Annalena Baerbock ist jung, weiblich und will Deutschlands erste Grüne Bundeskanzlerin werden. Und damit ist sie das perfekte Feindbild rechter Trolle, die im Internet gegen die Politikerin hetzen. Die Kanzlerkandidatin wird von ihnen mit Hass überschwemmt: Beleidigungen, Drohungen, Diffamierungen und sogar ein angebliches Nacktfoto von Annalena Baerbock sorgten nun für viel Wirbel. Alles Zufall? Wohl kaum.

Annalena Baerbock: Nacktfoto, Fake News & Beleidigungen

„Sowohl Annalena Baerbock als auch Robert Habeck werden im Netz schon lange attackiert. Aber seit der Nominierung von Annalena Baerbock haben gefälschte Zitate und gefakte Bilder noch mal einen Schub bekommen. Das begann gleich in den ersten Tagen“, erklärt Nicola Kabel, die Parteisprecherin der Grünen.

Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin der Grünen. xThomasxImo/photothek.dex/ Imago

So behaupten politische Gegner:innen etwa, dass Baerbock ein Verbot von Haustieren gefordert haben soll, um das Klima zu schützen. Dass sie bei ihrer Ernennung zur Kandidatin Parteimitgliedern in den Arm gefallen sein soll – ohne Maske und Abstand. Es sind Anschuldigungen, die vor allem eines sind: falsch.

Aber damit nicht genug. Tausende User:innen teilten auch ein angebliches Nacktfoto von Annalena Baerbock in den Sozialen Medien und kommentierten es mit „Sie war jung und brauchte das Geld.“ Aber dass auf dem Bild eigentlich ein russisches Model abgebildet ist, blieb unerwähnt.

Die Anfeindungen haben Konsequenzen – für alle

Die Grünen sind mittlerweile alarmiert und haben eine „Netzfeuerwehr“ gegründet, die auf die Welle an Fake-News reagieren soll: „Wenn Dinge strafrechtlich relevant erscheinen, bringen wir sie zur Anzeige“, warnt Nicola Kabel. Doch wie anstrengend der juristische Weg für betroffene Politiker:innen sein kann, das zeigt auch der Fall von der Grünen-Politikerin Renate Künast, die im Internet aufs Übelste beleidigt wurde und sich nur teilweise erfolgreich dagegen wehren konnte. Annalena Baerbock soll laut Medienberichten nun unter Personenschutz stehen.

Wird Annalena Baerbock nur angegriffen, weil sie eine Frau ist?

Auf diese Frage antwortet Parteisprecherin Kabel: „Nicht alles hat automatisch eine frauenfeindliche Komponente; aber sie kommt in manchen Fällen noch dazu.“ Michael Kellner, der Geschäftsführer der Partei ergänzt: „Frauen werden im Netz stärker angegriffen als Männer – das gilt auch für unsere grüne Kanzlerkandidatin.“

Und auch Expert:innen glauben, dass das Geschlecht eine große Rolle spielt. Viorela Dan ist akademische Rätin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und forscht zu Fehlinformationen im Netz. Sie sagt: „Baerbock ist eine junge, liberale Politikerin und damit ein perfektes Feindbild. Politische Gegner werden sich ohne Rücksicht auf die Wahrheit an ihr abarbeiten“.

Diese Vermutungen werden auch von einer Studie des US-Forschungsinstituts Wilson Center unterstützt. Diese konnte nämlich zeigen, dass sexualisierte und geschlechtsbezogene Angriffe im Netz auf Politikerinnen stark zugenommen haben.

Im Gespräch mit dem FOCUS erklärt Diana Rieger, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der LMU, dass es nicht verwunderlich sei, dass vermeintliche Nacktfotos von Annalena Baerbock im Netz auftauchen. Denn bei weiblichen Politikerinnen spiele Sexismus durchaus eine Rolle: „Frauen sind in der Politik eine Minderheit und dadurch vulnerabel. Oft wird ihre Kompetenz nicht in der gleichen Form anerkannt, wie es bei männlichen Kollegen der Fall ist“, weiß sie.

Ulle Schauws, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, verurteilt die Online-Hetze zwar, weist aber auch daraufhin, dass die Schmutzkampagne Annalena Baerbock wahrscheinlich nicht nachhaltig schaden wird: „Dass eine Frau Kanzlerkandidatin bei den Grünen ist und deshalb angegriffen wird, zeigt eine gewisse Hilflosigkeit derer, die sie angreifen. Das ist ein sehr billiges und chauvinistisches Mittel. Und es spricht eher gegen die, die so vorgehen, als dass es Annalena Baerbock schadet.“

Mittlerweile sind viele Politiker:innen Zielscheibe von Hass & Hetze

Doch längst sind es nicht nur Politiker:innen auf Bundesebene, die zum Opfer von Online-Hetze werden können, wie eine vor Kurzem erschienene Umfrage des Magazins KOMMUNAL zeigt. Denn 79 Prozent der Kommunalpolitiker:innen wurden bereits beleidigt, beschimpft oder bedroht. Besonders besorgniserregend ist vor allem die Tatsache, dass sich der Hass im Netz auch ins reale Leben verlagern kann. Denn 20 Prozent der Gemeindevertreter:innen wurden sogar schon körperlich angegriffen, bespuckt oder geschlagen. Und auch der Mord an dem Kommunalpolitiker Walter Lübcke im Juni 2019 zeigte, dass Worten leider oft auch Taten folgen.

Mehr zum Thema gefällig? Baerbock hat im Wahlkampf jedoch viele Fehler gemacht, die nun zurecht kritisiert werden. Mehr dazu findest du hier.

Außerdem: Lies hier, wieso die finnische Politikerin Sanna Marin angefeindet wurde, nur weil sie keinen BH trug und warum sich unsere Kolumnistin mit dem Thema Männerquote befasst.