So teilen sich Paare die Elternzeit auf
Paare sprechen über die Gründe (Photo: )

"Mich ärgert es, als rückständige Frau bezeichnet zu werden"

3 Paare erzählen, wie sie sich die Elternzeit aufgeteilt haben & mit welchen Vorurteilen sie heute noch zu kämpfen haben.

79 % der Väter wollen mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Gerade wenn das Baby geboren wird, könnten sie sich die Zeit nehmen. Doch: Statistiken zeigen, dass Väter weniger Elternzeit beantragen. Woran liegt das? Wir haben bei drei Paaren und einem Forscher nachgefragt.

Elternzeit als Vater wird schwierig, wenn der Mann der Haupternährer ist

Anne (29) und Victor (32) bekommen in vier Wochen ihr erstes Kind. Die beiden leben in Mecklenburg-Vorpommern. Anne arbeitet als Sozialpädagogin und verdient 1800 € netto. Ihr Mann Victor ist angehnder Lehrer, ist aber momentan noch im Vorbereitungskurs. Als verbeamteter Lehrer wird er circa 3300 € netto verdienen.

Vater geht in Elternzeit
Das Ehepaar freut sich auf die anstehende Geburt

wmn: Ihr erlebt ja gerade eine aufregende Zeit. Anfang Juni bekommt ihr euer erstes Kind und für dich Anne, steht ja dann erst einmal viel Zeit zu Hause an. Wie habt ihr euch bezüglich der Elternzeit geeinigt?

Anne: Ich werde zwei Jahre in Elternzeit gehen. Victor nimmt sich zwei Monate, die wir dann zu dritt verbringen.

wmn: Warum habt ihr euch für dieses Modell entschieden?

Anne: Bei uns spielt insbesondere der finanzielle Aspekt eine große Rolle. Victor verdient jetzt noch nicht so viel, aber sobald er verbeamtet ist, hat er ein sehr viel höheres Gehalt als ich. Hinzu kommt aber auch, dass ich gerne stillen will. Es gibt zwar die Möglichkeit, dass ich weiter arbeite und mir der Arbeitgeber Pausen einräumt, in denen ich das tun kann. 

Das bedeutet, Victor könnte unseren Sohn einmal oder zwei Mal am Tag auf die Arbeit bringen, damit ich ihn füttern kann. Aber im beruflichen Alltag finde ich das sehr unpraktisch. Denn ich arbeite mit vielen Jugendlichen zusammen, da entsteht auch mal eine Krise, die ich natürlich nicht vorhersagen kann. Mein Tag läuft also selten so wie gewollt und an einen geregelten Zeitplan kann ich mich kaum halten.

Victor: Hinzu kommt auch, dass ich als Lehrer relativ viel im Homeoffice arbeite, weil ich den Unterricht vor- und nachbereiten muss. Ich kann also bezahlt weiterarbeiten und trotzdem Zuhause bei meiner Familie sein. 

wmn: Victor, hättest du dir gewünscht, als Vater mehr Elternzeit nehmen zu können?

Victor: Auf jeden Fall. Mich macht es traurig, dass ich nicht länger zu Hause bleiben kann. Aber wir müssen eben auch auf das Geld achten…

Und wenn der Arbeitsvertrag nur befristet ist? 

Sarah (29) und Tim (31) leben in Berlin und haben eine 6,5 Monate alte Tochter. Er arbeitet als 3D-Messtechniker und verdient 2300 € netto, sie ist Projektmanagerin und hat ein Einkommen von 2600 € netto. 

Pärchen spricht über Aufteilung der Elternzeit
Die junge Familie genießt die erste Zeit mit der Tochter

wmn: Wie habt ihr beide euch geeinigt? Wer nimmt sich wie viel Elternzeit?

Sarah: Als ich schwanger geworden bin, stand ich mit beiden Beinen im Berufsleben. Ich war ehrgeizig und dachte, dass ich mir nicht so lange eine Auszeit nehmen werde. Aber jetzt nach der ersten Zeit, die ich mit meiner Tochter erleben durfte, sieht die Welt ganz anders aus. 

Denn gerade im ersten Lebensjahr passiert so viel, dass ich nicht verpassen will. Also habe ich vor zwei Wochen meinen Arbeitgeber angerufen und die Elternzeit auf ein Jahr erhöht. Tim nimmt sich zwei Monate, wir überschneiden uns dann für einen halben Monat.

wmn: Tim, hättest du dir gerne mehr Elternzeit genommen oder passt das so für dich?

