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Toxic Masculinity: So erklärt sich das Verhalten von Andrew Tate

Andrew Tate wird oft (zu Recht) toxic Masculinity vorgeworfen. Was das genau ist, und welche Folgen sie für Männer haben kann, liest du hier.

Andrew Tate
Andrew Tate ist der Überzeugung, dass Frauen das Eigentum von Männern sind. Foto: @cobratateteam [M]cfrx

Innerhalb der letzten Jahre haben sich für die jüngere Generation einige Dinge geändert – vor allem im Internet. Wer sich auf Plattformen wie Instagram, TikTok und Twitter herumtreibt, wird häufiger schon davon gehört haben, dass die Verhaltensweise von anderen Menschen „Toxic“, also giftig sei. Toxic meint, dass diese Person etwas getan oder geschrieben hat, was andere Personen als psychisch belastend empfinden. Der Begriff „Toxic“ betrifft die verschiedensten Bereiche. In letzter Zeit hört man sehr oft von Toxic Masculinity – schädliche, beziehungsweise toxische Männlichkeit.

Hinweis: Bevor wir uns mit dem Begriff der toxischen Männlichkeit befassen, ist es wichtig zu verstehen, dass Männlichkeit nicht per se schlecht oder toxisch ist. Das gilt für Männer und sich als männlich identifizierende Menschen.

Unsere Autorin Johanna befasst sich einen Monat lang mit einem bestimmten Thema, das unsere Gesellschaft gerade beschäftigt. Ihre Recherchen und Artikel findest du unter dem Tag #wmnRecherchen!

Toxisches Verhalten: So kann man es definieren

Ich habe mir letztens die Folge „Toxic? Emrata Asks“ von Emily Ratajkowskis Podcast High Low with Emrata angehört, in der sie sich mit dem Thema „Toxic“ auseinandersetzt. Das Model hat ein Essay zitiert, das mit der Aussage „Jede:r ist heutzutage toxisch“ öffnet. In der Podcastfolge befasst sich das Model mit dem Gedanken, dass unsere Gesellschaft manchmal zu schnell gewisse Verhaltensweisen in die Schublade „toxisch“ steckt.

Man kann sagen, dass das Wort „toxisch“ heutzutage überstrapaziert wird. Es wird häufig bei Beziehungen angewandt, wenn sich Unstimmigkeiten einschleichen oder die Erwartungen der anderen Person nicht mit den eigenen übereinstimmen. Dieses Phänomen spielt sich derzeit besonders auf den sozialen Netzwerken ab und wurde dadurch politisiert. So findet man immer häufiger Begriffe, wie der toxische Feminismus, die toxische Männlichkeit und sogar die toxische positive Einstellung. Es kann nahezu alles als toxisch bezeichnet werden, was auf die Spitze getrieben wird.

Toxic Masculinity: Was ist das genau?

Während der Feminismus die westliche Welt dazu gebracht hat, die Rolle von Mädchen und Frauen neu zu definieren und zu überdenken, hat er auch Fragen über Jungen und Männer und deren Rolle in der Gesellschaft aufgeworfen.

Das Portal Healthline definiert Toxic Masculinity wie folgt: „Toxische Männlichkeit“ wird oft als Sammelbegriff für das Verhalten von Männern und männlichen Menschen verwendet. In Wirklichkeit gibt es jedoch viel Raum für jemanden, der männlich sein kann, ohne toxisch zu sein oder ein gefährliches oder verletzendes Verhalten an den Tag zu legen.“

Was bedeutet der Begriff dann also? Im Allgemeinen ist toxische Maskulinität ein Festhalten an den einschränkenden und potenziell gefährlichen gesellschaftlichen Normen, die für Männer und sich als männlich identifizierende Menschen gelten.

Zu den typischen Eigenschaften toxischer Männlichkeit fallen unter anderem:

  • Aggressives Verhalten, kein „Weichei“ zu sein, zuhauen zu können.
  • Stoizismus, das heißt Aushalten, nicht weinen, Zähne zusammenbeißen.
  • Heterosexismus/Diskriminierung von Menschen, die nicht heterosexuell sind.
  • Selbstgenügsamkeit, keine Hilfe zu brauchen oder annehmen.
  • Emotionale Gefühllosigkeit, keine Gefühle zu zeigen, das definiert einen „richtigen Mann“.
  • Frauenfeindlichkeit, Frauen haben gut auszusehen und sich unterzuordnen.

Trigger Warnung: Dieser Abschnitt befasst sich mit Depressionen und Suizid. Wenn dich diese Themen triggern, solltest du diesen Abschnitt nicht lesen. Brauchst du Hilfe? Dann melde dich bei der TelefonSeelsorge (Rund um die Uhr erreichbar) unter 0800 1110111.

