Jede Woche stellen wir euch bei wmn starke Frauen vor, die mit uns ihre Zukunftsvision teilen. Eine dieser Frauen ist Gülcan Nitsch. Gülcan ist die Tochter von türkischen Einwanderern. Sie hat bereits für große Umweltschutz-Organisationen wie den BUND gearbeitet und hat für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten. Mittlerweile hat sie mit Yeşil Çember (Türkisch für Grüner Kreis) eine eigene Umweltschutzorganisation gegründet und versucht, vor allem Migranten und Menschen ohne hohen Bildungshintergrund für das Thema zu begeistern.

Wie genau sie das macht und wie ihre Vision für die Zukunft aussieht, erklärt sie im wmn-Interview. Bereit?

Gülcan Nitsch: „Die Zukunft sieht komplett anders aus als heute“

wmn: Hey Gülcan, du setzt dich seit Jahren unermüdlich dafür ein, dass wir alle umweltbewusster leben. Welche Vision von der Zukunft treibt dich dabei an?

Tatsächlich sieht meine Zukunftsvision komplett anders aus als das Leben, das wir heute führen. Wenn es nach mir gehen würde, hätten wir in ein paar Jahren eine nachhaltigere Mobilität mit viel mehr Fahrradfahrern und autofreien Innenstädten. Wir würden nicht mehr so viel Nahrungsmittel aus fernen Ländern importieren, sondern uns viel mehr auf regionale Lebensmittel fokussieren. Wir würden auf eine ökologische Landwirtschaft setzen und sehr viel weniger gesundheitsschädliche Pestizide verwenden. Wir würden auf 100 Prozent erneuerbare Energie setzen und die Kohlewerke abstellen. Aber für eben diese Vision brauchen wir mehr Bürgerbeteiligung.

Warum?

Weil es die Verbraucher:innen sind, die entscheiden, welche Produkte sie kaufen und damit den Markt bestimmen. Sind es etwa Erzeugnisse, für die Mitarbeiter:innen ausgebeutet werden oder welche, die nachhaltig, fair und umweltfreundlich sind? Nur leider gibt es dabei ein großes Problem. Nämlich, dass viele Menschen gar keinen Zugang zu den Informationen haben und dementsprechend auch nicht wissen, wie viel Macht sie mit ihren Kaufentscheidungen ausüben können.

Gülcan Nitsch
Gülcan Nitsch setzt sich für ein stärkeres Umweltbewusstsein ein.(Photo: Gülcan Nitsch)

Und wie kommst du darauf?

Ich habe das oft genug erlebt. Beispielsweise bei meiner Mama, die in den Siebzigern als türkische Einwanderin nach Deutschland gekommen ist. Obwohl sie es schafft, sich mit ihrem Arzt oder ihrem Umfeld auf Deutsch zu verständigen, konnte sie nie etwas mit dem Infomaterial von den verschiedenen Umweltorganisationen anfangen. Die Aussagen? Waren viel zu kompliziert formuliert. Und ohne Vorkenntnisse? Hat sie viele Zusammenhänge gar nicht verstanden. Aber meine Mutter ist mit dem Problem nicht allein. So wie ihr geht es vielen Menschen, die nicht so gut gebildet sind oder die einen migrantischen Hintergrund haben.

Deshalb versuchst du, speziell diese Gruppen für das Thema Umwelt zu begeistern?

Ja, genau. Viele von ihnen fühlen sich nicht von der Politik abgeholt. Und dadurch entsteht ein Teufelskreis: Sie können sich nicht mit den klassischen Parteien identifizieren, gehen deshalb nicht wählen und entscheiden so nicht mit über die Zukunft des Landes. Und dadurch ändert sich auch Nichts! Deshalb versuche ich sie ins Boot zu holen, ihnen aufzuzeigen, welche Auswirkungen ihr Kaufverhalten hat und welche Möglichkeiten sie haben, politisch Einfluss zu nehmen.

Aber wie erreichst du die Menschen? Wie sehen deine Kommunikationsstrategien aus?

Wir kommunizieren schon anders als die klassischen deutschen Umweltverbände. So sprechen wir zum Beispiel die türkische Community gezielt auf Türkisch und sehr niedrigschwellig an. Wir gehen raus auf die Straße, machen Veranstaltungen in und mit den Migrantenverbänden, machen Multiplikatoren-Schulungen, ermutigen und befähigen die Menschen, ihr Wissen an Freunde und Familie weiterzutragen. Unser Ansatz ist, die Menschen dort abholen, wo sie stehen und sich auf deren Augenniveau zu begeben. 

Hast du ein Beispiel für ein konkretes Projekt?

Klar! In Berlin soll ein Klimabürger:innenrat gegründet werden und ich vertrete als Vertrauensperson diese Volksinitiative .Dieser Rat soll aus Berlinern bestehen, die unterschiedlich alt sind, aus verschiedenen Bezirken kommen und jeweils andere Bildungsabschlüsse haben und Empfehlungen für die Regierung erarbeiten, mit denen das Pariser Klimaschutzabkommen eingehalten werden kann.

Du willst nachhaltiger leben? Dann probier doch mal diese Food-Sharing Apps aus.

Und wie reagieren die Menschen auf euren Vorstoß? Was sagt denn, mal klischeehaft gefragt, die deutsche Hartz-4-Empfängerin oder die türkische Gastarbeiterin, die durch euch tiefer ins Thema eintaucht?

Das Interesse an dem Thema ist ziemlich hoch. Viele freuen und bedanken sich, mehr über das über Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz erfahren zu können und andere sind schockiert darüber, wie wir Menschen systematisch unsere Natur zerstören. Etwa, dass wir immer weiter in den Lebensraum von Tieren eindringen und uns so selbst dem Risiko aussetzen, eine weitere Pandemie auszulösen. 

Apropos Pandemie: Wirkt sich die Corona-Krise negativ auf die Umweltbewegung aus? Denn Corona ist gerade das allbeherrschende Thema, wohingegen der Umweltschutz zumindest in den großen Medien kaum Beachtung erhält.

Also ich sehe die Corona-Krise als große Chance für die gesamte Umweltbewegung. Denn momentan verbrauchen wir weniger CO2 als sonst. Wir reisen weniger zu Terminen, auch ich selbst. Und wir merken, dass es umweltschonendere Alternativen gibt, sich mit Menschen aus aller Welt auszutauschen, etwa digitale Calls. Zudem sind viel mehr Leute Rad gefahren. Innerhalb kürzester Zeit sind Fahrradwege entstanden, obwohl es immer hieß, dass das nicht möglich sei. Viele sitzen im Homeoffice und fragen sich: Muss ich immer weiter shoppen und shoppen? Oder reicht es mir, nur wenige Sachen zum Leben zu haben? Wir kochen mehr, beschäftigen uns stärker mit der Natur und ich glaube, dass wir viel aus dieser Krise mitnehmen können, um eine gerechtere Zukunft zu erschaffen und mehr im Einklang mit der Natur zu leben.

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