Die Corona-Krise hält uns seit Monaten in Atem. Und im Zuge dessen wird immer wieder über die Symptome der Krankheit, mögliche Spätfolgen und vor allem auch über die Auswirkungen von Corona auf die Wirtschaft diskutiert. Doch insbesondere wir jungen Menschen wollen noch mehr wissen. Etwa, wie sich die Pandemie eigentlich fernab von Krankheitssymptomen auf unsere Arbeitswelt, unser Einkommen und unsere Berufschancen auswirken wird. Um die dringendsten Fragen zum Thema Corona & Jobs zu klären, haben wir Dr. Alexander Patzina vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit angerufen und nachgefragt.

Corona & Jobs: Wie sich die Pandemie auf die Arbeitssituation von jungen Menschen auswirkt

wmn: Hallo Herr Patzina, ich würde gerne direkt ins Thema einsteigen. Bereit?

Patzina: Gerne, schießen Sie los!

Wie wird sich die Corona-Krise auf Schüler:innen, Studierende, Azubis und Jobeinsteiger:innen auswirken?

Das ist je nach Gruppe unterschiedlich. Lassen Sie mich zuerst mit den Schüler:innen anfangen. Die Schulen waren ja geschlossen. Das ist problematisch, denn solche Schließungen können dazu führen, dass Schüler:innen weniger Unterricht haben, wodurch sie weniger lernen. Hinzukommt, dass sie weniger mit ihren Lehrer:innen interagieren und dadurch auch nicht so viel individuelles Feedback bekommen. Und gerade das Feedback ist sehr wichtig für ihre Kompetenzentwicklung. Wir können also davon ausgehen, dass Schulschließungen dazu führen, dass die Kinder zum Beispiel schlechtere Mathe- oder Deutschkenntnisse haben als andere Jahrgänge. 

Corona Arbeit junge Menschen
Alexander Patzina erklärt in wmn, wie sich die Corona-Krise aufs Gehalt von jungen Menschen auswirken kann.(Photo: Alexander Patzina)

 

Also zusammengefasst heißt das ja, dass Schulschließungen zu Wissenslücken führen. Können die Schüler:innen da nicht einfach in den nächsten Jahren aufholen? 

Ja, bei jungen Schüler:innen ist das teilweise möglich. Ganz anders sieht es allerdings bei Schüler:innen der Abschlussklassen aus. Für sie ist die Corona-Krise am schlimmsten. Denn sie bereiten sich ja eigentlich auf die Prüfungen vor. Versäumnisse? Können sie nicht so einfach nachholen, weil sie da schon gar keinen Unterricht mehr haben. Aber dazu kommt auch noch, dass sie lange Zeit gar nicht wussten, ob sie bspw. ihre Abschlussprüfungen überhaupt machen dürfen oder unter welchen Umständen die Prüfungen stattfinden. Viele hat das verunsichert.

Und was ist, wenn sie dann endlich ihren Abschluss in der Tasche haben, wie geht’s dann für sie weiter?

Normalerweise sind die letzten zwei Jahre in der Schule die intensivste Phase der Berufsorientierung. Aber durch Corona fallen Termine zur Berufsberatung und Berufs- und Ausbildungsmessen weg. Praktika können nicht gemacht werden. Das heißt, dass sie in der Phase, in der sie eigentlich den Grundstein für ihre Karriere legen, nicht so viel Unterstützung bekommen wie andere Generationen.

Also zusammengefasst, wie wird sich die Corona-Krise langfristig auf die Arbeitssituation von Schüler:innen auswirken? 

Empirische Forschungen zeigen, dass auch kurzzeitige Schulschließungen dazu führen, dass die Kinder und Jugendlichen ungefähr zwei bis drei Prozent von ihrem Lebenseinkommen einbüßen. Das liegt daran, dass sie schlechtere Lernchancen haben, dadurch geringere Kompetenzen erwerben, niedrigere Bildungsabschlüsse bekommen und so wiederum in schlechteren Jobs landen.

Treffen die Schulschließungen alle Kinder gleich hart?

Nein, vor allem die Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben es schwer. Unsere Forschung legt nahe, dass gerade diese Gruppen zu Hause während den Schulschließungen weniger für die Schule machen.

Wie sieht es denn bei den Studierenden aus? Wie wirkt sich Corona auf ihre Jobs und die Zukunft aus?

Skin Hunger, körperliche NäheSeit Corona fühlen sich viele Menschen einsam.(Photo: Unsplash/ Joshua Rawson)

Da die Unis schnell reagiert und ihre Vorlesungen digital angeboten haben, hat sich die Corona-Krise vermutlich hinsichtlich der Wissensvermittlung nicht so stark auf Student:innen ausgewirkt wie auf Schüler:innen. Aber viele von ihnen haben ihre Jobs verloren, etwa in der Gastro- oder Tourismusbranche. Was sich jedoch als folgenreich erweisen kann, ist, dass auch sie wesentlich weniger Sprungbretter in den Job bekommen, weil zum Beispiel Praktika und Nebenjobs wegfallen.

Sie haben also einen schlechteren Berufseinstieg.

Ja, für sie ist die Situation auch nicht leicht. Größere Bedenken habe ich jedoch bei Azubis. Denn gerade zu Beginn der Krise haben viele Betriebe dichtgemacht. Und für einen Schreiner, der für mehrere Wochen nicht in die Werkstatt kann, geht der Wegfall von praktischer Arbeit langfristig mit einem niedrigeren Kompetenzerwerb einher. Die Folgen für manche Azubis könnten also langfristig gravierender ausfallen.

Gibt es denn etwas, das wir aus anderen Krisen gelernt haben und das uns auch dabei hilft, die Corona-Krise besser zu verstehen?

Wir hatten noch keine vergleichbare Krise. Denn selbst bei der Weltfinanzkrise 2008/ 2009 hatten wir keine eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Da ist die Corona-Krise also einzigartig. Und wie gravierend die Folgen der Krise sein werden, also zum Beispiel für das soziale und psychische Wohlbefinden, ist noch gar nicht genau klar.

Wir können dennoch aus vergangenen Krisen etwas lernen. 

Und was ist das?

Dass vor allem Schulabgänger:innen in einer Krise Ausbildungsberufe sowie Studienfächer wählen, die im Arbeitsmarkt einen sicheren Job versprechen. Und krisensichere Jobs, das sind vor allem Stellen im Öffentlichen Dienst. Damit könnten ausgerechnet die Berufe, die vor ein paar Jahren noch als sehr unattraktiv galten, immer beliebter werden.

Danke für das Gespräch, Herr Patzina!

Unser Fazit: Das bedeutet die Corona-Krise für junge Menschen

Patzina bestätigt uns somit das, was viele längst geahnt haben. Nämlich, dass junge Menschen langfristig unter der Corona-Krise leiden könnten. Etwa, weil sie Lücken im Lebenslauf haben, die sie zwar erklären können. Die aber auf dem Arbeitsmarkt dennoch einen Wettbewerbsnachteil darstellen und zu Wissens- und Fähigkeitsdefiziten führen. 

Langfristig gesehen können solche Krisen sogar dazu führen, dass junge Menschen ein Leben lang schlechter verdienen als die Generationen vor oder nach ihnen. 

Hinweis: Das Interview wurde im Dezember geführt und veröffentlicht & nun aktualisiert.

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