Das Spießertum erlebt ein Revival!

Denn seit der Corona-Krise wünschen sich immer mehr Menschen ein Haus oder Garten im Grünen. Von Landflucht ist heute nicht mehr die Rede. Stattdessen wird die Stadtflucht zum neuen Trend. Doch was hat sich seit der Pandemie verändert? Warum wollen immer mehr Menschen aus der Stadt ziehen? Was macht es mit uns, wenn wir mehr Zeit in der Natur verbringen? Und gibt es einen Trick, um das grüne Paradies nach Hause zu holen – wenn die Ersparnisse nicht reichen, um sich eine Villa am Stadtrand zu kaufen? wmn klärt auf.

Stadtflucht: Warum die Corona-Krise das Leben auf dem Land attraktiv macht

Jahrelang galt die Großstadt als Sehnsuchtsort. Als Ort der Universitäten und Forschung, der beruflichen Chancen, kulturellen Vielfalt und vor allem als Ort der unglaublich vielen Unternehmungsmöglichkeiten. Doch mit der Pandemie fielen all die Vorteile des Stadtlebens auf einen Schlag weg: So gab es keine Studentenpartys und Events mehr, die Kulturstätten machten dicht und die vollen Busse und Bahnen wirkten plötzlich bedrohlich. Aber auch die fehlenden Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten sowie die Tatsache, dass viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nun im Homeoffice und damit im Prinzip von überall arbeiten können, dürfte die Stadtflucht befeuern.

Stadtflucht
Keine Landflucht, sondern Stadtflucht. Credit: IMAGO / Westend61

Das Haus im Grünen war jedoch auch vor der Pandemie schon lange ein Traum vieler Menschen. Bereits vor der Krise sagte ein Drittel, dass es gerne auf dem Land leben will. Doch nur für ein Siebtel ging der Traum wirklich in Erfüllung. Ein Blick auf die Statistiken zeigt nun jedoch, dass Großstädte wie Berlin im letzten Jahr an Attraktivität eingebüßt haben. Denn seit dem letzten Jahr gibt es nicht nur weniger Zuzüge aus dem Ausland, sondern auch immer mehr Wegzüge nach Brandenburg.

Dank Corona verändert sich auch die Immobiliensuche

Doch nicht nur die Stadtflucht wird durch die Corona-Krise befeuert, sondern auch die Immobiliensuche verändert sich massiv. So wollen immer mehr Menschen eine Wohnung oder ein Haus mit Balkon, Terrasse und Garten haben. Das Institut Empirica schreibt deshalb in einem Bericht: „Innenstadtbutzen sind praktisch, aber unschön bei Corona. Die Zahlungsbereitschaft für Balkon ist daher gestiegen.“

Stadtflucht
Wenn das Leben in und mit der Natur zur Sehnsucht wird. Credit: IMAGO / Westend61

Obwohl die Corona-Krise die Stadtflucht befeuert, wollen oder können nicht alle Städter und Städterinnen, die sich nach einem ruhigeren Leben sehnen, aufs Land ziehen. Etwa, weil sie pflegebedürftige Eltern oder Kinder haben, die sie nicht aus ihrem sozialen Umfeld herausreißen wollen. Doch auch sie haben in der Corona-Krise längst eine Alternative zum idyllischen Landleben gefunden. Nämlich die Pachtung eines Kleingartens und damit ein eigenes kleines Stück Land, ein eigenes kleines Paradies inmitten der dreckigen Großstadt.

Die Vorteile solch eines Kleingartens liegen auf der Hand: Großstädter können im Herzen der Stadt wohnen und nach nur wenigen Minuten Fußweg in die Idylle einer Kleingartenkolonie eintauchen. Hier, in den 24 quadratmetergroßen Parzellen können sie Himbeerruten einpflanzen. In den Hochbeeten ihr eigenes Gemüse und Obst anbauen, während die Kinder ins Planschbecken springen und auf den Trampolinen herumspringen.

Mittlerweile wollen immer mehr Menschen Laubenpieper werden: Zahlreiche Berliner Kleingartenkolonien berichten auf Anfrage von wmn, dass ihr Telefon seit der Corona-Pandemie nicht mehr still steht. Einige Kolonien bekommen sogar so viele Anrufe und E-Mails, dass sie keine Bewerbungen mehr entgegen nehmen, weil sie sowieso keine Aussicht auf Erfolg haben – nicht einmal in den nächsten zehn Jahren.

Warum wir uns nach der Natur sehnen

Dass sich insbesondere in der Pandemie viele Menschen nach einem Haus oder Garten im Grünen sehnen, kommt nicht von ungefähr. Denn Studien zeigen, dass wir in der Natur zur Ruhe kommen und unser Stresspegel sinkt. All die Schreckensmeldungen über die Corona-Toten und Infizierten oder die Wahlkampf-Debatten sind in der Natur schnell vergessen. Der schöne Gesang der Vögel, der Wind, der einem um die Nase weht, das sind Dinge, die uns erden.

Aber es ist nicht nur der Aufenthalt selbst, sondern auch die Arbeit im Garten, die uns glücklich macht. Denn wer sät, einpflanzt und erntet, arbeitet mit all seinen Sinnen. Riecht den herben Geruch der Erde und Kräuter. Fühlt die feuchte Erde und hört, wie die Blätter unter den Füßen rascheln. Und auch die kleinen Erfolgserlebnisse lassen das Herz höher schlagen, etwa wenn die selbst angebauten Erdbeeren gepflückt werden und herrlich süß schmecken. Selbst diejenigen, die aufgrund von Überstunden, Smartphone und Digitalisierung den Kontakt zur Erde verloren haben, spüren sich in der Natur wieder lebendig. Nicht umsonst schwört sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf das Werkeln im Grünen: „Entspannung vom anstrengenden Politikalltag finde ich in der Gartenarbeit.“

Keine Stadtflucht, kein Garten – Wie hole ich mir die Natur nach Hause?

Doch können nur reiche Familien mit eigenem Haus im Speckgürtel oder eigenem Garten von all den Vorteilen der Natur profitieren? Nein! Auch Studenten und Studentinnen, für die eine Stadtflucht nicht in Frage kommt, können sich die Natur in das großstädtische Zuhause holen, indem sie sich mehr Pflanzen in die eigenen vier Wände stellen. Denn diese haben nicht nur draußen, sondern auch zuhause eine entspannende Wirkung, das erklärt der Wohnpsychologe Uwe Linke gegenüber dem BusinessInsider:„Pflanzen vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, weil sie uns zeigen, dass wir selbst ein Teil der lebendigen Natur sind und von ihnen profitieren. Auch wenn einem das nicht immer bewusst ist, wirkt der bloße Sichtkontakt und lässt uns innerlich zur Ruhe kommen.“

Und weiter: „Grün hat eine außerordentlich beruhigende Wirkung auf uns. Wir verbinden mit der Farbe Grün die Natur, Frische, Lebendigkeit und Sommer“. Na dann steht ja selbst denjenigen, die nicht aus der Stadt flüchten, nichts mehr im Wege, um einen grünen Sommer zu genießen, oder?

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