbeit der Initiative finanziert. Ein staatliches Regelangebot ist es leider nicht. Seit Mitte Januar läuft eine Kampagne der Initiative, die darauf zielt, das Thema und den Begriff „Careleaver“ nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch unter den Betroffenen bekannt zu machen. 

„Viele Careleaver kennen den Begriff nicht und das erschwert ihnen das Finden von Unterstützungsangeboten. Durch die Kampagne wollen wir Careleaver auch untereinander vernetzen. Wir wollen etwas gegen die ungerechte Ausgangslage tun, in der sie sich unverschuldet befinden,“ sagt Lea Buck, die sich seit 2019 für Brückensteine Careleaver einsetzt. 

Natürlich gibt es auch über die staatliche Jugendhilfe die Möglichkeit der Nachbetreuung. Diese ist allerdings daran gebunden, dass Defizite dargelegt werden, die eine weitere Unterstützung rechtfertigen. Wer das nicht möchte, kann sich außerdem an das Bundesnetzwerk Ombudschaft wenden, die sich ebenfalls in der Kinder- und Jugendhilfe engagieren.

Der Tod der leiblichen Mutter war eine Erleichterung

Aber zurück zu Desiree: Sie ist inzwischen 26 Jahre alt und lebt mit ihrem Freund und ihren drei Kindern in Detmold. Zu ihren Brüdern pflegt sie Kontakt. „Natürlich habe ich eine Verbindung zu meinen Brüdern, aber es ist eine ganz andere als die zu meiner (Pflege-)Schwester, mit der ich ja aufgewachsen bin,“ erzählt sie. 

„Als meine leibliche Mutter vor sieben Jahren gestorben ist, hat mich das härter getroffen, als gedacht. Ich habe dann ihre Beerdigung organisiert und bezahlt. Heute weiß ich, dass ihr Tod auch eine Erleichterung war und ich kann befreiter in die Zukunft blicken. Ich habe sie ab und zu in Detmold gesehen und hatte richtig Angst vor diesen Begegnungen. Das muss ich jetzt nicht mehr haben. Ich bin mittlerweile total dankbar, dass ich in einer Pflegefamilie aufgewachsen bin. Dass ich die Möglichkeit hatte, mich so zu entfalten.“ 

Pflegekind
Heute ist Desiree selbst Mama und will so für ihre Kinder da sein, wie ihre Mutter es selbst nie konnte.

Wenn Desiree über ihre Vergangenheit spricht, klingt sie sehr abgeklärt. Sie kann ihre Emotionen beschreiben, was hinter den Worten fehlt, ist das Gefühl. „Ich habe mich sehr früh intensiv mit meiner Geschichte auseinandergesetzt und war lange in Therapie,“ beschreibt sie diesen Zustand. Mittlerweile steht Desiree nicht mehr nur als Athletin, sondern hauptsächlich als Trainerin auf dem Platz und möchte ihr Wissen und Können an die Jüngeren weitergeben und Kinder fördern. 

Sie studiert neben ihrer Tätigkeit im Amt als Kreissekretärin psychologische Beratung und möchte damit anderen und auch sich selbst die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln. Mit ihren eigenen Kindern geht sie offen mit ihrer Vergangenheit um, erklärt den Unterschied zwischen Papa und Erzeuger. „Papa ist derjenige, der dir abends eine Geschichte erzählt, etwas zu Essen kocht und dich in den Arm nimmt,“ sagt sie dann zu ihren Kindern (8,4 und ein halbes Jahr alt). 

Sie selbst ist dankbar, dass der Sozialstaat in Deutschland Kinder wie sie auffängt, aber sie wünscht sich auch, dass Careleavern Perspektiven aufgezeigt werden und Beständigkeit kein Fremdwort ist.

Ein Text von Linda Rottler

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