Ein Fingerwisch über das Display, zwei Klicks oder ein Livestream mit Tausenden Follower:innen – Mehr braucht es heutzutage nicht, um politisch aktiv zu werden. In wenigen Sekunden können wir vom Sofa, aus der Kaffeeküche im Büro oder sogar aus dem Bett unseres One-Night Stands eine Petition unterschreiben und ein Bild auf Instagram hochladen, das zeigt, wie politisch wir doch sind. Nur einige Sekunden später fühlen wir uns gut. Und zwar so richtig gut. Schließlich haben wir ja gerade die Welt verbessert. Oder etwa doch nicht?

Slacktivismus: So nennt man das

Für unser Verhalten gibt es längst einen eigenen Begriff, der zugegebenermaßen nicht gerade den Gedanken weckt, dass unsere Taten sehr effektiv sind. Denn Expert:innen bezeichnen unseren politischen Einsatz als sogenannten Slacktivismus. Der unrühmliche Begriff bedeutet übersetzt nichts anderes als Faulpelzaktivismus, also ein Aktivismus, der ohne viel Vorwissen, ohne großen Aufwand und online ausgeführt werden kann. Er setzt sich aus den englischen Wörtern „Slacker“ (Faulpelz) und Aktivismus (Bestimmte Ziele fördern) zusammen.

Aber auch Forscher:innen aus Chile sind nicht davon überzeugt, dass wir von der Couch aus die Welt verändern werden. So haben sie rund 4.000 Menschen zwei Jahre lang begleitet und gefragt, wie sie sich politisch engagieren. Das Ergebnis: Diejenigen, die tatsächlich auf die Straße gehen und demonstrieren, setzen sich auch online ein. Und anders herum? Tja, da sieht es gänzlich anders aus. Der Slacktivismus konnte nämlich leider nicht zu mehr Protesten auf der Straße führen.

Demonstration mikrofon
Die Fridays For Future-Aktivist:innen konnten online sowie offline viele Menschen mobilisieren. Foto: istock/Rawpixel /

Die Forschungsergebnisse decken sich auch mit den Erfahrungen, die viele im letzten Jahr gemacht haben dürften. Etwa zum #Blackouttuesday. Nach dem gewaltsamen und grauenvollen Tod des Afroamerikaners George Floyd solidarisierten sich Menschen auf der ganzen Welt mit Schwarzen Menschen und der Black Lives Matter-Bewegung. Das Label Atlantic Records, das zur Warner Music-Gruppe gehört, initiierte daraufhin den Aktionstag Blackout Tuesday. Indem die Firma einen Tag lang nichts postete außer einer schwarzen Kachel wollte sie zeigen, welchen großen Anteil Schwarze Künstler:innen zur Musik- und Kulturszene beitragen. Doch die Aktion wurde nicht nur von der Kunst- und Musikszene aufgegriffen, sondern auch von vielen Unternehmen, Influencer:innen und stinknormalen User:innen. Einen Tag lang wurden die Sozialen Medien nicht von schön angerichteten Avocado-Toasts geflutet, sondern von pechschwarzen Bildern.

Doch was blieb nach dem Tag? Während sich einige tatsächlich mehr mit dem Thema Rassismus beschäftigten und Anti-Rassismus-Bücher von Autorinnen wie Alice Haster zum Bestseller avancierten, posteten andere nur die Kachel und den dazugehörigen Hashtag #blackouttuesday. Aber danach? Folgte herzlich wenig Engagement.

Doch auch der Slacktivismus erreicht etwas

Aber wenn Slacktivismus nichts bringt, könnte man es ja auch gleich bleiben lassen, oder? Das könnte man zumindest meinen. Die wertvollen Sekunden, die wir zum Unterschreiben einer Petition brauchen, könnten wir auch nutzen und weiter Instagram-Stories suchten, oder? Nein. Denn ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Wer sich etwa an die letzten Atemzüge von George Floyd erinnert, denkt automatisch auch daran, auf welche tragische Art und Weise die Welt von seinem Tod erfahren hat: durch ein Video, das in den Sozialen Medien und später erst in den klassischen Medien verbreitet wurde.

Wir können also festhalten: Nur mithilfe des Slacktivismus konnte Floyds Tod Menschen aus der ganzen Welt erreichen und aufrütteln und seitdem Millionen dazu bringen, auf die Straße zu gehen und vehement für Gleichberechtigung einzustehen.

Aber Slacktivismus wirkt auch in anderen Bereichen. Bis zum Sommer letzten Jahres etwa war es in Deutschland auch keine Straftat, Frauen unter den Rock zu fotografieren. Es war lediglich eine Ordnungswidrigkeit. Erst nachdem Ida Marie Sassenberg und Hanna Seidel mit ihrer Petition „Verbietet Upskirting in Deutschland“ mehr als 100.000 Unterschriften sammelten, hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das das Fotografieren nun unter Strafe stellt.

Im US-Wahlkampf wurde der Slacktivismus sogar zur Waffe: Etwa, als Donald Trump zu einer Wahlkampfveranstaltung Millionen Besucher erwartete. Am Ende aber nur 6.000 Personen kamen, weil TikToker:innen den wahren Trump-Fans die Tickets vor der Nase wegschnappten – aber nicht zu der Veranstaltung gingen.

Und ganz ehrlich, wo würde eigentlich die Feminismus-Bewegung stehen, wenn es nicht den Hashtag #metoo gegeben hätte?

Das Fazit zum Slacktivismus

Slacktivismus kann wahrscheinlich nicht die Welt verändern. Nur weil wir hier eine Petition unterschreiben, in der wir das Umdenken eines Despoten in einem anderen Land fordern, heißt das nicht, dass er unserem Wunsch nachkommen wird. Und auch ein paar TikToker:innen werden in Zukunft wohl nicht über den Ausgang der wichtigsten Präsidentschaftswahl entscheiden können.

Aber Aktionen wie diese schaffen es dennoch, Menschen zum Nachdenken anzuregen, manch einen nachhaltig zu beeinflussen und vor allem in rasanter Geschwindigkeit Debatten zu befeuern. Und das virtuell sowie in der realen Welt und so können sie auch das Bewusstsein auf die Themen lenken, die dringend Aufmerksamkeit benötigen. Aber von dem Gedanken, dass wir in Zukunft keine Sitzblockaden, keine Demos auf der Straße, Mahnwachen oder Menschenketten mehr brauchen, sollten wir uns (vorerst) noch verabschieden. Gleichwohl sollten wir die Wirkung der Sozialen Medien niemals unterschätzen.

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