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Interview mit einem Berliner Drogendealer: „Dieser Job ist nichts für Frauen.“

Ein so ehrliches Interview mit einem Berliner Koksdealer hat es selten gegeben. Paco spricht über seine Einnahmen, Kunden & warum Frauen nicht dealen.

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Nicht nur die fehlende Krankenversicherung in den USA ist ein großes Problem, auch die Medikamente sind unverhältnismäßig teuer. Foto: shutterstock/kaband / shutterstock/kaband

Sich in Berlin einen Drogendealer für ein Interview zu angeln, ist denkbar einfach. DENKBAR einfach. Ich will nicht weiter ausführen, welche Schritte ich genau einleitete, um mich an einem regnerischen und sehr kalten Januarabend mit Paco, einem Berliner Koksdealer, in einem Park treffen zu können und ihn mit meinen Fragen über das Leben als Berliner Drogenkurier ausquetschen zu können. 

Drogen machen abhängig, sind gefährlich und können Leben ruinieren. Passend zur neuen Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die am 19.02. bei Amazon Prime rauskommt, wollen auch wir unseren Teil dazu beitragen, über Drogen aufklären und die Welt zeigen, wie sie wirklich ist.

ein koksdeal in Berlin
Ein Drogendeal in Berlin: Oft bekommt man gar nicht mit, dass neben einem auf der Straße harte Drogen ausgetauscht werden. (Beispielbild)(Photo: imago images / Reichwein)

Interview mit Paco, einem Berliner Koksdealer

Paco ist ein netter und redseliger junger Mann. Er ist erst 19 Jahre alt. Sofort bietet er mir eine Zigarette an und schon bevor das Mikro überhaupt aufzunehmen beginnt, fängt Paco an zu erzählen.

Schon früh an diesem Abend musste er der Kripo davonlaufen. Anscheinend war er bei einem seiner Auslieferungstermine direkt in die Hände der Drogenfahndung geraten und musste die Beine so schnell wie möglich in die Hand nehmen. Das sei aber nichts Besonderes und ganz normal. Angst haben er und seine Dealer-Kollegen keine. Sie rennen halt, wenn es gefährlich wird.

Der Alltag eines Kokslieferanten in Berlin.

wmn: Könnt ihr Polizisten in Zivil erkennen? 

Paco: Es ist schwierig, aber es geht. Meist erkennt man sie am Gürtel. Da guckt die Waffe nämlich meistens ein bisschen raus. Gerade bei Kunden, die man nicht kennt, muss man vorsichtig sein. Da ist immer die Gefahr da, dass sie eigentlich Zivilpolizisten sind. 

wmn: Du musst also immer auf der Hut sein, dass neue Kund:innen insgeheim von der Polizei sind. Warst du bei mir auch so skeptisch? Dachtest du, ich könnte von der Polizei sein?

Paco: Naja, bei dir habe ich auch erst mal geschaut, wie du so aussiehst. Wir sind ja normalerweise immer zu zweit unterwegs und schauen uns die Leute ganz genau an. Dann erst gehe ich über die Straße und begrüße die Leute. Du sahst auf den ersten Blick nicht wirklich gefährlich aus (lacht).

wmn: Wie sehen denn deine Schichten aus? 

Paco: Unterschiedlich. Am Wochenende fange ich nachmittags an und arbeite bis 8 oder 9 Uhr morgens. Unter der Woche wollen die Leute auch oft schon morgens, dass ich ihnen etwas Koks vorbeibringe. 

Paco

Vor allem Handwerker brauchen das Koks schon morgens, um den Arbeitstag zu überstehen.

Die brauchen das dann für die Arbeit. Vor allem Handwerker sind das, denen ich jeden Morgen etwas bringe.

wmn: Warum verkaufst du nur Koks? Ist das so viel rentabler als mit Gras zu dealen?

