Stell dir vor, du bist auf der Suche nach einem abgelegenen und traumhaft schönen Urlaubsziel in Europa. Wie durch einen Zufall stößt du bei deiner Recherche auf die Mittelmeerinsel Gozo, die zu Malta gehört und von der du zuvor nie gehört hast. Am nächsten Tag passiert etwas Komisches: In der Bahn schnappst du ein Gespräch eines Paares auf, das von seinem geplanten Gozo-Urlaub erzählt. Kurz darauf überquerst du eine Straße und entdeckst eine Plakatwerbung mit den Worten: Entdecke Gozo. Und dann erzählt auch noch jemand in einem Podcast von der Insel! Was sich liest wie unheimliches Schicksal, ist nichts anderes als das Baader-Meinhof-Phänomen. Was das mit RAF-Terrorismus zu tun hat und mehr zu den Hintergründen des Phänomens erfährst du hier.

In dieser Podcastfolge sprechen Mona und Lisa über das Thema der Traumdeutung.

Das besagt das Baader-Meinhof-Phänomen

Das Baader-Meinhof-Phänomen beschreibt den subjektiven Eindruck, dass ein relevantes Thema plötzlich überall auftaucht. In der Psychologie ist es eher unter dem Begriff der kognitiven Verzerrung bekannt. Bestimmt wirst auch du bereits mit dem Phänomen in Berührung gekommen sein, auch wenn du bisher vielleicht nicht wusstest, dass es dafür einen Namen und eine verdammt gute Erklärung gibt!

Meiner erster, sich einprägender Baader-Meinhof-Moment war, als ich beim Anfertigen einer Collage erstmals auf den Namen Gerhard Richter gestoßen bin. Damals habe ich mich in seinem Bild mit dem Titel „Motorboot“ verloren. Keinen Tag später las ich seinen Namen in einem Magazin und keine Woche später zeigte unsere Kunstlehrerin uns weitere Bilder von ihm. Skeptiker:innen werden nun sicher einwerfen, dass Gerhard Richter zu den wichtigsten Künstler:innen der Gegenwart gehört. Auf seinen Namen zu stoßen, ist also keine Kunst. Und doch: Für mich grenzte diese Häufung seines Namens an eine Verschwörung.

Frau Galerie
Hier ist es: das berüchtigte Bild von Gerhard Richter mit dem Titel Motorboot. Credit: IMAGO / epd

Später kamen mir solche Zufälle immer wieder unter: Entdeckte ich eine neue Band, trugen plötzlich Menschen in der Bahn entsprechende Band-Shirts. Entdeckte ich ein kurioses Wort, benutzte es bald gefühlt jeder um mich herum. Wir können also festhalten: Beim Baader-Meinhof-Phänomen ist man auf ein Thema derart sensibilisiert, dass man es plötzlich überall wahrnimmt.

Wie kommt es zum Baader-Meinhof-Phänomen?

Wer bereits Erfahrungen mit dem Phänomen gemacht hat, weiß, wie verrückt sich das anfühlen kann. Als würde das Universum in den eigenen Kopf sehen und einem Zeichen senden wollen. Oder als wäre man plötzlich Teil einer neuen X-Factor-Folge.

Im Übrigen bezieht sich das Phänomen nur auf sehr spezielle Themen. Lebensmittel wie Nutella, die jeder isst, Charthits von Ed Sheeran, die jeder hört oder Hollywoodstreifen wie Forrest Gump, die bereits jeder fünf Mal gesehen hat, zählen nicht dazu.

In Wahrheit hat das Baader-Meinhof-Phänomen aber nur wenig Mystisches an sich und so rein gar nichts mit dem Schicksal zu tun. Vielmehr handelt es sich um die Verzerrung unserer kognitiven Wahrnehmung. Das musst du dir folgendermaßen vorstellen:

Frau Spiegel
Wer an das Schicksal glaubt, muss nun ganz stark sein. Denn für das Baader-Meinhof-Phänomen gibt es eine simple Erklärung. Credit: IMAGO / Westend61

Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, bestimmte Muster zu erkennen. Außerdem wählt es selektiv aus, welche Informationen aufgenommen werden. Unter normalen Umständen fällt uns gar nicht auf, dass auf die Art ganze 90 % der Eindrücke, die täglich auf uns einprasseln, ausgefiltert werden. Beim Baader-Meinhof-Phänomen bemerken wir diese Selektion aber sehr wohl.

Unser Gehirn hat also sehr einfach gesagt einen Filter, sodass nur eine geringe Anzahl von Informationen zu uns durchdringen. Interessieren wir uns allerdings für ein Thema, ist der Filter bereits justiert und lässt genau diese Information zu uns durch. Die Folge? Wir haben das Gefühl, nur noch Informationen zum betreffenden Thema vorgesetzt zu bekommen, obwohl wir im Prinzip unterbewusst danach suchen.

Gehirn
Unser Gehirn spielt uns also einfach gesagt ein Streich, indem es die Dinge durchlässt, für die wir uns ohnehin interessieren. Credit: Foto: Jolygon/Shutterstock / Jolygon/Shutterstock

Wieso heißt es Baader-Meinhof-Phänomen?

Erstmals wurde das Phänomen durch einen amerikanischen Journalisten namens Terry Mullen vor rund 20 Jahren betitelt. Damals schrieb er für eine Tageszeitung in Minnesota, der St. Paul Pionier Press und fühlte sich regelrecht verfolgt von den Taten der Terrorist:innen der RAF (Rote Armee Fraktion).

Wo er auch unterwegs war, wurde er mit den Verbrechen von Andreas Baader und Ulrike Meinhof konfrontiert, die der Gruppierung unter anderem angehörten. In seiner Kolumne schrieb er:

„Vor vielen Jahren identifizierte ich ein Phänomen, das ebenso überraschend wie breit in seiner Anwendung ist. Es umfasst aktuelle Besonderheiten wie die Zahl 23, aber auch andere Zufälle – ich taufte es nach den berüchtigten deutschen Terroristen, das Baader-Meinhof-Phänomen. Dieses tritt folgendermaßen auf: Sie hören zum ersten Mal ein neues Wort, eine Phrase oder eine Idee und werden innerhalb der nächsten 24 Stunden noch weitere Male in Printmagazinen und -Zeitungen darauf stoßen.“

Das Phänomen hat also rein gar nichts mit den Taten der RAF zu tun, sondern diente dem Namensgeber lediglich als eines von vielen Beispielen.

Was lehrt uns das Baader-Meinhof-Phänomen?

Einfach, dass uns unser Kopf manchmal ein paar Streiche spielt. Nicht hinter allem steckt eine große Weltverschwörung, oft ist es nur unser eigener Fokus, der unsere Gedanken und auch unsere Wahrnehmung steuert. Aber auf eines kannst du dich verlassen – und zwar, dass du in den nächsten 24 Stunden mit Sicherheit erneut über das Baader-Meinhof-Phänomen stolpern wirst!

Weitere Psychologie-Themen, die dich interessieren könnten: