Erinnerst du dich noch daran, als du das erste Mal den Ausdruck des Protestwählenden gehört hast? Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, dabei ist es schon beinahe sechs Jahre her. Damals, zur Zeit der Flüchtlingskrise in Deutschland schlugen viele Menschen um von „überzeugten Wählenden“ zu „Protestwählenden“. Ein Kommentar zur heutigen Situation.

Damals kehrten sich viele ab von unserer Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel und in den TV-Shows wie bei Anne Will wurden sehr oft Bürger:innen gehört, die Dinge sagten wie „Ich fühle mich von der Politik alleingelassen.“ Vor 6 Jahren dachte ich noch, dass es diese Protestwählenden sich nur auf diese Zeit beschränken würden. Sobald sich alles normalisiert hätte, würden die Menschen wieder nach Überzeugung wählen. Doch das stimmt nicht ganz. Auch dieses Jahr bei der Bundestagswahl 2021 wird es wieder Menschen geben, die aus Protest eine Partei wählen, hinter der sie nicht stehen.

Protestwähler:innen: Eine Definition aus dem Internet?

Kurz vor der Bundestagswahl 2021 müssen wir uns unweigerlich fragen, wie viele Protestwählende es dieses Jahr geben wird. Leider kann diese Frage niemals zur Zufriedenheit beantworte werden. Das BpB (Bundeszentrale für politische Bildung) ist sich sogar sicher, dass es soetwas wie Protestwähler:innen gar nicht gibt. Jeder Mensch, der eine Partei wählt, so das BpB, steht bis zu einem gewissen Grad hinter den Forderungen dieser Partei. Dennoch brauchen wir eine Definition der Protestwähler:innen. Das Internet sagt dazu Folgendes:

Wähler, der eine Partei oder eine Person mit oft extremen Ansichten wählt, um durch diese Wahl seinen Unwillen gegenüber der herrschenden Politik oder den etablierten Parteien auszudrücken

DWDS

Protestwählende: So sieht es in der Wahlkabine aus

Eine Protestwahl findet dann statt, denn die wählende Person sein oder ihr Kreuzchen bei einer Partei macht, mit deren politischen Agenda konform geht, sondern nur ein Zeichen setzen will. Die AfD hatte in den Jahren 2015 und 2016 unter anderem deswegen einen Anstieg an Wähler:innen, da sie aneckten und nicht, weil sie so grandios argumentierten. Viele Wahlberechtigte hatten sich damals von der „Mainstream-Politik“ nicht abgeholt und vernachlässigt gefühlt. Sie machten ihr Kreuzchen also da, wo sie glaubten, dass man ihnen wenigstens zuhören würde.

beatrix von storch
Beatrix von Storch und die AfD wollen den Klimawandel nicht glauben. Credit: IMAGO / Christian Spicker

Protestwahlen sind gefährlich für das Land & die Menschen

Ein einziger protestwählender Mensch ist nicht schlimm. Auch zwei kann Deutschland vertragen. Aber lass es mal 3 oder 4 Millionen werden und schon geht das Land ziemlich vor die Hunde. Das Problem ist, dass eine Protestwahl meist viel weniger durchdacht ist als eine etablierte Wahl. Es ist eine Entscheidung aus dem Affekt heraus und nicht deshalb, weil man wirklich mit der Politik der Partei oder der Politiker:in konform geht. Ich zeige dir anhand von einigen Merkmalen, wie man Protestwählende erkennt:

1. Angst haben

Eine Protestwahl zeichnet sich oft dadurch aus, dass sie sehr emotional gesteuert ist. Hat ein:e Wähler:in Angst vor der politischen Zukunft, ist er oder sie viel eher dazu geneigt, ein Kreuz an einer Stelle zu setzen, wo es sonst nicht gesetzt werden würde. Angst und Ohnmacht führt teilweise zu echten Übersprunghandlungen. Wer gerade in einem inneren Konflikt mit sich selbst und der Politik ist, kann sich schnell in Panik festbeißen.