Tim: Klar, mehr Elternzeit wäre wirklich schön gewesen. Ich hätte mir gerne ein halbes Jahr Zeit genommen. Aber da wir unsere Tochter stillen, bietet es sich an, dass Sarah zu Hause bleibt.

Sarah: Ja, obwohl man die Milch ja auch abpumpen kann, sodass der Mann auf das Baby aufpassen kann. Das muss jede Familie selbst entscheiden, aber für uns kam das halt nicht in Frage. 

wmn: Tim, bei euch beiden verdient ja deine Freundin mehr als du. Kam es bei euch beiden dann nicht auch in Frage, dass du deshalb als Vater mehr Elternzeit nimmst?

Tim: Nein, denn ich habe nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Und ich hätte Angst, dass der nicht entfristet wird, wenn ich mir mehr Elternzeit nehme. In meiner Firma bleiben die anderen Männer auch nicht so lange zu Hause.

„Mich ärgert es, dass ich als rückständige Frau bezeichnet werde“

Kathrin (26) und Mark (26) leben in Sachsen. Sie haben zwei Söhne, der eine ist schon 2,5 Jahre, der andere ein halbes Jahr alt. Beide haben Grundschullehramt studiert. Er ist mit dem Studium fertig geworden, sie hat ihres aufgrund der anstehenden Elternzeiten noch nicht beendet. Er verdient circa 2300 € netto.

Der Vater will sich zwei Monate Elternzeit nehmen
Mark würde seine Elternzeit gerne verlängern

wmn: Kathrin, wie viel Elternzeit hast du dir genommen?

Kathrin: Bei beiden Kindern nehme ich die Hauptelternzeit, also von Geburt an bis zum zwanzigsten Monat. Mark hat sich beim ersten Kind direkt zwei Monate Elternzeit genommen, um mir im Wochenbett beizustehen. Beim zweiten Sohn hat er sich wieder zu Beginn einen Monat genommen, nimmt sich den zweiten aber erst, wenn der Kleine ein Jahr alt ist.

wmn: Mark, würdest du die Elternzeit gerne verlängern?

Mark: Ja, am liebsten würde ich mir ein ganzes Leben lang Zeit nehmen. Aber aufgrund der Corona-Krise verbringe ich gerade mehr Zeit zu Hause als sonst und genieße es wirklich. Nichtsdestotrotz muss ich auch sagen, dass ich gerne wieder zurück in den Beruf gehe. Ich habe eine erste Klasse, die ich nicht allzu lange alleine lassen will.

wmn: Kathrin, du bist Vollzeitmama. Wieso hast du dich dafür entschieden?

Kathrin: Ich will meine Kinder nicht in die Kindertagesstätte geben. Ich glaube, dass es für Kinder besser ist, wenn sie nicht ständig wechselnde Bezugspersonen haben. Manche entwickeln Verlustängste, weil sie nicht verstehen, dass sich ihre Mutter morgens zwar von ihnen verabschiedet – aber sie am Nachmittag wieder von der Kita abholt.

wmn: Gerade heutzutage wird von Frauen viel verlangt: Erfolg in Beruf, Familie und im sozialen Leben. Musst du dir als Vollzeitmama auch mal blöde Kommentare anhören?

Es ärgert mich, dass jemand wie ich als rückständige Frau bezeichnet wird. - Kathrin

Kathrin: Ja, ständig. Es ärgert mich, dass jemand wie ich als rückständige Frau bezeichnet wird. Denn ich bin Mama geworden, um mich um meine Kinder zu kümmern. Das ist eine Lebensaufgabe. Aber unsere Gesellschaft ist so konzipiert, dass man als Mutter keine Chance hat, sich richtig um seine Kinder zu kümmern. Ich werde ständig gefragt, ob mir das Muttersein überhaupt ausreicht. Oder wann ich endlich vorhabe, wieder arbeiten zu gehen.

wmn: Was geht in dir vor, wenn du diese Fragen hörst?

Kathrin: Dass in unserer Gesellschaft nur berufliche Leistungen zählen, während Erfolg in der Familie kaum anerkannt wird. Und ich glaube, dass das viele Frauen abschreckt und sich auch in niedrigen Geburtenzahlen widerspiegelt. Aber nichtsdestotrotz ist Arbeiten gehen ja trotzdem schön. Ich wünsche mir auch ab und zu, dass ich in den Beruf einsteige, weil Kinder einen intellektuell nicht so stark fordern. 

