Autofreie Innenstadt
E-Autos & mehr Radwege: Unsere Innenstädte werden nachhaltiger (Photo: shutterstock/ smile fight) Source: shutterstock/ smile fight

Radwege & Geld für E-Autos: was wird aus der autofreien Innenstadt?

Unsere Innenstädte werden umweltfreundlicher: In der Corona-Krise wurden mehr Radwege gebaut. Zudem kannst du dir nun eine Prämie für Elektroautos abgreifen!

Die Hoffnung, dass das Coronavirus zur autofreien Innenstadt führt, war in den letzten Wochen groß.

Weltweit haben Kommunen die Corona-Krise genutzt, um die Mobilitätsgewohnheiten der Menschen anzupassen und den Fahrradverkehr zu stärken. Damit kommen die Städte auch dem dringenden Appell der WHO nach, die schon zu Beginn der Krise dazu aufgerufen hat, zu Fuß zu gehen oder das Fahrrad zu nutzen.

Das Ziel der autofreien Innenstadt rückt näher

Angefangen hat die kolumbianische Hauptstadt Bogotà, die temporär über 100 Kilometer neuer Radwege entlang der großen Hauptverkehrsstraßen eingerichtet hat. Wenig später folgten Städte wie New York, Brüssel und Paris mit neuen Fahrradwegen. Und auch in Vancouver, Mexico City und Budapest wurden autofreie Nebenstraßen eingerichtet, um den Fuß- und Radverkehr zu fördern.


Und auch wenn wir in Deutschland noch weit entfernt sind von der autofreien Innenstadt, sind im Zuge des Coronavirus temporäre Radwege entstanden. Zum Beispiel in Berlin. So sind allein in der Hauptstadt in den letzten Wochen knapp zehn Kilometer neuer Fahrradstreifen dazu gekommen.

Neue Radwege in Berlin

Elisabeth Borne, die französische Ministerin für ökologischen Wandel, erklärte in den französischen Medien auch den Beweggrund für die Aktion: „Wir wollen, dass diese Zeit eine neue Etappe der Fahrradkultur einleitet und das Fahrrad in gewisser Weise die kleine Königin der Wiedereröffnung wird.“

Und auch aus Brüssel heißt es: „Wir dürfen nicht zurück zum ‚business as usual‘. Wir müssen diesen Moment nutzen, um einen guten Neustart zu gewährleisten, und wir müssen die Menschen ermutigen, mehr zu Fuß zu gehen und Fahrrad zu fahren. Um so den Verkehrsdruck in Brüssel etwas zu entlasten.“

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Was der Umstieg aufs Fahrrad bringen kann

Seit Jahren plädieren Experten für eine Verkehrswende. Denn: Der Platz auf den Straßen ist begrenzt und schon heute sind Staus bittere Realität. Würden weniger Autos auf den Straßen fahren, könnten nicht nur klimaschädliche Treibhausgasemissionen eingespart, sondern es würde auch der Verkehrslärm reduziert werden. Zudem könnte die eingesparte Fläche anderweitig genutzt werden. Und im Endergebnis würden die Städte so wesentlich lebenswerter werden.

Zwei Frauen fahren Fahrrad
Amsterdam subventioniert alle Fahrradfahrer mit einer Kilometerpauschale.(Photo: Unsplash)

Hinzu kommt aber auch, dass der Umstieg aufs Fahrrad oder das zu Fuß gehen positive Effekte auf die eigene Gesundheit haben. Nicht umsonst schauen Länder wie Deutschland neidisch auf Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam, die zwar keine komplett autofreie Innenstadt haben, aber dennoch als Vorzeigestädte gelten, wenn es um die Förderung des Fahrradverkehr geht. 

Und wie kommen die neuen Radwege in Deutschland an?

Die Hauptstädter nehmen die neuen Fahrradwege größtenteils sehr dankbar an. Auf Twitter verteilen einige Nutzer Herzchen und Likes für die Aktion. Einige Berliner haben den Bauarbeitern sogar Blumen geschenkt. Der Senat freut sich über die temporären Radwege und hat bereits erklärt, dass diese zu dauerhaften Lösungen umgewandelt werden sollen. Und auch in anderen Städten stößt die Idee auf Interesse. In Aachen, Köln und Dresden wurde bereits über die Idee diskutiert.

An den Plänen gibt es aber auch Kritik. Zum einen – wenig überraschend – vom ADAC, der davor warnt, dass sich die Stausituationen verschärfen könnten, wenn den Autos durch den Bau der neuen Radwege mehr Platz genommen wird.

Zudem zeigt eine Umfrage der TU Berlin, dass viele Autofahrer auf den Radwegen parken - die neue Situation für Rad- und Autofahrer also sehr undurchsichtig ist.

Für eine Verkehrswende müssen wir langfristig denken

Aber auch der Verkehrsgeograph Professor Rudolf Juchelka von der Universität Duisburg-Essen äußert sich kritisch: „Viele Menschen haben in der Corona-Krise einfach Angst, die Öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Als Folge boomt der Radverkehr. Und da springen jetzt einige Städte auf den Zug auf und weisen schnell Fahrradwege aus. Fraglich ist, ob das Schnellschüsse sind oder ob da ein echtes Konzept hinter steht. Und in einigen Städten ist das leider nur Aktionismus.“

Fahrrad fahren während der Corona-Krise
Wie sich der Verkehr nach der Corona-Krise verändern wird, bleibt abzuwarten(Photo: LeoPatrizi, i stock)

Doch wieso sieht Rudolf Juchelka das so kritisch? Immerhin kommen wir mit der Aktion der Verkehrswende, beziehungsweise dem Ziel der autofreien Innenstadt näher?

„Es geht ja nicht nur darum, dass wir eine Straße umbauen. Sondern, dass wir den Fahrradfahrern ein zusammenhängendes Netz und somit mehr Sicherheit bieten. Jetzt einfach nur mit dem Pinsel neue Radwege in Deutschland zu malen, löst ja das grundsätzliche Problem nicht“, erklärt er. „Radfahren braucht eine durchdachte und qualitativ hochwertige Infrastruktur“, so der Geographie-Professor.

Juchelka befürchtet, dass die neuen Fahrradwege  möglicherweise nicht langfristig bleiben. Und genau um solche nachhaltigen Lösungen sollte es bei der gewünschten Verkehrswende eigentlich gehen. Was er momentan ebenfalls vermisst? Dass nicht über den Fußverkehr gesprochen wird, der ebenfalls zu weniger Individualverkehr beitragen könnte.

Auch an Fußgänger denken

„Nichtsdestotrotz ist die Corona-Krise eine Chance, den Verkehr neu zu steuern. Aber es muss dabei um eine Steuerung in abgestimmter und verkehrsmittelübergreifender Betrachtung gehen. Wir müssen also langfristige Lösungen finden und den Rad- und Fußverkehr, Taxen, Sharing-Anbieter und die Öffentlichen Verkehrsmittel umweltverträglich miteinander verknüpfen“, schließt er ab.

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