In den USA ist vor kurzem ein Afroamerikaner Opfer von Polizeigewalt geworden. Seither ist der Satz „I Can’t Breath“ zum Slogan einer weltweiten Bewegung geworden. George Floyd war einer von vielen Afroamerikanern, die von denjenigen getötet wurden, die sie eigentlich beschützen sollten. Und das nur, weil sie eines haben: eine dunklere Hautfarbe als der Durchschnitt. Wir fragen uns: Welche Rolle spielt Rassismus in Deutschland?

Rassismus gibt es auch in Deutschland

Rassismus ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Es gibt auch Beispiele für Polizeigewalt und Rassismus in Deutschland. Um nur ein Beispiel zu nennen: In Dessau verbrannte im Jahr 2005 beispielsweise Oury Jalloh aus Sierra Leone angefesselt an seine Liege in einer Polizeizelle. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Gutachter gehen aber davon aus, dass er vor seinem Tod misshandelt wurde.

Mehr über rechte Gewalt in Deutschland liest du hier.

Fälle wie diese sind schrecklich. Aber oftmals sind es aber gar nicht solche Gewalttaten, die zeigen, dass es Rassismus in Deutschland gibt. Sondern auch die alltäglichen Momente, die Menschen mit dunkler Hautfarbe oder einem anderen Background erleben. Und das jeden Tag.

Alltägliche Angriffe auf die Würde

Auch ich sehe nicht ganz Deutsch aus und die Konsequenzen daraus werden mir immer wieder bewusst.

Vor einigen Monaten ging ich morgens zur Arbeit. Als ich im S-Bahnhof auf der Rolltreppe stand und mit meinem Bein an die Handtasche einer älteren Dame stieß, sprang sie zur Seite und schrie mich an: 

Hören Sie auf, mich zu beklauen! Gehen Sie dahin zurück, wo sie herkommen!

Am liebsten hätte ich ihr entgegnet: „Nach Berlin-Schöneberg? Soll ich etwa dahin zurück?“ Stattdessen versuchte ich, sie zu beruhigen. Ein Vorfall, der mich zutiefst erschütterte und mir aufzeigte: Ich werde nicht als Deutsche wahrgenommen.

Der zweite Vorfall ereignete sich vor ein paar Tagen, als ich mit einer Kollegin vor unserem Verlagsgebäude stand und bemerkte, dass mich ein älterer Mann unverhohlen anstarrte. Seine Augen wanderten über mein Gesicht und meinen Körper. Dann kam er auf mich zu.

Rassismus in Deutschland
Rassismus in Deutschland(Photo: shutterstock/ peaze)

Der Typ war circa 50 Jahre alt und fing an zu erzählen, dass er in Ghana eine Firma für Crushed Eis gründen will. Irgendwie wusste ich nicht genau, warum er uns das jetzt erzählte. Aber dass er unser Gespräch unterbrochen hatte, schien ihm gar nicht aufzufallen oder gar zu stören. 

nem Schwarzen überlässt, würde es ja spätestens nach zwei Monaten den Bach heruntergehen.

Wenn man

das Geschäft

Er redete also weiter: „Aber natürlich muss da ein Weißer vor Ort sitzen und die Geschäfte führen. Wenn man das nem Schwarzen überlassen würde, würde das Geschäft ja spätestens nach zwei Monaten den Bach heruntergehen. Außerdem müssen wir den Schwarzen noch grundlegende Dinge wie Ethik und so beibringen.“ 

Ich musste schlucken. Hatte er das gerade wirklich gesagt? In meinem Kopf drehte sich alles, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Geschweige denn darauf antworten.

Aber das musste ich auch gar nicht. Denn der Typ faselte weiter und kam nun auch zum Punkt: „Weswegen ich dich eigentlich anspreche, meine Partner und ich wollen hier in Deutschland eine Modelagentur gründen, die sich ausschließlich auf schwarze Models fokussiert. Ich bräuchte schon jemanden, der selbst schwarz ist, der die Schwarzen vermittelt. Hast du Lust?“ 

Rassismus in Deutschland: Denken in Stereotpyen

Am liebsten hätte ich dem Typen geantwortet: „Bin ich nur für die Stelle geeignet, weil ich dunklere Haut habe? Und woher zum Teufel soll ich wissen, was alle Schwarze denken? Afrika macht fast 20 % der Weltfläche aus, hat über 54 Staaten, die Menschen sind alle unterschiedlich. 

Oder glaubst du echt, dass in allen afrikanischen Ländern die gleichen Lieder gesungen, die gleiche Sprache gesprochen und die gleichen Werte geteilt werden? Wie ist es denn bei uns in Europa? Machen wir die Charaktereigenschaften eines Menschen daran fest, ob er aus Berlin oder London kommt? Ob er Sommersprossen hat oder nicht?“ 

Aber anstatt etwas zu sagen, starrte ich den Typen nur an. Mir blieb regelrecht die Spucke weg. Stattdessen diskutierte meine Kollegin mit ihm. Gott sei Dank.