Aber ich will die Zeit als Mama trotzdem nicht missen oder an einen Kindergärtner abgeben. Denn ich freue mich, wenn ich sehe, wie meine Kinder groß werden, wie sie sie ihre ersten Wörter sagen. Oder ihre Hände benutzen und die Welt um sich herum entdecken und Dinge erkennen. 

Als Vater in Elternzeit? Das sagt die Forschung dazu

Die Aussagen der drei Pärchen spiegeln die Realität in Deutschland wider. Denn 52 % der Väter würden sich gerne länger als zwei Monate Elternzeit nehmen, wie der Väterreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt. Aber in der Realität nehmen sich Väter selten mehr als zwei Monate frei.

Außerdem finden es laut dem Report auch 60 % der Eltern mit Kindern unter drei Jahren ideal, wenn sich beide gleichermaßen in Beruf und Familie engagieren. Die Realität zeigt aber ein gänzlich anderes Bild. Denn nur 14 % der Eltern setzen das Modell auch wirklich um.

Wie sich unsere Gesellschaft verändert und was sich noch tun muss

Dennoch hat sich über die Jahre hinweg etwas in unserer Gesellschaft getan: „Ich habe von 2000 bis 2004 eine repräsentative Umfrage unter Vätern durchgeführt, um herauszufinden, wieso so wenig Väter Elterngeld beantragen. Damals waren es nur 3 bis 5 % aller Väter. Heute sind es über 35 %“, erklärt Harald Rost, stellvertretender Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg.

Vater in Elternzeit
Der Forscher spricht in WMN über die Elternzeit

Doch: Warum sind die Zahlen nicht höher? Warum nehmen sich nicht mehr Väter Elternzeit? Rost sieht die Ursache dafür vor allem darin, dass viele Frauen immer noch weniger Geld verdienen als Männer. „In 75 % der Familien ist der Mann der Hauptverdiener

Das zeigen auch die Interviews. Nur verstärkt sich eben diese Dynamik noch, wenn das Kind da ist. Denn Väter arbeiten meist in Vollzeit weiter, während die Frau auf Teilzeit reduziert, abhängig vom Alter des Kindes.“ 

In den Großstädtem kommt noch hinzu, dass die Mieten häufig so teuer sind, dass es sich die Familien gar nicht leisten können, dass beide Eltern zu Hause bleiben.

Karriereknick als Hausmann?

Aber Rost hat noch einen weiteren Grund beobachten können. Nämlich dass Männer einen Karriereknick befürchten, wenn sie in Elternzeit gehen. Vor einigen Jahren war es noch unüblich, dass Väter eine berufliche Pause einlegen, um sich um die Kinder zu kümmern. Akzeptanz vom Chef? Fehlanzeige!

Doch heute hat sich das Bild teilweise geändert. „Trotzdem gibt es noch immer Branchen, in denen es ein No-Go ist, wenn sich der Vater mehr um die Familie kümmert als die Frau. Gesellschaftliche Normen wirken sehr lange und verändern sich nur langsam“, gibt Rost zu bedenken.

Die Vorteile einer längeren Zeit zu Hause

Wenn sich der Vater mehr Elternzeit nimmt, bringt das nicht nur der eigenen Familie sondern auch dem Arbeitgeber Vorteile. Denn Väter können dadurch eine intensivere Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Außerdem ist die Mitarbeiterzufriedenheit in Unternehmen mit familienfreundlichen Strukturen höher. Hinzu kommen nachweislich geringere Fehlzeiten und eine höhere Produktivität.

Wenn das Kind älter ist, verbringen die Väter auch mehr Zeit mit ihm

Die Interviews und Umfragen zeigen, dass Väter gerade in der ersten Zeit weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber: Das verändert sich mit steigenden Alter des Nachwuchses. Denn sobald die Kinder schulpflichtig werden, verbringen Väter genau so viel Zeit mit ihnen wie die Mütter.

Hinweis: Die Namen der Paare wurden geändert.

Viele junge Frauen entscheiden sich dagegen, eine Familie zu gründen. Wir sind der Ursache auf den Grund gegangen. 

Außerdem zeigen wir dir hier, auf was du beim Umstieg auf Öko-Spielzeug achten musst.


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