Es ist ein Jahr her, dass der Ex-Polizist Derek Chauvin acht Minuten und 46 Sekunden auf dem Nacken des Afroamerikaners George Floyd kniete – bis dieser starb. Ein Jahr ist der dramatische Vorfall her, der die USA in eine Spirale aus Trauer und Wut über die nicht enden wollende Polizeigewalt gestürzt hat. Doch ausgerechnet jetzt, während sich Chauvin für den Tod von George Floyd im Gerichtssaal in Minneapolis verantworten muss, wird der Schwarze Daunte Wright nur 17 Kilometer entfernt von Chauvin von einer Polizistin erschossen. Die endlose Debatte über Polizeigewalt in den USA wühlt das Land erneut auf.

Doch wie geht es nun weiter? Und was bedeutet der Tod von Daunte Wright nun für das Land? wmn klärt auf.

Daunte Wrights Tod: Die Polizistin zieht Konsequenzen

Am Sonntag hielt die Polizei den 20-jährigen Daunte Wright aufgrund eines mutmaßlichen Verkehrsdeliktes an. Schnell stellte sich heraus, dass gegen den jungen Mann ein Haftbefehl vorlag. Doch als die Polizist:innen Wright festnehmen wollen, entsteht ein Gerangel. Der Mann reißt los und sprintet in sein Auto.

Die Body-Cam der Polizistin Kim Potter zeichnet die letzten Sekunden im Leben von Daunte Wright auf: Zwei Mal warnt die Polizistin davor, ihren Taser einzusetzen. Doch ihre Hand umklammert keinen Taser, sondern eine Pistole. Schließlich ruft sie „Taser“ und feuert die tödliche Kugel auf den Mann im Auto. Wright stirbt. „Heilige Scheiße, ich habe ihn erschossen!“, ruft Potter sichtlich betroffen. Doch da ist es schon zu spät.

Blacklivesmatter Fahne
Blacklivesmatter: Der Hashtag wurde allein auf Instagram Millionen Mal benutzt. Foto: shutterstock/ Creative Photo Corner / shutterstock/ Creative Photo Corner

Nur wie konnte es passieren, dass die Polizistin keinen Elektroschock auslöste, sondern einen tödlichen Schuss? Die Polizei erklärt, dass Potter den Taser mit ihrer Pistole verwechselt habe. Die Polizistin zog die Konsequenzen aus dem dramatischen Vorfall und reichte am Dienstag nach 26 Jahren ihre Kündigung ein.

Für diesen Schritt ist Mike Elliott, der Bürgermeister von Brooklyn Center, „dankbar“, auch wenn er die Polizistin nicht darum gebeten habe. Der Rücktritt könne nämlich „etwas Ruhe in die Gemeinschaft bringen“. Weiter erklärt er: „Wir müssen sicherstellen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Daunte Wright hat das verdient, seine Familie hat das verdient.“

Daunte Wrights Tod: Unfall oder Absicht?

Feststeht, dass der Tod von Daunte Wright neue Proteste gegen Polizeigewalt ausgelöst hast. Zahlreiche Menschen demonstrierten vor der örtlichen Polizeistation – zum Teil friedlich, andere plünderten jedoch Geschäfte.

Und dabei ist es vor allem eine Frage, die alle umtreibt: War der Tod des jungen Schwarzen wirklich ein Unfall, wie Polizistin Potter sagt? Genau das zweifeln viele an. So erklärt Wrights Tante Naisha gegenüber CNN: „Man kennt den Unterschied zwischen einer geladenen Pistole im Gegensatz zu einem Elektroschocker. Wenn man Polizeibeamter ist, sollte man das wissen.“

Zahlreiche Demonstrant:innen fordern die Festnahme von Kim Potter. Foto: Imago Images/Zuma Wire

Maxine Waters, eine US-amerikanische Politikerin, glaubt ebenfalls nicht an einen Unfall, wie sie in den Sozialen Medien deutlich macht: „Wie konnte eine trainierte Polizeibeamtin einen Fehler machen und einen unbewaffneten Mann mit einer Pistole anstatt eines Tasers töten? Schwer zu glauben.“

Tatsächlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Taser & Pistole

Doch wie wahrscheinlich ist eine Verwechslung von Taser und Pistole wirklich? In der New York Times erklärt der pensionierte Sergeant Scott Defoe von der Los Angeles Polizei, dass die meisten Behörden von den Beamten verlangen, dass sie den Taser auf ihrer nicht dominanten Seite tragen, um eine Verwechslungsgefahr mit der Pistole zu vermeiden. Zudem seien Taser oft mit hellen Farben markiert, damit der Unterschied deutlicher wird. Und auch die Griffe von Taser und Pistole unterscheiden sich. Heißt: „Wer trainiert ist, sollte einen Unterschied merken“.

Die Glocks, also die Pistolen der Polizei wiegen zudem schwerer als Taser in der Hand und müssen vor dem Gebrauch erst entsichert werden.

Laut New York Times hat die Polizistin Kim Potter jedoch die Regeln der Polizei verletzt. Denn Polizist:innen sollen bei Gebrauch eines Tasers auf den Unterkörper zielen und Kopf, Hals, Brust und Lendenbereich nicht getroffen werden. Und auch Kollateralschaden sollen beim Einsatz von Tasern verhindert werden. Doch Daunte Wright wurde in die Brust geschossen und da seine Freundin im Wagen saß, wurde auch der sogenannte Kollateralschaden nicht verhindert.

Übrigens: Eine Taser-Verwechslung, die tödlich endet, kommt unter US-Cops lediglich einmal im Jahr vor.

Und was sagt Joe Biden über den Tod von Daunte Wright?

Der US-Präsident ruft derweil zur Ruhe auf. Obwohl der tödliche Vorfall „wirklich tragisch“ sei, betont Joe Biden, dass es „absolut keine Rechtfertigung für Plünderungen“ gebe. Friedliche Proteste hingegen seien „verständlich“. Biden verweist darauf, dass nun abgewartet werden müsse, was die Ermittlungen ergeben. „Die Frage ist, ob es ein Unfall oder Absicht war. Das muss noch geklärt werden.“

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