Mögliche gesundheitliche Folgen von Toxic Masculinity

Neben gesellschaftlichen Folgen kann die toxische Männlichkeit auch gesundheitliche negative Auswirkungen haben. Nicht nur andere Mitmenschen können nämlich von dem Verhalten beeinträchtigt werden, sondern auch die mentale Gesundheit der Männer selbst.

Eine Studie namens „Real Men Don’t„: Constructions of Masculinity and Inadvertent Harm in Public Health Interventions“ aus dem Jahr 2014 hat Folgendes ergeben. Das Festhalten an toxischer Männlichkeit kann die körperliche und geistige Gesundheit von Männern beeinträchtigen. Sie kann zu schlechtem Schlaf und Depressionen beitragen.

Die Studie kannst du hier nachlesen.

Depressionen bei Männern
Laut einer AOK-Studie aus dem Jahr 2018 wurden 5,1 % der Männer in Deutschland mit Depressionen diagnostiziert. Die nicht-diagnostizierte Nummer ist hier wahrscheinlich viel höher. Das Statistische Bundesamt hat die Suizidrate 2021 in männlich und weiblich aufgeteilt. Von 9 215 Suiziden waren rund 74 %, also 6.805 Menschen, männlich-identifizierend.

Eine andere Studie hat sich damit befasst, wie und ob sich Männer Hilfe suchen. Die Forschung hat ergeben, dass viele Männer aus Angst, schwach oder unfähig zu sein, für ihre Familie zu sorgen, seltener zum Ärzt:in gehen, wenn es nötig ist. Diese Art des Denkens kann Männer auch davon abhalten, wichtige Präventivmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.

Diese Studie hat sich vor allem mit religiösen Männern befasst. Du kannst sie hier direkt nachlesen.

Triggerwarnung: In diesem Abschnitt geht es unter anderem um sexualisierte Gewalt. Solltest du dich durch sexuelle Übergriffe getriggert fühlen, lies bitte nicht weiter, oder nimm eine Vertrauensperson zur Hilfe. Geht es dir nicht gut? Dann findest du unter dieser Nummer 24/7 eine professionelle Beratung: 08000 116 016.

Toxic Masculinity & sexualisierte Gewalt

In den letzten Monaten ist eine Person besonders oft in den Medien vertreten gewesen. Vor allem wegen seiner frauenfeindlichen und homophoben Aussagen. Es handelt sich um Andrew Tate.

Wenn du mehr über Tate und die verschiedenen Anschuldigungen gegen ihn lesen willst, kannst du das direkt hier machen: Andrew Tate: Niedergang des selbsternannten „Alpha Males“

Tate wurde vor seiner Verhaftung oft der selbsternannte „King of Toxic Masculinity“ genannt. Das liegt daran, dass er in Interviews Aussagen von sich gegeben hat, in denen er Männer, die nicht so sind wie er, als schwach und mickrig verurteilt. Das Frauenbild, das Tate seinen männlichen Followern weismachen will, ist mitunter, dass verheiratete Frauen das Eigentum von ihrem Mann sind.

Tate verkörpert so das Konzept der toxischen Männlichkeit. Frauen werden als Objekte behandelt, die es rücksichtslos zu erobern gilt. In diesem Zusammenhang findet klassisches Victim Blaming statt, das heißt, die Schuld von den sexuellen Angreifern abzuziehen und dem Opfer zuzuschieben. Dies kann man vor allem bei den Reaktionen auf Tates Verhaftung wegen mutmaßlichen Menschenhandels und Vergewaltigung sehen.

Eine Umfrage, durchgeführt auf Tates Twitter Profil hat ergeben, dass 86,3 % von fast einer Million Abstimmenden davon überzeugt ist, dass er unschuldig ist und er verhaftet worden ist, weil er „einer der wenigen mutigen Menschen ist, die sich trauen, die Wahrheit zu sagen.“ Natürlich kann man diese Umfrage auf keinen Fall als wissenschaftlichen Beleg nehmen, dennoch ist es ein interessanter Einblick.

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Toxische Männlichkeit im Alltag

Das Konzept der toxischen Männlichkeit kann verschiedene Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und das Individuum haben. So schreibt Very Well Health, dass Häuslicher Missbrauch, Geschlechtsspezifische Gewalt, Waffengewalt, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Vergewaltigungskultur und sexuelle Übergriffe Effekte toxischer Männlichkeit sein können.

Toxische Maskulinität ist so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass die meisten Menschen irgendwann ihre Auswirkungen zu spüren bekommen. Offenes Reden und Selbsterkenntnis ist hier das beste Gegengift gegen Toxic Masculinity.

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