Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Deutschland ist das Land der Ideen und Innovationen. Aber was Deutschland nicht ist: das Land der Gründer. Denn nach der Ausbildung oder dem Studium zieht es viele Menschen in große Unternehmen wie Porsche oder Bosch, wo sie im typischen Angestelltenverhältnis arbeiten. Lediglich 10 Prozent aller Berufstätigen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und noch viel weniger gründen ihr eigenes Unternehmen. Wer es dennoch tut, ist meist jung, weiß und vor allem männlich.

Nur: Wieso gründen Frauen seltener als Männer? Und was passiert wirklich, wenn sich Frauen in den Chefsessel setzen? wmn klärt auf.

Wie oft gründen Frauen wirklich?

Vor wenigen Wochen ging ein Aufschrei durch die Republik, als zwei Männer in der TV-Show Die Höhle der Löwen ein Menstruationsprodukt für Frauen vorstellten: die sogenannten Pinky Gloves. Also pinke Handschuhe, mit denen Frauen ihren benutzten Tampon entsorgen können. Und das auf möglichst umweltunfreundliche, klischeehafte und unnötige Art und Weise. Auf die beiden Männer rasselte ein Shitstorm ein und ein Raunen ging durch die Medien. Viele fragten sich, wo denn eigentlich die weiblichen Gründerinnen bleiben.

Ja, wo bleiben sie? Wo bleiben all die klugen Frauen, wenn es um die Gründung eines eigenen Unternehmens geht? Eine Antwort auf diese Frage liefert uns der Female Founders Report. Laut dem Bericht sind gerade einmal 12 Prozent aller Start-Up-Gründer:innen weiblich. Damit gibt es in der ultrahippen Szene noch weniger Gründerinnen als in der Gesamtwirtschaft, wo der Frauenanteil bei 18 Prozent liegt. Aber so erschreckend diese Zahlen auch wirken, so wichtig ist ein zweiter, genauerer Blick, um kein falsches Bild zu vermitteln.

Denn der Anteil an weiblichen Gründerinnen ist nicht in allen Branchen so gering. Zum Beispiel im Zahnarztbereich, wie eine Analyse des Instituts der Deutschen Zahnärzte und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zeigt. Und auch in der Friseur- und Kosmetikbranche sind es vor allem Frauen, die die Geschäfte leiten. Ein vollkommen anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn man in die Kfz-, IT- und Ingenieursbranche schaut, in denen noch immer vorwiegend Männer an der Spitze stehen.

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Frauen gründen seltener. Credit: Gettyimages/Flashpop /

Und wieso gründen Frauen seltener?

Diese Frage hat wmn dem Soziologen und Politikwissenschaftler Dr. René Leicht gestellt. Er beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Zugangschancen zum Arbeitsmarkt und der Selbstständigkeit und erklärt: „Unterm Strich gründen Männer fast doppelt so häufig wie Frauen. Das liegt auch daran, dass Männer männertypische Berufe und Frauen frauentypische Berufe wählen. Die Jobs der Männer führen jedoch mit vergleichsweise höherer Wahrscheinlichkeit in die Selbstständigkeit. Ganz im Gegensatz zu denen der Frauen, denn Lehr-, Heil- oder Verwaltungsberufe münden häufig in den öffentlichen Dienst oder in große Organisationen. Das heißt, diese Berufe sind zwar für die Gesellschaft wichtig, aber sie eignen sich weniger für die Selbstständigkeit.“

Laut dem Experten machen sich Frauen, die in typische Männerberufe vorrücken, dort genauso häufig selbstständig wie ihre männlichen Kollegen. Weil der Frauenanteil in diesen Berufszweigen aber generell niedriger ist, gibt es natürlich auch weniger Gründerinnen.

Geschlechterspezifische Stereotype und Sozialisation sind mit dafür verantwortlich, dass Frauen seltener gründen als Männer.

Dr. René Leicht, Soziologe und Politikwissenschaftler

In den letzten Jahrzehnten hat sich an diesem Gefälle zwischen Männern und Frauen in puncto Selbstständigkeit jedoch kaum etwas verändert, weshalb der Soziologe vor allem die geschlechterspezifischen Stereotype und die Sozialisation dafür verantwortlich macht: „Junge Mädchen bekommen häufig Mädchenspielzeug wie Barbies und Puppen und Jungs bekommen Bagger und Traktoren geschenkt, weshalb es nicht wundert, wenn sich Frauen später auch eher für Frisuren und Männer für technische Sachen interessieren.

