wmn: Hey Julia, vor 6 Jahren hast du dein Buch „Stand Up“ herausgebracht. In diesem beantwortest du grundlegende Fragen zum Feminismus. Letztes Jahr hast du das Buch noch einmal überarbeitet. Hat sich in diesen fünf Jahren etwa so viel getan?

Julia: Ja. Vor ein paar Jahren hatte der Feminismus ein schlechtes Image. Viele dachten, dass Feministinnen entweder Lesben oder seltsame Frauen mit Achselhaaren sind. Und jetzt plötzlich ist Feminismus ziemlich angesagt. Es gibt feministische Shirts, feministische Unterhosen, ja sogar ein Deo kann heute feministisch sein. Jeder ist plötzlich Feminist, ob Star, Blogger oder überraschenderweise sogar ein Mann. 

Julia Korbik über Feminismus
Julia Korbik spricht in wmn über das Thema Feminismus(Photo: Lars Mensel)

wmn: Aber ist es nicht positiv, dass sich das Image von Feminismus so gewandelt hat?

Julia: Ja, denn so gewinnt das Thema an Popularität. Wenn sich etwa eine Taylor Swift hinstellt und erklärt, dass sie eine Feministin ist, wollen es ihr viele junge Frauen nachmachen. Aber auf der anderen Seite laufen wir Gefahr, dass Feminismus zur leeren Hülse wird, wenn Unternehmen damit wertlose Produkte vermarkten und damit Geld scheffeln. Und dieser Wandel stellt Feministinnen wie mich auch vor neue Probleme.

wmn: Welche?

Julia: Wenn heute alles feministisch ist, stellt sich die Frage, was Feminismus dann überhaupt noch ist? Oder wie wir es schaffen, den Blick darauf zu richten, dass so vieles in unserer Gesellschaft schiefläuft. Denn Feminismus bedeutet nicht nur, dass man ein Shirt mit dem Aufdruck „this is what a feminist looks like“ trägt. Sondern Feminismus ist mehr als das. Es ist eine politische Bewegung, die konkrete Ziele hat. 

wmn: Und diese Forderungen standen in der breiten Öffentlichkeit in den letzten Jahren nicht im Fokus.

Julia: Nein und leider gibt es noch viele, die finden, dass Feminismus überflüssig ist, weil wir schon längst gleichberechtigt seien. Und das liegt auch daran, dass heutzutage alles individualisiert wird. Dass jungen Frauen eingeredet wird, dass ihre Probleme privater Natur sind, um die sie sich selbst kümmern müssen. 

Und dabei gerät die gesellschaftliche Ebene aus dem Blick. Denn viele Probleme sind gar nicht individuell, sondern systemisch und gesellschaftlich bedingt. Die lassen sich nicht dadurch lösen, dass einzelne Menschen einzelne Dinge tun. Sondern nur, indem wir grundsätzlich etwas ändern.

wmn: Was läuft denn in unserer Gesellschaft schief? Kannst du uns das an konkreten Beispielen erklären?

Julia: Die Corona-Krise hat die Ungleichberechtigung von heterosexuellen Paaren noch mal viel stärker in den Vordergrund gestellt. So zeigen Statistiken, dass Männer in der Corona-Pandemie viel produktiver arbeiten konnten. Fragt man nach dem Grund, zeigt sich, dass während der Krise die Verantwortung für die Care-Arbeit auf den Frauen abgeladen wurde

Moderner Feminismus
Insbesondere in der Corona-Krise sind Ungleichheiten stärker sichtbar geworden(Photo: vorDa/ istock)

Auch unsere Rollenbilder sind noch nicht so fortschrittlich, wie wir denken. Denn Väter nehmen durchschnittlich nur zwei Monate Elternzeit und bekommen dafür großes Lob. Aber anders herum werden Frauen in der Situation gefragt, wer sich um die Kinder kümmert. Aber selbst dann, wenn eine Frau nach der Geburt länger zuhause bleibt, wird ihr vorgeworfen, dass ihr Job nicht ihre Priorität ist. Egal, wie man es dreht und wendet, Frauen machen es immer falsch. 

wmn: Aber hierbei hilft ja das Internet, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, oder?