Rassismus ist auch, wenn man es nicht böse meint

Ich glaube nicht, dass der Mann eine böse Absicht hatte, als er mich ansprach. Ich glaube auch nicht, dass er sich über die Wirkung seiner Worte bewusst war. Vielleicht hatte er ja sogar gute Absichten. Ja, vielleicht ist er ein guter Mensch. Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass dieser Vorfall ein typisches Beispiel für Rassismus in Deutschland ist.

Wieso? Dazu hilft vielleicht ein Blick auf die Definition von Rassismus.

Rassismus ist die Überzeugung, dass ein Beweggrund wie Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, Staatsangehörigkeit oder nationale oder ethnische Herkunft die Missachtung einer Person oder Personengruppe oder das Gefühl der Überlegenheit gegenüber einer Person oder Personengruppe rechtfertigt.

– die Europäische Kommission

Und da wären wir wieder bei dem Mann: Er glaubt, dass die Hautfarbe und die Herkunft eines Menschen entscheidend dafür sind, wie gut und leistungsstark ein Mitarbeiter ist. Nicht der Ehrgeiz, die regionalen Kenntnisse oder Erfahrungen spielen eine Rolle. 

Nein, die Hautfarbe ist für ihn ausschlaggebend. Und dass auch schwarze Menschen ethisch korrekt handeln? Das kam ihm natürlich auch nicht in den Sinn.

George Floyd
Der Tod von George Floyd führt in den USA zu Ausschreitungen und Verwüstungen(Photo: David Joles via www.imago-images.de)

Solche rassistischen Denkmuster wirken sich nicht nur negativ auf die Menschen in Afrika aus. 

Rassismus in den USA & Deutschland

In den USA führen solche Gedanken dazu, dass die Polizei gegenüber Schwarzen gewaltbereiter ist. Dass sich Afroamerikaner einem Ohnmachtsgefühl, einer Verzweiflung ausgesetzt fühlen. Dass Hass und Gewalt an der Tagesordnung stehen.

Aber auch hierzulande führen solche Gedankenmuster zu Benachteiligungen von BIPoCs (Begriff für Black, Indigenous and People of Color). Etwa bei der Bewerbung auf einen Job. So wurde jüngst bekannt, dass zum Beispiel ein Start-Up bewusst niemanden einstellen will, der einen arabischen Background hat. 

Aber nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch in weiteren Lebensbereichen wirken rassistische Denkmuster und benachteiligen Menschen, die einen ausländisch klingenden Namen haben oder anders aussehen als der Durchschnittsdeutsche. 

Was hat das Ganze nun mit dir zu tun?

Auch wenn wir es alle gerne so hätten: Kein Mensch ist frei von Vorurteilen. Aber es ist vor allem der Umgang damit, der bestimmt, ob Rassismus sich in Deutschland in den nächsten Jahren verändern wird oder ob sich Konflikte hochschaukeln. Rechte Gewalt wie etwa in Hanau darf sich nicht wieder mobilisieren. Und genau dafür brauchen wir dich.

Es gibt viele tolle Menschen, viele Initiativen, die sich bereits gegen Rassismus in Deutschland einsetzen. Wir brauchen sie. Und ihre lauten Stimmen. Aber darüber hinaus brauchen wir auch Menschen, die bewusst auf ihre Sprache und auf ihr Denken achten, die hinterfragen und nicht noch dazu beitragen, Rassismus in Deutschland zu verstärken oder gar salonfähig zu machen.

Rassismus in Deutschland
Rassismus in Deutschland: Wir müssen auch über positiven Rassismus sprechen(Photo: istock/FG Trade)

Wir brauchen Menschen wie dich, die andere auf ihre Fehler aufmerksam machen. Die BIPoCs beispringen, wenn es ungemütlich wird. Die ihre Freunde auf ihre Fehler hinweisen. 

Was du konkret gegen Rassismus in Deutschland tun kannst? Zum Beispiel kannst du:

  • dich mit dem Thema auseinandersetzen. Denn mit Fakten kannst du Fehlinformationen kontern. Wir haben die wichtigsten Bücher und Podcasts gegen Rassismus gesammelt.
  • andere Menschen auf ihr rassistisches Verhalten ansprechen.
  • dich gegen Rassismus in Deutschland engagieren. Sei es auf einer Demo oder einem Online-Aufstand wie beispielsweise dem #blackouttuesday.
  • Auch positiver Rassismus ist ein Problem, das wir an dieser Stelle ansprechen müssen. Hier zeigen wir dir 7 Situationen, die viele von uns kennen.

Und wenn es doch mal dazu kommen sollte, dass du einen BIPoC ausversehen verletzt, dann entschuldige dich. Versuche zuzuhören und zu verstehen, anstatt abwehrend zu reagieren. Denn wenn du jemandem in der Bahn ausversehen auf die Füße trittst, sagst du ja auch nicht: „Mann alter, hab dich mal nicht so! Das war ja keine Absicht“. Sondern du entschuldigst dich für den Schmerz, den du der anderen Person angetan hast.

Und genau dieses Verhalten wünschen wir BIPoCs uns auch. 

Rassismus in Deutschland
In Deutschland sind auch viele Menschen gegen Rassismus auf die Straße gegangen(Photo: Sam Wagner/ shutterstock)