2. Keine Ahnung von der Materie

Protestwählende haben oft ein Problem: Politik ist ihnen zu langweilig. Das Verfolgen der Parteien, das Lesen der Nachrichten und das Verstehen von Zusammenhängen kann aber auch ziemlich dröge sein. So gehen Protestwählende oft dazu über, alle Politiker:innen und Parteien schwarz zu malen und stattdessen ein eigenes Weltbild zu kreieren. Das täuscht darüber hinweg, dass man eigentlich gar keine Ahnung von der Materie hat.

Nehmen wir mal ein Beispiel für Ahnungslosigkeit: Bei der Bundestagswahl 2021 treten 42 Parteien gegeneinander an. Nicht alle sind gleich etabliert, manche sind neu, andere sind noch ganz klein. Es gibt jedenfalls eine große Auswahl. Protestwählende sagen Sätze wie: „Ist doch eh alles Mist, was die Parteien machen.“ oder „Wählen kannst du keine:n von denen.“ Aber sind wir mal ganz ehrlich: Weißt du genau, welche Ziele jede einzelne dieser Parteien verfolgt?

In unserem Podcast „Wein & Weiber“ haben wir mit einer Coronaleugnerin gesprochen.

3. Personenkult

In der Politik wie in der Wirtschaft und im Lifestyle werden charismatische Politiker:innen immer wichtiger. Gleichzeitig werden sie aber auch immer rarer. Die politischen Akteure müssen heutzutage sehr genau darauf achten, was sie sagen und was sie tun, denn ein Fehltritt kann sie sehr schnell ins Aus befördern und Protestwähler befeuern. So hat Annalena Baerbock beispielsweise unter ihrem Lebenslauf-Skandal sehr gelitten.

Nehmen wir mal ein Beispiel für politischen Personenkult: Ein konservativer alter weißer reicher Mann mit gelbem Haarhelm auf dem Kopf betritt die politische Bühne – ohne eine Ahnung von Gesellschaft, aber sehr viel Gelaber von Wirtschaft. Dieser Mann spricht die „Sprache des Volkes“ und glaubt „einer von ihnen“ zu sein. Wählen oder nicht wählen? Viele Menschen in den USA entschieden sich 2016 für „wählen“, auch wenn sie eigentlich demokratisch eingestellt waren.

4. Blinder Aktionismus

Protestwahlen entstehen auch und gerade dann, wenn die betreffende Person sich gerade in einem politischen Thema festgebissen hat und gleichzeitig alle anderen Themen außer Acht lässt.

Nehmen wir mal ein Beispiel für politisch blinden Aktionismus: Person C regt sich darüber auf, dass die Internetverbindung in Deutschland so schlecht ist. Gleichzeitig hat sie mitbekommen, dass die FDP sich für die Digitalisierung Deutschlands einsetzen will. Sie wählt die FDP aus Protest, obwohl sie keine Ahnung davon hat, welche politische Agenda diese Partei ansonsten verfolgt.

Die einzig richtige Art des Protestwählens: Richtig wählen

Ich hoffe, ich konnte klären, dass Protestwahlen nicht wirklich etwas bringen. Wenn du eine politische Agenda verfolgst, dann steh dazu und wähle deine Partei. Versuch nicht, dich zu verbiegen. Sei dir aber auch darüber im Klaren, dass du deine Stimme ungültig machen kannst, wenn du wirklich keiner einzigen Partei etwas abgewinnen kannst. Das ist immer noch besser als deine Stimme den falschen Menschen zu geben.

Disclaimer: Wir von wmn geben keine Wahlempfehlungen. Jedem Menschen ist es komplett selbst überlassen, was er oder sie bei der Bundestagswahl wählen will. Alles, was wir tun wollen, ist zu informieren und dazu aufzurufen, überhaupt in die Wahlkabine zu gehen.