Rassismus auf Reisen
Rassismus auf Reisen: Ein Ausflug in ländliche Gegenden ist für BIPoC oft problematisch. (Photo: mimagephotography/ shutterstock) Source: mimagephotography/ shutterstock

Rassismus auf Reisen: Warum viele nicht auf dem Land Urlaub machen

Rassismus auf Reisen: Viele Schwarze fürchten sich vor Rechten. Sie meiden deshalb Urlaub in ländlichen Regionen. Von dem Gefühl, ständig Angst haben zu müssen.

Die Corona-Krise hat die Urlaubspläne von vielen durcheinandergewirbelt.

Viele Familien, Paare und Singles hatten eigentlich geplant, Urlaub im Ausland zu machen. Aufgrund von Einreiseverboten, hohen Corona-Zahlen und der Sorge um eine mögliche Quarantäne entspannen viele nun in der Heimat. Neben der Ost- und Nordsee sind vor allem viele ländliche Regionen hoch im Kurs.

Doch: Für viele BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) kommt ein Urlaub in den ländlichen Regionen gar nicht in Frage. Zu groß ist die Angst vor Rassismus auf Reisen.

BIPoC haben Angst vor Rassismus auf Reisen, insbesondere auf dem Land

Vor ein paar Tagen las ich in der Zeit einen Artikel von der Autorin Kemi Fatoba. In dem erklärt sie, dass viele BIPoC nicht raus aufs Land fahren, um zu entspannen und Kraft zu tanken. Und dass Bloggerinnen wie Mary Scherpe BIPoC davor warnen, in Gegenden wie Sachsen Urlaub zu machen. Weil es dort immer wieder zu rechtsradikalen und rassistischen Attacken kommt.

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I spent this week hiking in the Sächsische Schweiz, a mountainous national park in the South of Saxony, about 2.5 hours from Berlin. I haven’t been there since I was a kid, even though it’s a stunning region so close by. We stayed in a cabin in a forest a bit out of the way and used our days to hike to the many natural sights of the Elbsandsteingebirge. The area is rugged, with forests and meadows, and the Elbe river breaking through creating impressive valleys, and imposing rock formations. The forests are wide and deep, with moss and ferns, and many hiking paths, more or less well marked. Since the region is not very large, it can get really crowded on weekends, but during the week many paths are almost empty and you’ll have the streams and caves to yourself. Aside from the millions of ticks (which might be a 2020 issue) it’s great for dogs who like adventurous hikes with many rocks to jump and pastures to race across. I’d love to recommend this one wholeheartedly as a great way to get out of the city and into nature for a short while, but I can’t not mention that this is also an area infested with right wing extremism. Not only does the majority of the locals vote for either AfD or NPD (the even more extremist and older right-wing party), but it’s also the birthplace of one of the most violent neo-nazi groups, and racist incidents and attacks happen almost weekly. Just last month, a couple has been attacked with antisemitic slurs on one of the major sights, the Bastei bridge. So no, we didn’t encounter many PoC among the visitors or locals, however, friends of mine went and said they had no negative experiences. I appreciate if you decide to share your own experience as a PoC in the comments so we can all try to assess the situation. There are a couple of local anti-racist NGO organisations you can support, like AKuBiZ e.V., the AG Asylsuchende, and Support by RAA Sachsen e.V., who are offering consulting and help. It’s a grim situation in my home state, which makes my heart heavy because this place is so stunning and recreational, I wish it was accessible for more people.

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Auf Instagram warnt die Bloggerin BIPoC vor einem Urlaub in Sachsen.

Auch in Facebook-Gruppen tauschen sich BIPoC miteinander aus. Der Tenor: Viele haben Angst vor Rassismus auf Reisen und davor, Opfer eines ausländerfeindlichen Angriffes zu werden. Sie meiden deshalb vor allem abgehängte Provinzen in Ostdeutschland, in denen die AfD stark ist.

Hautfarbe, AfD & abgehängte Regionen

Als ich Fatobas Artikel las, fühlte ich mit ihr. Ja fast so, als ob jemand endlich das aussprechen würde, worüber ich mir im Stillen schon seit langem den Kopf zerbreche. Denn: Auch ich mag es nicht, an bestimmte Orte zu fahren.

