Als ich am Wochenende durch Facebook gescrollt habe, bin ich auf den Post einer amerikanischen Freundin gestoßen. Natürlich ging es um DAS vorherrschende Thema, die US-Wahl:Eigentlich hatte ich immer die Hoffnung, dass es genug vernünftige Menschen in der Regierung gibt und dass unsere Politik auf Werten, wie etwa der Redefreiheit und Faktenprüfung beruht. Doch Donald Trump tritt diese mit Füßen und missachtet unsere Demokratie. Ich frage mich da, wo sind all die gemäßigten und vernünftigen Republikaner? Warum treten sie ihm nicht entschieden entgegen?“

Die Freundin hat selbst lange in der Nähe von San Francisco im eher links geprägten Kalifornien gewohnt und ist erst vor kurzem nach Washington gezogen. Ihre Eltern waren schon immer Liberale, wählen seit Jahrzehnten die Demokraten. Genauso wie sie selbst und ihre Freunde. Deshalb verwunderte es mich überhaupt nicht, dass unter ihrem Facebookpost zur US-Wahl zustimmende Kommentare von Demokraten und aufmunternde Wort standen, wie etwa: „Du hast so Recht“. 

Aber überraschenderweise antworteten ihr auch einige befreundete Trump-Anhänger: „Ich bin Trump-Supporterin. Aber ich würde mir wünschen, dass er öfter sein Maul halten würde. Ich wurde schon so oft von Freunden für meine politische Meinung attackiert.“ Und weiter: „Ich hoffe, du hasst mich jetzt nicht für meine politische Ansicht.“

Nur: Wieso kommt es immer wieder in Amerika zu solchen Auseinandersetzungen? Wieso fehlen ausgerechnet der USA, die als Wiege der modernen Demokratie gilt, die dafür notwendigen Werte? Dazu gehören die Fähigkeit, Menschen mit anderer politischer Einstellung zuzuhören, zu diskutieren, Kompromisse zu finden und trotz aller Meinungsverschiedenheiten immer wieder Konsens herzustellen. 

Klar, in den Vereinten Staaten von Amerika lief nicht immer alles rund. Die USA stand immer wieder in der Kritik für ihre Kriege, den Umgang mit ihren Ureinwohnern oder auch die andauernden Rassismusprobleme. Dennoch wurde sie weltweit von vielen Staaten anerkannt. Trends, die dort erfunden wurden, schwappten zu uns herüber. Diskussionen, die dort geführt wurden, wurden auch hier geführt. Aber nun stehen die USA weltweit als gescheiterte Demokratie dar. Und die Gräben zwischen den politischen Lagern sind größer als je zuvor. Dieser US-Wahlkampf ist bedeutender denn je. Wie kommt es dazu?

Immer wieder wird die USA hinterfragt.

US-Wahl: Warum das Wahlsystem zur Spaltung führt

Schuld daran ist definitiv das US-Wahlsystem. Denn dieses erlaubt nur ein Entweder oder. Entweder du wählst die Demokraten oder die Republikaner. Eine Stimme für eine Drittpartei hingegen gilt als Verschwendung. Denn das Wahlsystem ist so aufgebaut, dass der Gewinner alle Stimmen erhält. Und das genau dies eben einer kleinen Drittpartei passiert, ist äußerst unwahrscheinlich. Die Angst davor, dass der eigene Favorit keine Mehrheit bekommt und der Erzfeind einen Vorsprung erhält, ist groß und verhindert ein Querdenken. 

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US-Wahl: Joe Biden tritt gegen Donald Trump an(Photo: Drop of Light/ shutterstock)

US-Wahl: Warum die sozialen Medien spalten

Zurück zu Facebook. Hier ging die Diskussion nämlich weiter. Meine Freundin wollte von der Trump-Supporterin wissen, wieso sie Donald Trump wählt. Für sie selbst sei das einfach unverständlich. Daraufhin antwortete diese ihr: „Ich supporte Donald Trump, weil ich wirklich glaube, dass er die Vereinigten Staaten von Amerika liebt. Manchmal sagt er vielleicht nicht die richtigen Sachen, aber ich kann fühlen, dass er das tut, was er für das Beste hält. Ich will, dass unsere Regierung sich weniger in unsere Leben einmischt, nicht mehr.“