Paco: Ja, klar. Koks gibt gutes Geld. Als ich nur Gras verkauft habe, habe ich in einer Nacht 30 Gramm verkauft. Da sind gut 150 € bei mir hängen geblieben. Und jetzt mit dem Koks gehe ich nach einer Schicht nicht nach Hause, wenn ich nicht mindestens 500 € beiseitelegen kann.

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Koks gilt als Partydroge. In Berliner Clubs wird damit viel gedealt.

wmn: Was verdient man denn in so einer Nacht?

Paco: Gestern war es nicht so gut, da habe ich in der Nacht 800 € gemacht. In guten Nächten können es aber auch mal gut 3.000 € werden.

wmn: Wieviel bleibt von deinen nächtlichen Einnahmen bei dir hängen?

Paco: Ich kaufe das Koks ungefähr für die Hälfte ein. Der Rest bleibt aber nicht bei mir. Ich habe ja noch andere Ausgaben: Früher hatte ich beispielsweise einen Fahrer, der 300 € in der Nacht bekommen hat. Oft laden wir richtig gute Kunden auch zum Essen ein, um die Kontakte zu pflegen und eine freundschaftliche Basis aufrecht zu erhalten. Das kostet ja auch alles. Und außerdem muss ich ja Lagerkosten bezahlen. 

wmn: Was meinst du mit Lagerkosten? Wo lagerst du das Koks denn?

Paco: Ich bezahle zwei Leute dafür, dass sie das Koks in ihrer Wohnung für mich lagern. Für gut 400 € kann ich da alles lagern, was ich nicht Zuhause haben will. Somit liegt das Risiko nicht bei mir.

wmn: Wo bekommt ihr euer Zeug denn überhaupt her? 

Paco: Das Koks kommt aus Holland. Wir kaufen immer größere Mengen dort ein. Früher sind wir selbst bis an die Grenze gefahren, aber das machen wir nicht mehr. Viel zu gefährlich. 

wmn: Wie viele Dealer seid ihr insgesamt?

Paco: Ich habe ein große Familie. Acht meiner Cousins machen auch etwas. Nicht alle dealen mit Koks, manche verkaufen auch Gras. 

wmn: Ein Familienbetrieb also. Glaubst du, dass du noch mal etwas anderes machen wirst, als mit Koks zu dealen?

Paco: Klar. Bis vor vier Monaten habe ich noch in der Ausbildung zum Bürokaufmann gesteckt. Das hat aber irgendwann zeitlich nicht mehr gepasst. Auch, weil ich morgens bei der Ausbildung nach einer Nacht im Auto immer viel zu müde war, um noch etwas lernen zu können. 

Pacos Smartphone bimmelt. Kunden wollen bedient werden. Er klickt sich kurz durch die Nachrichten und schickt sie dann weiter an einen seiner Cousins. Die werden sich schon darum kümmern. Das ist mal Berliner Kokstaxi-Kundenbetreuung deluxe.

wmn: Also hast du vor, die Ausbildung irgendwann zu Ende zu machen?

Paco: Wäre schon sinnvoll, aber muss ich nicht unbedingt. Meine Eltern haben drei arabische Restaurants in Berlin. Die werde ich sowieso irgendwann mit meinen Brüdern übernehmen.

wmn: Koksausliefern und das Restaurantbusiness Ich kann mir vorstellen, dass das zwei Standbeine sind, die unter der Coronakrise sehr leiden müssen. Stimmt das?

Paco: Auf jeden Fall. Als Koksfahrer ist es aber noch viel schlimmer als im Restaurantbetrieb. Die ganzen Partys fallen ja aus.

Meine Cousins und ich sind aber eigentlich nie selbst auf Partys und in Clubs gewesen. Da ist die Gefahr noch viel größer, dass du gepackt wirst. Ich fahre lieber zu den Kunden nach Hause.

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Der Görlitzer Park in Berlin ist bekannt als Drogenumschlagpunkt. Die Polizei führt dort regelmäßig Razzien durch. Paco würde dort niemals dealen.(Photo: imago images/Christian Mang)

wmn: Gab es zwischenzeitlich Lieferschwierigkeiten aufgrund von Corona? Oder wurdet ihr immer mit dem Nötigen bestück?

