Verbale Gewalt wird häufig nicht so schnell erkannt, da sie subtil passiert. Was verbale Gewalt eigentlich ist, wieso diese Form der Gewalt so besonders ist und was du laut Expert:innen tun kannst, wenn du diese Gewalt-Form erfährst, verraten wir dir hier.

Verbale Gewalt:  Was ist das eigentlich?

Wo beginnt denn eigentlich verbale Gewalt? Es gibt tatsächlich viele Facetten. Mag. Mag. Nicole Trummer ist Klinische- und Gesundheits­psychologin und Psychotherapeutin im Kinder-, Jugendlichen- und Familienbereich. Laut ihr zählen verbale Gewalt die Negation von Gefühlen, immer wiederkehrende Schuldzuweisungen, Anklagen, das Bagatellisieren oder Banalisieren, das Leugnen oder auch das „zufällige“ Vergessen sowie Befehle und verletzende Witze oder Scherze zu den bekanntesten Formen der verbalen Gewalt. 

Häufig gilt verbale Gewalt als Mittel der Kontrolle und Dominanz und wird von allen Geschlechtern gleichviel benutzt, so Expert:innen der systemischen Praxis Hanau. So ist das Ergebnis Verunsicherung und Hilflosigkeit auf der Seite der Betroffenen, Kontrolle und Macht aufseiten des Täters. Für das Opfer ist dies mit einem Gefühl der Ohnmacht und Isolation verbunden.   

Verschiedene Formen mündlicher Gewalt

Es gibt nicht die eine Form der verbalen Gewalt, sondern viele unterschiedliche Formen. Patricia Evans ist eine amerikanische Therapeutin. Sie hat den Begriff der verbalen Misshandlung geprägt. In ihrem Buch “The Verbally Abusive Relationship” beschreibt sie die verschiedensten Formen, egal ob subtil oder offensichtlich. Wichtig dabei ist auch, dass diese Form der Gewalt demnach nicht nur in romantischen Beziehungen vorkommen kann, sondern in jeder Form der Beziehung.

1. Vorenthalten, Enthaltung, Entzug

Austausch ist einer der wichtigsten Faktoren in einer Beziehung. Bei der verbalen Gewalt wird der/ die Betroffene von Informationen ausgeschlossen. Beispiele solcher, den Partner ausschließenden Informationen sind: „Das Event beginnt um 18 Uhr“, „Der Schlüssel liegt auf dem Tisch“, „Ich arbeite viel“. Beschwert sich das Opfer, so bekommt es oft zu hören, dass es übermäßig kontrollierend neugierig sei.

2. Negieren. Bestreiten. Dagegen halten.

Auch allgemein als Gaslighting bekannt. Es geht also darum, die Gefühle, Gedanken und Erfahrungen Betroffener gewohnheitsmäßig zu bestreiten, zu entwerten und als falsch, unrealistisch und unangemessen zu negieren.

3. Abwerten

Abwertung bezeichnet den Versuch, dem Opfer das Recht auf eigene Gefühle, Gedanken und Erfahrungen zu abzusprechen. Oft äußert sich dies als Kritik einer besonderen Art: Der/die Täterin sagt seinem Opfer beispielsweise gewohnheitsmäßig, es sei zu empfindlich, naiv, kindisch, habe keinen Sinn für Humor, verstehe seinen/ihren Humor nicht oder dramatisiere Kleinigkeiten.

4. „Das war doch nur ein Scherz…“

Der/die Täterin sagt verletzende Dinge und wenn Betroffene gekränkt reagieren, behauptet er/sie nur einen Witz gemacht zu haben. Demnach sind dies Witze, die verletzen und können als Ausdruck verbaler Gewalt gesehen werden.

5. Abblocken und Umleiten

Auf diese Weise wird entschieden, welche Themen, Beobachtungen, Gefühle angesprochen werden dürfen und welche nicht. Es geht demnach darum, was real oder ein mögliches Thema des Gesprächs sein kann. Er/Sie sagt dem Partner beispielsweise, dass er/sie über unangemessene Dinge spricht oder sich zu oft beschwert, Kleinigkeiten aufbläst, zu fordernd ist.