„Solche und ähnliche Mechanismen wirken sich auch auf die Berufswahl aus“, erklärt Leicht die gravierenden Folgen. Der Wissenschaftler sieht jedoch noch andere Folgen gesellschaftlicher Ungleichheit: „Da Frauen stärker durch die Familienarbeit gebunden werden, haben sie seltener die Freiheit, ihre unternehmerischen Ambitionen auch tatsächlich zu leben.“

Benachteiligung & zu wenige Vorbilder

Aber es spielen noch weit mehr Gründe eine Rolle, weiß Jeannette Zeidler, die vor einigen Jahren als selbstständige Übersetzerin gearbeitet hat. Heute berät sie mit ihrem Team von der Gründerinnenzentrale Frauen , die ebenfalls gründen wollen: „Zwischen 30 und 40 bekommen viele Frauen Kinder, wodurch sie einen Karriereknick erleben und weniger Geld verdienen als ihre männlichen Kollegen und später weniger Startkapital für eine Gründung haben“, sagt sie gegenüber wmn. Und auch bei der Kreditvergabe haben Frauen oft das Nachsehen: „Für ein Experiment sind ein Mann und eine Frau mit dem exakt gleichen Businessplan zur Bank gegangen. Und am Ende hat nur der Mann den Kredit bekommen, während die Frau mit leeren Händen dastand“, ärgert sich Zeidler.

Dass sich nicht noch mehr Frauen als Gründerin probieren, könnte laut dem Female Founders Report aber auch daran liegen, dass es zu wenig weibliche Vorbilder gibt. Denn in den Medien haben in den letzten Jahren vor allem männliche Gründer eine Bühne geboten bekommen.

Warum es für Frauen ein Vorteil sein kann, zu gründen

Doch welche Vorteile hat eine Frau, wenn sie gründet, anstatt angestellt zu bleiben? Leichts Antwort: „Sie kann ein Unternehmen aufbauen, das ihren eigenen Ideen entspricht. Sie kann die gläserne Decke durchbrechen, die es vielen Frauen unmöglich macht, in die Führungsebene aufzusteigen. Und das wiederum kann die Selbstwirksamkeit und Arbeitszufriedenheit erhöhen.“

Aber es winken noch mehr Vorteile: Sind Frauen selbstständig, verdienen sie im Durchschnitt auch mehr als in einer abhängigen Beschäftigung. Zumindest, wenn sie in Vollzeit arbeiten. Als Gründerin können sie sich außerdem ihre Zeit flexibler einteilen und dadurch Job und Familie besser unter einen Hut bringen. „Aber Vorsicht: Nicht alle Selbstständigen können so flexibel arbeiten. Im Coachingbereich zum Beispiel wollen viele Kund:innen eine Session am Nachmittag buchen und nicht am Vormittag oder späten Abend. Weshalb sich viele Selbstständige ihre Zeit nicht so komplett frei einteilen können, wie sie sich das am Anfang vorstellen“, warnt Zeidler vor falschen Hoffnungen.

Aber nicht nur die Frauen selbst, sondern auch die Gesellschaft könnte davon profitieren, wenn in den Chefsesseln mehr Frauen sitzen: „Denn sie bereiten sich genauer vor, planen gründlicher und starten dann mit ihrem Business auch eher durch. Ich habe oft erlebt, dass Frauen auf maximalen Erfolg aus sind und Fehler beziehungsweise Fuck-Ups nicht feiern“, erklärt Zeidler und weist auf eine Studie der Boston Consulting Group hin, laut der Frauen etwa doppelt so viel pro investierten Dollar erwirtschaften wie Männer!

Frauen gründen
Wenn mehr Frauen gründen würden, würde die Gesellschaft davon profitieren – glauben Expert:innen. Credit: getty images / maskot

Wenn Frauen gründen, gewinnt auch das Unternehmen

Auch andere Studien, wie zum Beispiel von der Beratungsfirma McKinsey, geben einen Hinweis darauf, dass Frauen in Führungspositionen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Unternehmen überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielt. Doch so ermutigend diese Studienergebnisse auch sind, so problematisch sind sie gleichzeitig auch.

