Frau Mann Handschlag
Wie lässt sich die Gender Pay Gap am besten schließen? (Photo: kbeis/ istock) Source: istock.com/LumiNola

Gender Pay Gap: Was Männer tun müssen, damit Frauen mehr verdienen

Frauen verdienen weniger als Männer. Doch: Wenn sie mehr Gehalt bekämen, würden nicht nur sie davon profitieren, sondern vor allem auch Männer.

In Deutschland verdienen Frauen laut Statistischem Bundesamt 20 % weniger als Männer. Damit herrscht eine Lohnlücke, der sogenannte Gender Pay Gap. Wie kommt es dazu und was lässt sich dagegen tun? Profitieren nur Frauen davon, wenn die Lohnlücke geschlossen wird oder auch die Männer? Diese Fragen haben wir der Autorin und Wirtschaftsexpertin Henrike von Platen gestellt.

Gender Pay Gap: Über Lösungen und Auswege

wmn: Liebe Frau Platen, woran liegt es, dass Frauen weniger Geld verdienen als Männer?

Frau Platen: Zum einen arbeiten Frauen und Männer tendenziell in unterschiedlichen Branchen, und diese werden unterschiedlich gut bezahlt. Hinzu kommt aber auch, dass sie in unterschiedlichen Positionen arbeiten, also dass Männer häufiger Führungspositionen innehaben als Frauen. 

wmn: Gibt es eine Möglichkeit, den Gender Pay Gap zu schließen?

Frau Platen: Ja, wir müssen uns die Frage stellen, was uns Arbeit Wert ist, und wie wir diese definieren. Denn während wir die Arbeit in einem Unternehmen auch als solche anerkennen und dementsprechend bezahlen, werten wir die Erziehung unserer Kinder nicht als Arbeit und bezahlen sie auch nicht entsprechend. Was wir also brauchen, ist ein Umdenken. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Dem die Frage zugrunde liegt, welchen Einfluss welche Arbeit auf die Gesellschaft hat. Und was uns das wert ist. Im Ergebnis müssten wir schlagartig viele Jobs anders bezahlen. 

Gender Pay Gap
Henrike von Platen spricht in wmn über die Gender Pay Gap(Photo: Betke, Olover)

wmn: Aber gibt es nicht auch Berufe, die höhere Anforderungen haben und dementsprechend auch höher vergütet werden sollten? 

Frau Platen: Untersuchungen zeigen, dass die Probleme weit darüber hinausgehen. So sind objektiv betrachtet die Anforderungen in Ingenieurberufen und an Pflegekräfte exakt gleich – und dennoch verdienen die einen ein Drittel weniger als die anderen. Das ist einfach nur ungerecht.

wmn: Was braucht eine Gesellschaft, um wachgerüttelt zu werden? Um zu erkennen, dass hier etwas Grundlegendes falsch läuft?

Frau Platen: Im Moment haben wir eine große historische Chance, die tatsächlich etwas verändern könnte. Nämlich Corona. Viele Frauen haben sich in der Krise öffentlich geäußert und erklärt, dass sie als Anerkennung keinen Applaus brauchen, sondern ein faires Gehalt. Sie haben klare Zahlen auf den Tisch gelegt. 

wmn: Wieso sind ausgerechnet die Zahlen so wichtig, um den Gender Pay Gap schließen können? 

 Frau Platen: Oftmals heißt es ja, dass Frauen nicht gut in Gehaltsverhandlungen sind. Doch wenn wir alle Zahlen auf den Tisch legen, sehen wir, dass es hier eine systematische Benachteiligung gibt. Das kann keine Frau im Alleingang lösen, indem sie besser verhandeln lernt. 

wmn: Also wäre ein erster Schritt, offen und transparent übers Gehalt zu sprechen?

Frau Platen: Auf jeden Fall.

wmn: Profitieren auch Männer davon, wenn der Gender Pay Gap geschlossen wird?

Frau Platen: Und ob! Wenn es um die Elternzeit geht, bleiben ja oftmals die Frauen länger zuhause als die Väter. Oft heißt es dann auch, dass es eine freie Entscheidung der Frau war. Aber wenn man näher hinschaut, erkennt man, dass diese Entscheidung gar nicht so frei war. Sondern dass es vor allem daran liegt, dass die Männer mehr verdienen als ihre Frauen. 

Dabei gibt es viele Männer, die gerne länger zuhause bleiben wollen, es aber nicht können, weil sie der Haupternährer der Familie sind. Wenn ihre Frauen mehr verdienen würden, also wenn sich der Gender Pay Gap schließen würde, könnten die Männer ihrem Wunsch nachkommen, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und weniger zu arbeiten. Alte Rollenbilder wirken nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer. Abgesehen davon schaffen wir es gar nicht, den Gender Pay Gap zu schließen, wenn sich nicht alle dafür einsetzen.

wmn: Gibt es etwas, das Männer konkret tun können, damit Frauen gleich bezahlt werden?

Frau Platen: Männer sowie Frauen sollten transparent übers Gehalt sprechen. Da aber mehr Männer in höheren Positionen arbeiten, haben sie demnach natürlich mehr Macht, Dinge zu verändern und anzustoßen.

wmn: Was denn zum Beispiel?

Frau Platen: Bei der Ausschreibung von Jobs sollte auch das Gehalt veröffentlicht werden, sodass – egal, ob ein Mann oder eine Frau die Stelle besetzt – Gleichberechtigung, Transparenz und Fairness herrschen.

In ihrem Buch erklärt Henrike von Platen, wie jeder etwas dazu beitragen kann, dass die Gender Pay Gap geschlossen wird (Anzeige)

wmn: Gibt es noch weitere positive Beispiele, die Sie nennen können?

Frau Platen: In Großbritannien etwa sind Unternehmen dazu verpflichtet, öffentlich Daten dazu zu veröffentlichen, wie viele Frauen bei ihnen arbeiten und wie viel sie verdienen. Auf diesen Zwang zur Transparenz haben schon einige Unternehmen mit konkreten Maßnahmen reagiert – weil ihnen die Zahlen peinlich waren. Denn gut ausgebildete Arbeitnehmer werden sich natürlich dreimal überlegen, ob sie wirklich in ein Unternehmen wechseln wollen, dass die Beschäftigten unfair bezahlt, oder wo die Presse offenlegt, dass die Zielquote für Frauen im Vorstand bei 0 % liegt. 

wmn: Würden Sie sagen, dass sich in den letzten Jahren schon viel zum Positiven entwickelt hat?

Frau Platen: Erst kam die gesetzliche Frauenquote, jetzt das Entgelttransparenzgesetz. Beide Gesetze zeigen, dass sich etwas verändert, aber mir persönlich geht die Entwicklung viel zu langsam. Wir brauchen mehr Chefs und Chefinnen, die über den Tellerrand schauen, mehr Unternehmen, die sich selbst analysieren und aktiv etwas gegen den Gender Pay Gap tun. Nur das Schließen dieser Lohnlücke führt zu Gleichstellung. Geld ist der Schlüssel zur Gleichstellung.

wmn: Danke fürs Gespräch, Frau von Platen!

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