6. Beschuldigen und Anklagen

Das Opfer wird für Dinge verantwortlich gemacht und beschuldigt, die außerhalb seines Einflusses liegen. Betroffene werden also für Dinge angeklagt, die es nicht kontrollieren kann: Beispiel: Sie hindere sein berufliches Vorwärtskommen, weil sie zu dick sei; er blamiere sie und schade ihrem sozialen Ansehen, weil er kein Abitur habe…

7. Beurteilen, Definieren und Kritisieren

Eigentlich dasselbe wie Beschuldigen und Anklagen, allerdings mit einer negativen Bewertung. Evans betont, dass die meisten „Du…“-Aussagen verurteilend, kritisch und übergriffig sind.  Ein Beispiel dafür ist: „Du bist nie zufrieden.“

8. Trivialisierung

Dinge, die Betroffene tun oder möchten, werden als unwichtig oder überflüssig bezeichnet. Es wird sich sich abwertend, kritisch und abschätzig über die Arbeit, den Kleidungsstil, die Essensgewohnheiten, die Interessen, Ideen und Vorlieben geäußert.

9. Unterminieren. Untergraben.

Das Untergraben ähnelt dem Trivialisieren und beschreibt eine permanente Abwertung oder Geringschätzung dessen was vorgeschlagen oder geäußert wird. Dies führt dazu, dass Betroffene sich selbst, seine Meinungen und Interessen infrage stellen. Dies führt zu einem Anzweifeln der eigenen Wertigkeit, der Angemessenheit der eigenen Gedanken, Gefühle und Einschätzungen bzw. im Endeffekt der eigenen Wahrnehmung.

10. Bedrohen

Das Bedrohen ist eine sehr verbreitete Form der verbalen Misshandlung und kann explizite oder auch sehr subtile Formen annehmen. Beispielsweise explizit: „Wenn du das nicht tust, dann verlasse ich dich.“

11. Beschimpfungen

Beschimpfungen können explizit oder subtil sein. Explizit, wenn beleidigt wird.

12. Vergessen

Hier geht es um ein Spektrum von Verhaltensweisen, das vom Vergessen eines Versprechens bis zum Vergessen einer Verabredung reicht. Manche Misshandle/innen vergessen ständig vermeintliche Kleinigkeiten, wie Besorgungen oder Dinge, die ihnen mitgeteilt wurden. Entscheidend ist hierbei, dass sie nicht mal den Versuch machen, sich zu erinnern. Ein solches Verhalten wird auch als passiv-aggressiv oder auch verborgene Aggression bezeichnet.

Frau am Meer
Verbale Gewalt kann für Betroffene verwirrend sein. Foto: Pexels / Maria Orlova

So funktioniert der Umgang

Laut Evans haben folgende Dinge im Umgang mit verbaler Gewalt äußerste Priorität: 

  1. Verbale Misshandlung als solche zu erkennen 
  2. Sie zurückzuweisen und zu stoppen und 
  3. zu einem Abkommen zu kommen, das weitere Misshandlungen ausschließt. 
  4. Vor diesem Hintergrund ist es die Entscheidung des Täters, ob er/sie sich weiter missbräuchlich verhalten will. 

Das heißt: 

  1. dass der/die Täter die Wahl hat, ob er/sie weiterhin verletzen will, 
  2. dass er/sie sich bewußt machen muss, dass sein Verhalten einem Kontrollbedürfnis entspringt und schlimme Folgen für sein Opfer hat, 
  3. dass nur er/sie das missbräuchliche Verhalten stoppen kann. 
Zwei Frauen umarmen sich
Unterstützung aus dem Freundeskreis ist wichtig bei verbaler Gewalt. Foto: Pexels / Ron Lach

Verbale Gewalt: Verschiedene Formen und Lösungen

Verbale Gewalt kann unterschiedliche Formen annehmen. Wichtig ist, dass diese Gewalt-Form als solche erkannt wird. Wenn du das immer wieder erfährst, ist es wichtig, dass du diese erkennst und die oberen Tipps annimmst. Ansonsten kannst du dir bei folgenden Stellen Hilfe suchen:

Weisser Ring: Opfer-Telefon 116 006 oder Online-Beratung
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ : 08000 116 016
Weitere Anlaufstellen gibt es beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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