Die Antwort meiner Freundin ließ nicht lange auf sich warten: „Mit seinen Handlungen liefert Trump aber keinen Beweis dafür, dass er die USA liebt. Ich glaube eher, dass er die Macht seiner Präsidentschaft liebt. Gerade für uns Lehrer bedeutet Trump doch weniger Einkommen, auch wenn du vielleicht genug Geld hast, verstehe ich nicht, wie du diese Ansicht vertreten kannst.“

Eine Antwort auf die Frage blieb die Trump-Supporterin schuldig. Doch seien wir mal ehrlich. Selbst diese hätte keinen Unterschied mehr gemacht. Die Fragen, die Antworten, all die Argumente, all das zeigt, wie wichtig und gleichzeitig beliebig diese Diskussionen doch sind. Obwohl sie dringend notwendig sind, führen sie ins Nichts. Am Ende beharrt jeder auf seiner Meinung oder führt ein neues Argument an. Ein Entgegenkommen, ein Verständnis für den anderen? Gibt es nicht. Das zeigen nicht nur die sozialen Netzwerke. Sondern auch die klassischen Medien. Wer den amerikanischen und trumpnahen Fernsehsender Fox News anmacht, hört Lobeshymnen über den Präsidenten, wer hingegen CNN einschaltet, wird mit dem Gegenteil konfrontiert. 

Die Menschen leben in ihrer eigenen Bubble

Es scheint, als würden Millionen Amerikaner in ihrer eigenen Parallelwelt leben. Entweder Pro-Trump oder Pro-Biden. Wer seine eigenen Ansichten bestärkt wissen will, muss nur den richtigen Fernsehsender einschalten.

Für die einen steht Trump damit ganz deutlich für den amerikanischen Traum. Er ist der Patriot, der die USA wieder zu glanzvolleren Zeiten verhilft. Er steht für die Geradlinigkeit, die Amerika so lange gefehlt hat. Trump ist der Führer, der sich nicht anbiedert, der unkonventionell und meinungsstark ist. 

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US-Wahl: Trumps Anhänger schätzen seine unkonventionelle Art.(Photo: melissamn/ shutterstock)

Die anderen hingegen verabscheuen seinen Führungsstil, der einem Presslufthammer gleicht. Der auf seine Gegner eindrescht, ohne einmal tief Luft holen zu müssen. Sie kritisieren, dass das Staatsoberhaupt  aggressiv, ja sogar polemisch ist und es mit der Wahrheit oft nicht ganz genau nimmt.  

Wird Amerika nach der US-Wahl wieder zu einer neuen Ordnung finden?

Nun aber läuft der Countdown. Es sind nur noch wenige Tage, bis zur US-Wahl. Und die Hoffnung, dass Amerika danach zur Ruhe finden wird, ja, dass die gegnerischen Seiten wieder zueinanderfinden, verfliegt im Wind. 

Wenn Donald Trump die US-Wahl gewinnt, wird er wahrscheinlich weiter auf Spaltung anstatt Zusammenhalt setzen. Falschaussagen und verbale Attacken auf seine Gegner könnten dann genauso an der Tagesordnung stehen wie heute. Verliert er, könnte er die Ergebnisse anzweifeln, ja sogar die gesamte Wahl anfechten und seine Anhänger wie beispielsweise die Proud Boys könnten sich dazu berufen fühlen, zu gewaltvollen Protesten aufzurufen.

Schade eigentlich. Denn Amerika bräuchte gerade jetzt eine starke Führung und einen Konsens, um die drängendsten Probleme anzugehen, die das Leben von Millionen Einwohnern nicht gerade leichter machen. Anstatt Diskussionen in den sozialen Medien bräuchte Amerika Einheit auf der Straße. Denn die Probleme sind allgegenwärtig. Da wären zum Beispiel die Sturmfluten und Waldbrände. Hinzukommt, dass die USA gebeutelt von tausenden Corona-Infektionen und einer hohen Arbeitslosigkeit ist. Dass auf der Straße Black Lives Matter Demonstranten auf Rassisten stoßen und auch die Kämpfe zwischen Bürgern und Polizisten den hässlichen Graben vertiefen, der sich immer weiter durch das Land zieht und das Potenzial hat, eben dieses in zwei Teile zu brechen. 

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