Paco: Nein, bei Koks gab es seit Corona keine Lieferprobleme. Bei Gras hatten meine Cousins vor einem halben Jahr im ersten Lockdown zwischenzeitlich Probleme, weil die Grenzen geschlossen waren. Inzwischen haben sich aber andere Wege gefunden, die Drogen ins Land zu bekommen.

wmn: Du bist gerade einmal 19 Jahre alt. Wie lange bist du denn bereits Koksdealer in Berlin?

Paco: Seit gut 2 Jahren. Ich bin mit 17 Jahren richtig eingestiegen. Ich kenne die Szene also ganz gut, auch wenn ich selbst nicht konsumiere.

wmn: Du selbst nimmst gar keine Drogen?

Paco: Niemals Koks. Das wäre sehr fatal, wenn ich mein eigener bester Kunde wäre. Koksen würde ich also nie, aber ich trinke Alkohol und kiffe. 

wmn: Dir ist also vollkommen bewusst, dass Drogen schlecht für deine Kunden sind. Und trotzdem verkaufst du es ihnen.

Paco: Schon. Aber ich verkaufe nicht an alle. Kinder bekommen zum Beispiel nichts von mir. Und auch bei richtigen Junkies sind meine Cousins und ich sehr vorsichtig. Wenn du siehst, dass die eigentlich schon gar nichts mehr können, dann bekommen die von uns auch nichts. Manche kaufen auch bei uns, um selber zu ticken. Wenn ich das bemerke, dann bekommen die nichts von mir. Damit würde ich mir ja nur das eigene Geschäft kaputtmachen.

wmn: Du sprichst immer von dir und deinen Cousins. Also alles Männer. Kennst du auch Frauen, die mit Koks dealen?

Der Job ist nichts für Frauen.

– Paco

Paco: Nee, auf keinen Fall. Der Job ist nichts für Frauen. Es kann ja schon hin und wieder passieren, dass eine Lage eskaliert. Wenn ein Kunde beispielsweise frech wird oder sich nicht unter Kontrolle hat. Ich kenne ein Mädchen, das gedealt hat und die hat sich oft in komische Situationen befunden. Die wurde so oft angefasst und betatscht. Da muss man sich schon wehren können. 

Mein Cousin wurde schon richtig krass verarscht: Er hat dem Kunden das Koks gegeben. Der meinte, seine Bankkarte funktioniere leider nicht und er könne nicht bezahlen. Da hat er meinem Cousin das Koks wieder zurückgegeben. Erst später hat er gemerkt, dass er das Koks durch Salz ausgetauscht hat.

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Paco erklärt: Koks glänzt. Wenn man es zerdrückt, wird es samtig. Ganz anders als das bei Salz der Fall ist.(Photo: imago images/Future Image)

Paco dreht sich im Anschluss an das Gespräch einen Joint und wir laufen noch eine Runde durch den Park. 

wmn: Warum hast du dich eigentlich dazu bereit erklärt, mit mir dieses Interview zu machen? Es springt ja für dich dabei nichts heraus: Es wird ja aus Sicherheitsgründen nicht einmal dein echter Name erwähnt. 

Paco: Ist doch klar: Eine Hand wäscht die andere: Ich helfe dir mit dem Interview und du gibst meine Nummer an alle Leute weiter, die mal Koks kaufen wollen. 

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Paco ist nicht der Einzige aus der Drogenszene, den wmn im Interview hatte. Unsere Redaktion hat auch mit der Gegenseite des Drogenhandels gesprochen: Henrik spricht mit uns über seine ehemalige Heroinsucht. Er beschreibt sehr genau, wie sich seine Heroinsucht angefühlt hat, was sich in seinem Leben verändert hat und wie er da wieder herausgekommen ist.