Jede Woche kürt die wmn-Redaktion eine starke Frau zur Weekly Heroine. Damit wollen wir Frauen Gehör verschaffen und diejenigen sichtbar machen, die sich für andere Menschen einsetzen. Auf unser Siegertreppchen hat es in dieser Woche die Unternehmensberaterin Natalya Nepomnyashcha geschafft. Mit wmn spricht sie über ihr Herzensthema: den sozialen Aufstieg.

Sozialer Aufstieg: Das Elternhaus ist entscheidend

Egal, ob es um den Besuch des Gymnasiums, ein Studium im Ausland oder die Aussicht auf eine Managementposition geht – die soziale Herkunft beeinflusst unsere Karriere. Studien zeigen, dass Kinder aus Akademikerfamilien drei Mal so häufig studieren wie Arbeiterkinder. Nur wie gelingt der soziale Aufstieg, wenn man am Rand der Gesellschaft steht?

Wir haben bei Natalya Nepomnyashcha nachgefragt. Denn die 31-jährige weiß, wovon sie spricht. Sie ist das Kind von zwei Hartz-IV-Empfängern, das sich hochgearbeitet hat und heute erfolgreiche Unternehmensberaterin ist. Doch der Weg dorthin war schwer, mehrmals drohte sie zu scheitern. Ein Einzelfall ist Nepomnyashcha jedoch nicht, so wie ihr geht es vielen sozialen Aufsteiger:innen, wie sie wmn verrät. Ihre Erfahrungen und Tipps will sie deshalb an andere Betroffene weitergeben, weshalb sie ehrenamtlich die Organisation Netzwerk Chancen gegründet hat. 

Natalya Nepomnyashcha im Interview

wmn: Natalya, du bist die Tochter von zwei Hartz-IV-Empfängern und sagst selbst, dass dich das geprägt hat. Inwiefern?

Natalya Nepomnyashcha: Meine Eltern sind 2001 nach Deutschland eingewandert. Seitdem sind sie arbeitslos. Mit 11 Jahren habe ich erst mal Deutsch gelernt, bin zur Schule gegangen, habe zwei Ausbildungen gemacht und relativ schnell festgestellt, dass es für Menschen aus einem Hartz-IV-Haushalt schwieriger ist, Karriere zu machen.

Sozialer Aufstieg in Deutschland
Natalya Neponmyashcha erklärt in wmn, wie ihr der soziale Aufstieg gelungen ist.

Warum?

Ich bin früh morgens aufgestanden und zur Ausbildung gefahren und saß den ganzen Tag in der Schule, ging danach noch arbeiten, um mich über Wasser halten zu können. Diese Doppelbelastung von Ausbildung und Jobben hatten viele Schüler:innen nicht, weil sie bei ihren Eltern wohnen konnten und ein gutes Taschengeld erhalten haben.

Das klingt hart, aber man könnte an der Stelle auch sagen: Zähne zusammenbeißen und durchhalten! Schließlich hattest du dann endlich deine Ausbildung in der Tasche.

Mit einem Abschluss ist es jedoch nicht getan. Die Probleme lösen sich damit nicht in Luft auf, sondern beginnen häufig erst. So war es auch bei mir: Nach meiner Ausbildung wollte ich studieren. Aber wenn das Konto immer leer ist, entstehen Zweifel, ob das die richtige Entscheidung ist. Man fragt sich, ob es sich langfristig wirklich lohnt oder ob der direkte Berufseinstieg besser wäre, nur damit das Konto kurzfristig gefüllt ist. Selbst wenn das bedeuten würde, sich nicht zu verwirklichen.

Sozialer Aufstieg
Kinder aus Hartz-IV-Familien studieren seltener als Akademiker-Kinder. Foto: istock.com/LumiNola / istock.com/LumiNola

Letztendlich hast du dich für das Studium und damit langfristig mehr Geld entschieden. Hattest du damit nicht das Ziel erreicht, sozial aufzusteigen?

Das dachte ich damals auch. Und dann bin ich auf dem harten Boden der Tatsachen aufgeschlagen. Denn heute reicht es längst nicht mehr aus, einen Hochschulabschluss in der Tasche zu haben.

Was braucht man denn noch, um Karriere zu machen?

Tolle Praktika, ein gutes Netzwerk und ein selbstbewusstes Auftreten. Und genau diese drei Dinge fehlen vielen Menschen, die aus einem Hartz-IV-Haushalt kommen.

Erkläre das mal bitte genauer.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele soziale Aufsteiger:innen nicht so selbstbewusst auftreten. Weil sie sich für ihren Hintergrund schämen und bloß nicht wollen, dass andere herausfinden, woher sie kommen.

Aber sie stehen auch viel mehr unter Druck, eine gute Leistung abzuliefern. Weil sie wissen, dass ihre Eltern nicht ihre Miete zahlen können, wenn sie das Vorstellungsgespräch vermasseln. Außerdem schaffen es Kinder aus finanzschwachen Haushalten häufig nicht, sich ein Netzwerk aufzubauen, weil sie nicht von den Erfahrungen und Kontakten ihrer Eltern profitieren können. Mir fiel das am Anfang auch richtig schwer.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich auf irgendwelchen Veranstaltungen stand. Peinlich berührt, weil ich nicht wusste, was ich sagen soll. Von den Themen, die dort besprochen wurden – Wein und Golfen – hatte ich keine Ahnung. Hinzu kam, dass die Anderen teure Kleidung trugen, schön frisiert waren und sich eloquent ausdrücken konnten. Ich fühlte mich völlig fehl am Platz und wollte einfach nur noch weglaufen.

Auf Seite 2 erfährst du, wie Natalya Nepomnyashcha den sozialen Aufstieg dennoch geschafft hat und welche Tipps sie Betroffenen gibt.