Denn sie stellen bislang nur eine Korrelation und keine Kausalität her. Heißt: Sie beweisen nicht zweifelsfrei, dass die satten Gewinne wirklich an den Frauen und nicht an anderen Gründen liegen. Aber mehr als das. Sie verstärken auch eine übertriebene Erwartungshaltung an die wirtschaftlichen Erfolge von Frauen: „Dabei haben sie es ohnehin schon schwerer, in höhere berufliche Positionen zu kommen. Und wenn sie es dann endlich schaffen, müssen sie auch noch viel stärker beweisen, dass sie es wirklich verdient haben. Das ist unfair“, urteilt Leicht.

Und auch Zeidler weiß, dass Frauen enorm unter Druck stehen: „Sie müssen immer besser sein als Männer. Das wird automatisch von ihnen erwartet. Aber sie kämpfen auch mit Vorurteilen, mit denen sich Männer nicht rumschlagen müssen. So werden sie oft nicht als besonders durchsetzungsstark bewertet, sondern als zickig. So werden sie zwar als sozial kompetenter eingestuft, aber ihnen wird ein schlechteres Zahlenverständnis unterstellt.“

Und wenn sich Frauen selbstständig machen wollen: Welche Tipps machen es ihnen einfacher?

Insbesondere in der technologieorientierten Start-Up Branche wird der Ruf nach weiblichen Vorbildern immer lauter. Doch wie schafft man es, den Frauenanteil zu erhöhen? Da Gründer:innen am Anfang immer vor der großen Finanzierungsfrage stehen, sollten sie die eigene Geschäftsidee anhand eines Businessplans auf Herz und Nieren überprüfen. Fehlt ihnen Startkapital, können sie sich das nötige Kleingeld auch über einen sogenannten Business Angel holen. Also jemanden, der sie nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch schon viel Erfahrung beim Gründen mitbringt.

Doch Expert:innen wie etwa die  IUBH-Professorin für Entrepreneurship und Innovation Alexandra Wuttig warnen, dass männliche Investoren eher in männliche Gründer investieren. Frauen können deshalb gezielt nach weiblichen Business Angels Ausschau halten oder Männer mit zum Gespräch nehmen, wie Zeidler rät.

Gründerinnen
Wenn Frauen gründen, verdienen sie mehr als Angestellte. Foto: Petar Chernaev / Petar Chernaev/ istock

Frauen, die gründen: Der Austausch zählt

Doch insbesondere wenn es ums Geld geht, machen Frauen immer wieder den Fehler, sich unter Wert zu verkaufen oder sich nicht genug mit dem oder der Partner:in abzusprechen, wenn es um die Erziehung von Kindern geht. „Nur weil selbstständige Frauen flexibler arbeiten können, heißt das ja nicht, dass sie auch mehr Haus- und Familienarbeit übernehmen müssen“, weiß Zeidler und rät Frauen, auch die Kontakte außerhalb der Familie zu pflegen. „Da Deutschland kein Gründungsland ist, können viele festangestellte Freund:innen oder Familienmitglieder überhaupt nicht verstehen, wie viel Überwindung es einen kostet, zehn E-Mails an Investor:innen zu schreiben. Mein Ratschlag an alle angehenden Gründerinnen ist deshalb auch, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.“

Doch wie eingangs schon erwähnt, bleibt das Grundproblem natürlich bestehen: „In den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen arbeiten einfach zu wenig Frauen, wodurch wir in den Berufszweigen natürlich auch weniger Gründerinnen haben. Um das zu ändern, hilft nur eines: Es müssen mehr Frauen diese Fächer studieren“, weiß Leicht. Hoffnung, dass sich das in Zukunft verändern wird, macht ihm aber, dass der Frauenanteil in den sogenannten MINT-Fächern in den letzten Jahren schon gestiegen ist.

Und auch Zeidler schaut optimistisch in die Zukunft: „Wir als Gründerinnenzentrale glauben, dass sich in den nächsten Jahren noch sehr viel auf staatlicher Ebene tun muss. Unser Wunsch ist deshalb, dass wir eines Tages mal überflüssig werden“, schließt sie ab.

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