Warum? Weil ich mich unwohl fühle, wenn ich beispielsweise in ein Dorf in Brandenburg fahre und mich direkt am Bahnhof NPD- und AfD-Plakate anstarren. Wenn ich Sätze lesen muss, wie „Ausländer raus!“ Weil ich mich nicht entspannen und meinen Urlaub genießen kann, wenn ich weiß, dass es Leute gibt, die mich nur aufgrund meiner Hautfarbe hassen.

Rassismus auf Reisen
Rassismus auf Reisen: In den meisten Fällen passiert nichts. Aber das Gefühl, nicht willkommen zu sein, hindert viele daran, die schönsten Ecken von Deutschland zu entdecken.(Photo: Riccardo Maywald/ shutterstock)

Streng genommen müsste ich mich von den Plakaten gar nicht angesprochen fühlen. Denn ich bin keine Ausländerin, sondern Deutsche. Da meine Mama deutsch und mein Papa gambianisch ist, sehe ich aber nicht so aus. Und das wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich in so einem Dorf stehe und auf die hasserfüllten Plakate schauen muss.

Droht wirklich Gefahr oder ist die Sorge zu übertrieben?

BIPoC haben also Angst vor Rassismus auf Reisen. Während Weiße sorglos nach Sachsen, Brandenburg oder Meck-Pomm fahren können, überlegen sich BIPoC genau, ob dort Gefahr lauert. Der türkische Freund einer Freundin beispielsweise wurde in einem ländlicheren Randbezirk von Berlin rassistisch beleidigt und dann sogar verfolgt. Nun weigert er sich, dort die Familie seiner Freundin noch einmal zu besuchen.

Urlaub auf dem Land heißt natürlich nicht, dass man direkt als Schwarze/r angegriffen wird oder dass jeder auf dem Land rassistisch ist. Auf gar keinen Fall.

Aber Urlaub auf dem Land bedeutet, sich immer wieder mit diesen Eventualitäten, Sorgen und Bedenken auseinandersetzen zu müssen. Sich unwillkommen und fremd zu fühlen. Sich zu fragen, wieso die AfD so stark sein kann. Oder eben doch wie eine Sensation auf dem Jahrmarkt angeglotzt zu werden. 

Selbst wenn wenn weiße Freunde versprechen, uns im Notfall zu schützen, entspannt das nicht. Denn, was wäre, wenn wir tatsächlich dumm angemacht werden? Wenn es zu einer Rangelei kommt? Ich für meinen Teil will auf keinen Fall, dass jemand meinetwegen in Gefahr gerät.

Als es in Chemnitz zu rechtsradikalen Ausschreitungen kam, sorgten sich auch die Deutschen Tourismusverbände um das Image von Deutschland und riefen in den Sozialen Medien zu Weltoffenheit auf.

Rassismus auf dem Land & Angst in der Stadt

Aber es sind auch die Diskussionen mit Nicht-Betroffenen, die extrem viel Kraft kosten. Als ich beispielsweise am Wochenende bei einer Freundin in Brandenburg zu Besuch war, überlegten wir, ob wir im Dorf etwas essen gehen. Erst überlegte ich, ob ich das Thema überhaupt ansprechen soll. Dann tat ich es trotzdem und sagte: „Aber, äh, wie sieht es hier eigentlich mit Rechten im Ort aus? Muss ich mir Sorgen machen?“

Stille.

„Hm“, antwortete schließlich der Freund meiner Freundin. „Eigentlich nicht. Klar, es gibt hier ein paar Rechte. Aber hier sind auch viele Touristen.“ Ich versuchte zu lächeln und sagte nur „Okay“. Daraufhin erklärte er: „Ich versteh deine Angst. Ich würde als deutscher Mann auch nicht gerne durch Neukölln laufen.“

Obwohl ich seine Sorge davor, von Ausländern angegriffen zu werden, überhaupt nicht nachempfinden kann, ließ ich seine Aussage dennoch so stehen. 

Aber mich nervt es, dass in unserer Gesellschaft Erfahrungen immer gegenüber gestellt werden. Und dass Menschen in den Kommentaren der Zeit oder im persönlichen Gespräch immer wieder abwägen wollen, welche Angst denn nun schlimmer ist. Dass jeder laut aufschreit und rumbrüllt, aber keiner zuhört

Nur wenn wir die Erfahrungen von anderen Menschen nicht relativieren, haben wir die Chance, etwas zu verändern und zu ermöglichen, dass sich jeder willkommen und sicher fühlt. Egal, ob nun als weißer Mann oder als schwarze Frau. 

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Lies hier, was Weiße über Rassismus in Deutschland verdrängen, aber wissen sollten.

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