Julia: Ja, dadurch können wichtige Themen schneller und besser verbreitet werden. Das Internet ist ein gutes Werkzeug für den Feminismus. Aber feministisch ist das Internet nicht. Denn leider bekommen Frauen in den sozialen Medien viele Hasskommentare. Diejenigen, die sich feministisch oder politisch engagieren, kriegen es härter ab. Da wird mit Vergewaltigung und Gewalt gedroht. Für Frauen und Minderheiten kann das Internet ein ziemlich ungemütlicher Ort werden. 

wmn: Was hast du selbst durch das Internet über Feminismus lernen können?

Julia: Dass Feminismus nicht vor Ländergrenzen Halt machen sollten und dass wir hier in Deutschland oft nur auf unser eigenes Land schauen, wenn es um Lösungen geht. Dabei haben viele europäische Länder ähnliche Probleme wie wir, gehen aber anders vor. So ist der Feminismus in Frankreich stärker in Vereinen und Stiftungen organisiert, bei uns hingegen in lockeren Bündnissen. Dabei kann man natürlich viel besser agieren, wenn einem eine Organisation den Rücken stärkt. 

wmn: Wo wir gerade beim Thema Internet sind, wenn ich durch Instagram swipe, hab ich das Gefühl, dass sich heute immer mehr junge Frauen freiwillig vor der Kamera ausziehen. Für den Feminismus natürlich. Stehen nackte, weibliche Körper für den modernen Feminismus?

Julia: In der Geschichte des Feminismus wurde früher schon nackte Haut gezeigt, um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen. Insbesondere in den 60er und 70er Jahren fanden Nacktproteste statt. 

Nichtsdestotrotz frage ich mich schon, wie effektiv es ist, wenn heute eine normschöne Frau auf Instagram Fotos von ihrem nackten Körper postet und darunter einen empowernden Satz schreibt wie „Mein Körper, ich stehe dazu“. Ich will das Handeln der Frauen an sich nicht bewerten. Aber ich frage mich schon, ob wir den weiblichen, nackten Körper wirklich subversiv dafür nutzen können, um politische Themen deutlich zu machen. Ich sehe das eher kritisch. Denn der weibliche Körper wird immer noch stark sexualisiert. 

Moderner Feminismus
(Symbolfoto) Schlanke, barbusige Frauen haben immer wieder für mehr Frauenrechte demonstriert. Doch dass da nur schöne Frauen gezeigt wurden, wurde auch sehr stark kritisiert. Anschließend kam sogar heraus, dass ein Mann ihr Anführer war.(Photo: Xose Bouzas via www.imago-images.de)

Man muss aber vielleicht auch unterscheiden, ob sich ein schlankes Model wie Emily Ratajkowski auszieht oder ob es eine stark übergewichtige Frau, die aufgrund ihres Körpers immer wieder Diskriminierung erfahren musste. Ich sehe es sehr kritisch, wenn Feminismus dafür benutzt wird, um sich selbst zu verkaufen. Und mehr Klicks oder Likes zu bekommen. 

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Das Model Emily Ratjkowski setzt ihren Körper auf Instagram gerne in Szene

wmn: Wie lebst du selbst Feminismus und was sind Schritte, die wir alle im Alltag gehen können?

Julia: Ich versuche, im Alltag feministische Diskussionen zu führen. Wenn mein Opa und ich über häusliche Gewalt sprechen und er mich fragt, was mit den männlichen Opfern ist. Dann sag ich ihm, dass die Opfer nun mal zu über 80 Prozent weiblich sind. Und das wir jetzt nicht über die Männer, sondern zuerst einmal über die Frauen reden müssen. Oder ich antworte auf sexistische Kommentare in den Sozialen Medien, bestärke aber auch diejenigen, die sich für eine Veränderung einsetzen. 

Außerdem beschäftige ich mich beruflich viel mit Feminismus, schreibe über feministische Themen, halte Vorträge und Reden. Es ist ein Mix aus verschiedenen Sachen, aber manchmal, das muss ich ehrlicherweise sagen, siegt auch ganz klar die Bequemlichkeit.

Mehr von Julia Korbik? Hier findest du eine Kurzgeschichte über Gewalt in der Partnerschaft.

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