Mit Worten lässt sich der gegenwärtige Horror in Afghanistan, speziell jener in der Hauptstadt Kabul, kaum beschreiben. Eine Frau, die es in einem bemerkenswerten Gespräch mit „The Hollywood Reporter“ dennoch versucht, ist die afghanische Filmemacherin Shahrbanoo Sadat (31). 2016 gewann die heute 31-Jährige für ihre Tragikomödie „Wolf and Sheep“ bei den Filmfestspielen von Cannes den Art Cinema Award. Heute, knapp fünf Jahre später, bangt sie wie abertausend andere Menschen in Kabul um ihr Leben.

Sie hofft, für ihre Familie und sich selbst noch Plätze in einem der Flugzeuge zu bekommen, die Menschen aus der von den Taliban überrannten Stadt fliegen. Ihre Hoffnung schwindet jedoch mit jeder verstrichenen Minute. „Das Problem ist derzeit, überhaupt zum Flughafen zu gelangen und das Flugzeug zu finden“, berichtet Sadat. „Der erste Checkpoint am allerersten Eingang des Flughafens befindet sich unter der Kontrolle der Taliban. Und es gibt so viele Checkpoints auf dem Weg zum Flughafen.“

Sie blieb aus Sorge um ihre Familie

Um überhaupt eine Chance zu haben, brauche sie für sich und ihre Mitreisenden ein Formular, das bestätigt, dass sie allesamt einen gültigen Platz in einem Flugzeug haben. Das sei notwendig, da viele verzweifelte Menschen ohne Ticket versuchen, vor dem Terror zu flüchten. Die chaotischen Zustände hätten aber dazu geführt, dass sie diese vermeintlich lebensrettende Bescheinigung noch immer nicht erhalten habe. Sie und ihre Liebsten könnten daher nichts anderes machen, als zu warten.

Niemand, auch sie selbst nicht, habe damit gerechnet, dass die Terrorgruppe binnen weniger Tage Kabul erreichen und die Stadt einnehmen würde. Nur einen Tag vor der Kapitulation habe Sadat sogar die Möglichkeit gehabt, das Land per Flugzeug zu verlassen. Doch sie blieb – weil sie ohne ihre Familie hätte flüchten müssen.

Was die Zukunft für sie bereithält, wagt die Filmemacherin nicht einzuschätzen. Aber sie weiß: „Wenn ich das hier überlebe und noch einmal die Möglichkeit bekomme, Filme zu drehen, wird sich mein Schaffen für immer verändert haben. (…) Wenn ich das hier überlebe, werde ich Filme darüber machen, was sich zugetragen hat.“ Wann und wo das sein könnte, ist ungewiss. Nur eine Sache ist klar: Es wird nicht in ihrer afghanischen Heimat sein.

(stk/spot)