Während ihrer Arbeitszeit scrollen sie durch Instagram, buchen ihren Urlaub oder shoppen neue Möbel: Menschen mit Boreout. Denn sie haben nichts zu tun. Keine Aufgaben, die sie erledigen müssen und nichts, was sie wirklich fordert.

Eine Situation, die auf den ersten Blick entspannt klingt, doch besonders tückisch ist. Denn die ständige Unterforderung und die gähnende Langeweile machen auf Dauer krank. wmn erklärt deshalb, was hinter dem Phänomen Boreout steckt, was die Symptome sind und wer besonders anfällig dafür ist.

Boreout: Woher kommt der Begriff überhaupt?

Der Begriff Boreout kommt vom englischen Verb „to be bored“ (also gelangweilt sein) und bezeichnet damit das genaue Gegenteil vom Burnout (also überfordert sein).

Die Wortschöpfung stammt von den beiden Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder. Sie haben im Jahr 2007 das Buch „Diagnose Boreout, warum Unterforderung im Job krank macht“ veröffentlicht. Doch wie sind sie auf die Idee gekommen, über das Boreout zu schreiben?

„Als Unternehmensberater haben wir uns viele Firmen angeschaut und Einblick in die Strukturen erhalten. Dabei ist uns eines immer wieder aufgefallen. Nämlich, dass viele Mitarbeitende so tun, als wären sie sehr beschäftigt. Sie sitzen in den Meetings, machen sich viele Notizen, wirken gestresst – wir haben uns da unweigerlich gefragt, was sie denn eigentlich den ganzen Tag über machen. Und siehe da: Die Personen haben kaum etwas zu tun, sondern langweilen sich und versuchen, genau das vor den anderen zu verstecken“, erklärt Peter Werder gegenüber wmn. 

Der Unternehmensberater und Buchautor Peter Werder spricht in wmn über das Boreout.

Ein seltenes Phänomen ist das Boreout allerdings nicht. So zeigt eine Umfrage des Personaldienstleisters Randstad nämlich, dass jede und jeder dritte Mitarbeitende den Job wechseln will, weil der Beruf zu wenig herausfordert. Aber nicht nur die hohen Zahlen der Betroffenen sind alarmierend, sondern auch die Auswirkungen des Boreouts.

Das Boreout ist genauso schlimm wie das Burnout

Die ständige Unterforderung zermürbt die Psyche und macht auf Dauer krank. Denn die Betroffenen haben das Gefühl, mit ihrer Arbeit keinen sinnvollen Beitrag zu leisten. Sie können ihre Fähigkeiten nicht genug einbringen und fühlen sich dadurch überflüssig, ja sogar minderwertig.

Es erscheint ihnen immer sinnloser, jeden Tag zur Arbeit kommen und dort die Zeit absitzen zu müssen. Die Freude für den Beruf geht verloren und diese Freudlosigkeit überträgt sich immer stärker auf die anderen Lebensbereiche. Letztendlich verlieren sie ihre positive Art, ihren Antrieb und fühlen sich abends erschöpft und müde und bekommen Depressionen.

Aber viele Betroffene sprechen das Problem nicht in der Firma an, sondern hüllen sich in eisernes Schweigen. Woran liegt das?

Boreout
Boreout ist zwar keine Erkrankung an sich, aber ein Zustand, der auf Dauer krank macht. Foto: imago images/Panthermedia /

Warum Betroffene schweigen

„Das liegt vor allem daran, dass das Boreout am Anfang ein sehr angenehmer Zustand ist. Denn die Mitarbeitenden können während der Arbeit Dinge erledigen, für die sie in der Freizeit keine Zeit haben. So können sie entspannt ihre Ferien buchen oder das Auto verkaufen. Doch irgendwann dreht sich der Spieß um und es wird anstrengend, vor den anderen Kolleg:innen die ganze Zeit so zu tun, als sei man beschäftigt“, weiß Werder. Und er erklärt weiter: „Aber auch die soziale Erwünschtheit spielt eine große Rolle. Denn wer gestresst ist, ist wichtig. Und wer nicht gestresst ist, ist unwichtig. Und so verpasst man irgendwann den Zeitpunkt, um die Situation in der Firma anzusprechen. Die Angst davor wächst, dass die Vorgesetzten fragen, wieso man nicht schon früher etwas gesagt hat und auch dass man den Job verlieren könnte.“

In diesen Berufen ist das Risiko für das Boreout besonders hoch

Besonders gefährdet für das Boreout sind Menschen, die am Computer arbeiten. „Sie können so tun, als wären sie beschäftigt, als müssten sie viele E-Mails beantworten oder einiges recherchieren. Aber ein Handwerker kann das offensichtlich nicht. Entweder haben sie eine Aufgabe oder eben nicht“, weiß Werder. Eine Rolle spielt aber auch die Größe des Teams. Denn je größer es ist, desto besser können Betroffene untertauchen – ohne, dass es jemand bemerkt. Besonders anfällig dafür sind Verwaltungen, Banken oder Versicherungen.

„Außerdem sind Menschen mit Boreout häufig überqualifiziert für ihren Job. Sie verdienen viel Geld, führen ein gutes Leben mit tollen Annehmlichkeiten. Doch ihr Job lässt keinen Spielraum für Kreativität, Verantwortung und Engagement. Aus ihrer Arbeit ziehen sie immer weniger Bestätigung, fühlen sich zunehmend ungebraucht, ihre Motivation mehr zu leisten, sinkt. Ein Teufelskreis beginnt“, warnt Werder.

Was hilft gegen das Boreout?

Mitarbeitende, die ein Boreout haben und erst Monate oder Jahre später ihren Mund aufmachen und die Situation ansprechen, riskieren ihren Job. Werder rät deshalb dazu, sich eigeninitiativ neue Aufgaben zu suchen, innerhalb der Firma den Job zu wechseln oder sich weiterzubilden. Doch dabei gibt es ein Problem: Mit der Weiterbildung wird man noch überqualifizierter als man eh schon ist.

Sein größter Tipp ist deshalb die Prävention. Etwa, indem die Situation sofort angesprochen und den Kolleg:innen signalisiert wird, dass man noch Kapazitäten frei hat. Aber auch die Führungskräfte müssen sich an die eigene Nase fassen: „Ich war schon auf vielen Veranstaltungen, bei denen die Chef:innen auf der Bühne standen und meinten, dass es in ihrer Firma kein Boreout gebe. Aber anhand der Körperreaktionen im Publikum merkte man sofort, dass da etwas nicht stimmt. Chef:innen sollten deshalb nicht nur die Arbeit ihrer Mitarbeitenden wertschätzen, sie immer wieder fragen, wie ausgelastet sie sind, sondern vor allem auch eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich die Leute trauen zu sagen: „Ich brauche mehr Arbeit“.

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