„Stell dir vor, du hast eine eigene Wohnung. Du hast alle Möbel von deinem hart erarbeiteten Gehalt bezahlt – und darfst dich am Ende nur in 2,6 % der Fläche zurückziehen – in Ruhe Essen, Schlafen, Sex haben, etc.. Weil rücksichtslose Menschen im Rest deiner Wohnung einfach deine Möbel wegtragen und sich an deinen Habseligkeiten bedienen. Die Situation kommt dir unreal vor? Tja, leider passiert genau das tagtäglich in unserem Meer“, warnt die Umweltaktivistin Tharaka  Sriram. Im Gespräch mit wmn macht sie darauf aufmerksam, dass sich jeden Tag Millionen Menschen am Meer bedienen. Dass sie das Meer leer fischen und so Tiere töten. Dass sie ihren Müll reinkippen, den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zerstören.

Wir haben mit Sriram über die Verschmutzung unserer Meere gesprochen und wieso die Gesundheit der Meere in direktem Zusammenhang mit der Gesundheit von Frauen steht. Aber bevor wir das Interview starten, stellen wir dir Tharaka Sriram noch einmal vor. 

Tharaka Sriram: Kurz und knapp

Jede Woche küren wir bei wmn Frauen, die das Leben von zahlreichen Menschen besser machen wollen. Die sich für eine nachhaltige Welt einsetzen und uns mit ihrem Handeln inspirieren. In dieser Woche hat es Tharaka auf unser Podest geschafft. Die junge Frau ist:

  • 36 Jahre alt und wohnt in München
  • Ihre Eltern sind als tamilische Flüchtlinge aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen
  • Sie hat Sprach – und Politikwissenschaften studiert
  • Tharaka Sriram hat sich lange Zeit mit Frauenrechten auf der ganzen Welt beschäftigt
  • Seit dem Jahr 2008 ist der Zustand unserer Meere auf ihre Agenda gerückt 
  • Tharaka gibt Vorträge und Workshops zum Thema Meeresschutz 
  • Sie ist die Gründerin der Meeresbildungsinitiative „Ocean Education“ 
  • Sie ist Teil der EXXpedition Segelmission von weltweit 300 Frauen, die Plastik und Umweltgifte in den Meeren erforschen
  • Tharaka ist Blue Parks -Botschafterin des Marine Conservation Institutes,  die sich für ein weltweites Netzwerk von streng geschützten  Meeresschutzgebieten einsetzen 

Tharaka Sriram
Umweltaktivistin Tharaka Sriram

Verschmutzung der Meere: Warum das Thema so ernst ist

wmn: Hey Tharaka, du hast dein Leben dem Meer gewidmet. Wieso liegt dir das Thema so am Herzen?

Tharaka Sriram:Ich habe vor mehr als 12 Jahren damit angefangen, mich damit zu beschäftigen. Und mir ist aufgefallen, dass viele Menschen gar nicht auf dem Schirm haben, wie schlimm der Zustand unserer Meere ist.

Wie schlimm ist es denn?

Unsere Meere werden durch den Klimawandel immer wärmer und saurer. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel an, wodurch in Zukunft viele Inseln verschwinden und die Menschen, die dort leben, umgesiedelt werden müssen.  Hinzu kommt auch, dass wir so viel fischen, dass viele Tierarten aussterben und das Ökosystem zusammenbrechen kann. Aber damit nicht genug. Wir kippen auch immer mehr Plastikmüll ins Meer, den die Tiere schlucken und an dem sie sterben. Der Fisch landet auf unserem Teller, das Wasser in unserem Glas und dadurch nehmen wir das Plastik auch selbst in unseren Körper auf. Jeder von uns konsumiert pro Woche circa 5 Gramm Mikroplastik. Das ist so viel wie eine Kreditkarte. 

Und wenn wir nicht mal langsam aufwachen und etwas ändern, werden wir bis zum Jahr 2049 mehr Plastik als Fische im Meer haben.

Welche gesundheitlichen Folgen hat es denn, wenn wir Mikroplastik schlucken?

Mikroplastik enthält Weichmacher, wie beispielsweise Phtalat. Und Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Stoffe in unseren Hormonhaushalt einwirken und Entzündungen verursachen. Und da sich die Stoffe vor allem in Körperfett anreichern, sind vor allem Frauen betroffen, weil sie von Natur aus etwas mehr Körperfett haben als Männer. 

Eigentlich würde Tharaka jetzt mit mehreren hundert Frauen um die Welt segeln. Aber Corona hat den Frauen und ihrem Anliegen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und was können wir gegen die Verschmutzung der Meere machen?

Wir brauchen Aktionen auf mehreren Ebenen. Zum einen kann jeder weniger Plastik benutzen. Etwa, indem wir Kosmetik ohne Mikroplastik kaufen. Leitungswasser trinken anstatt immer wieder Wasser in Plastikflaschen kaufen. Nachhaltige Kleidung kaufen oder auf Second Hand setzen. Weniger Auto fahren, weil der Abrieb der Autoreifen eine Hauptquelle von Mikroplastik ist.  Auf Plastiktüten verzichten. Keine herkömmlichen Kaugummis kauen, weil sie aus erdölbasiertem Kunststoff bestehen. Und Frauen sollten auf Tampons verzichten, da sie auch aus einer Kunststoffhülle bestehen, die direkt mit unserer Schleimhaut in Kontakt kommt und weil jeder einzelne Tampon in Plastik eingeschweißt ist. Eine nachhaltige Alternative ist die Menstruationsunterwäsche, die man immer wieder verwenden kann. 

Aber wie sieht es mit der Überfischung aus? Die lässt sich doch gar nicht vermeiden, weil viele Menschen vom Fischfang leben, oder? Und damit würde man ihnen ja die Lebensgrundlage entziehen…

Es gibt bereits sehr gute Erfahrungen mit Auffangprojekten für Fischer-Familien. Im Rahmen dieser werden sie z.B. zu TauchlehrerInnen, Tourguides, RangerInnen, ausgebildet oder fangen dann an in der Landwirtschaft oder in der Tourismusbranche zu arbeiten. Die FischerInnen merken ja selbst, dass die Lage für sie immer verheerender wird, weil sie jeden Tag weniger und weniger fangen. Und manche von ihnen suchen deshalb verzweifelt nach einer Alternative, um Geld zu verdienen.

Hast du ein Beispiel dafür? 

Ja, im Jahr 2008 war ich in Peru. Und dort habe ich eine Fischersfrau getroffen, die von ihrem Mann misshandelt wurde. Ein Grund dafür war auch, dass der Mann immer weniger Fische gefangen hat und immer verzweifelter wurde, weil er nicht mehr für die Familie sorgen konnte – die Hauptnahrungs- und Einnahmequelle Fisch war weg. Die Frau erzählte mir, dass viele Frauen und deren Familien vom Problem der Häuslichen Gewalt betroffen waren in dem Fischerort. Es sind solche Momente aus dem Alltag, die uns zeigen, wie der Zustand der Meere Konflikte auslösen kann, bei denen teilweise um Leben und Tod geht.

Was muss sich aus deiner Sicht in Zukunft dringend ändern? Wie schaffen wir den Absprung noch?

Zum einen müssen die Menschen, die sich für den Schutz der Meere und allgemein im Umwelt- und Naturschutz engagieren, besser bezahlt werden. Sie verdienen extrem wenig. Und das führt nicht nur dazu, dass hierzulande viele erst gar nicht in NGOS arbeiten wollen, die sich solche Themen auf die Agenda geschrieben haben. Sondern auch dazu, dass die Menschen in anderen Ländern, die sich für den Schutz der Meere einsetzen, korrupt werden und illegale Machenschaften eingehen müssen, um sich über Wasser zu halten. 

Das wichtigste ist aus meiner Sicht: Wir brauchen mehr streng geschützte Meeresschutzgebiete., mindestens 30% des gesamten Meeres sollten unter strengen Schutz gestellt werden. Denn die meisten Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas) existieren nur auf dem Papier und das auch nur für eine Fläche von 2,6 % des Meeres. Das muss man sich mal vorstellen: Das bedeutet, dass sich das Meer nur auf einer so kleinen Fläche regenerieren und Tiere und Pflanzen dort geschützt erholen und fortpflanzen können. Das wäre so, als ob du nur 2,6 % deiner Wohnfläche als Schutz – und Rückzugsraum nutzen dürftest. Eine schreckliche Vorstellung, oder? Es wäre nur eine Frage der Zeit, wann dir alles über den Kopf wachsen und du zusammenbrechen würdest. Und genau so könnte auch unser Ökosystem einbrechen, wenn sich nichts ändert. 

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